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Energie & Management > E&M Vor 20 Jahren - Gipfeltreffen bei Merkel
Quelle: E&M / Georg Eble
E&M Vor 20 Jahren

Gipfeltreffen bei Merkel

Kurz vor Ostern 2006 lud Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Energiegipfel. Die Stimmung davor und die Ruhe danach, beschrieb unsere Korrespondentin in Berlin.
Vor 20 Jahren führte Cerstin Gammelin, die damalige E&M-Korrespondentin in Berlin, ein Tagesbuch über die energiewirtschaftlichen Polit-Inszenierungen in der Hauptstadt. Hier ihre Notizen Ende März und Anfang April.
 
 
Donnerstag, 30. März
Der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) erhebt kurz vor dem Energiegipfel seine Stimme. „Deutsche Stromnetze müssen intelligenter werden“, fordert Professor Wolfgang Schröppel aus dem VDE-Präsidium in der Bundespressekonferenz. Mangelnder Um- und Ausbau – die Investitionen ins deutsche Stromversorgungssystem hätten seit den 80er Jahren um 40 Prozent abgenommen – bei wachsenden Einspeisemengen von erneuerbaren Energien würden die Gefahr von Engpässen und Blackouts im Netz signifikant erhöhen.
Wie gut passt es da, dass das Kanzleramt am selben Tag die zum Energiegipfel geladenen Versorger und Stadtwerke nochmals zur Abstimmung der Investitionslisten für Kraftwerke und Netze bittet, die am 3. April im Beisein der Kanzlerin präsentiert und verabschiedet werden sollen. „Fast schon ein Routinetermin“, frotzelt einer der Geladenen.

Mittwoch, 31. März
Die Heinrich-Böll-Stiftung und die Deutsche Umwelthilfe machen mobil gegen Atomkraft. Die von der Union und Teilen der Wirtschaft geforderte Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken würde den notwendigen Erneuerungsprozess des deutschen Kraftwerksparks verhindern, während die Betreiber jährlich 300 Millionen Euro Zusatzerträge je Kernkraftwerk verbuchen könnten.

Sonntag, 2. April
Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt in Berlin, auf die Gipfel-Teilnehmer warte „viel Arbeit“.

Montag, 3. April
„Wir waren eher da“, stellt Gerhard Widder im Berliner Maritim Hotel klar. Lange, bevor Merkel den 3. April zum Tag des ersten Energiegipfels aussuchen ließ, buchte ihn der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) als ersten Tag seines Kongresses „Stadtwerk der Zukunft – Perspektiven kommunaler Energieversorgung“. VKU-Präsident Widder kann so ein paar Stunden vor dem großen Auftritt im Kanzleramt üben, vor rund 100 Zuhörern seine Forderungen an die Politik und das 5,2-Milliarden-Euro schwere Investitionsprogramm zu präsentieren.
Nur wenig später – und an einem anderen Ort – trumpft auch der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) noch einmal auf. Mit Investitionsankündigungen von 200 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 gehe der BEE heute ins Kanzleramt, verkündet BEE-Geschäftsführer Milan Nitzschke in der Bundespressekonferenz. Frank Asbeck bringt sogar noch den Fußball ins energiepolitische Spiel. Der Vorstandschef der Solarworld AG vergleicht die erneuerbaren Energien mit teuer eingekauften Fußballspielern auf der Reservebank – deren Zukunft aber in der Schwäche der herkömmlichen fossilen Spieler liegt. „Wer in der ersten Halbzeit zurück liegt, braucht in der zweiten Halbzeit neue Spieler. Das sind die erneuerbaren Energien“, erläutert Asbeck. Ob auch Kanzlerin Merkel später mit Fußball-Logik überzeugt werden sollte, ist leider nicht überliefert.
Zahlreiche Vertreter von Umweltverbänden finden sich vor dem Kanzleramt ein. Sie sind zwar nicht eingeladen an diesem Abend, wollen aber auf Meinungsäußerungen nicht verzichten. Deshalb bauen die ungebetenen Gäste ihre Vorstellungen von moderner Energiepolitik vor dem Kanzlerzaun auf: Einen dem Unglücksreaktor von Tschernobyl nachempfundenen Sarkophag.

Dienstag, 4. April
Der Gipfel ist vorbei – und energiepolitisch ist alles wie es war. Sanfte Ruhe legt sich über die Aufregungen und Ankündigungen der Vortage. Zwar muss Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bestätigen, dass auf Drängen der Vorstandschefs der Verbundunternehmen auch über die Zukunft der Kernenergie gesprochen wurde. Aber nach getaner Arbeit erklärt Gabriel lächelnd: „Sie können Gästen nicht vorschreiben, worüber sie reden dürfen.“ Für Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), war das Gipfelgespräch mit Atomdiskussion schon existenzieller, nämlich der „Grundstein für ein energiepolitisches Gesamtkonzept“. Bei weiteren Arbeitsgesprächen müsse „gleich mit über den Tellerrand geschaut werden, um Lösungen im europäischen Maßstab zu finden.“ Enttäuscht sind die Umweltverbände, „Die falschen Leute“ hätten über die „falschen Themen“ gesprochen, kritisierte NABU-Präsident Olaf Tschimpke.
 

Samstag, 21.03.2026, 20:48 Uhr
Fritz Wilhelm
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Quelle: E&M / Georg Eble
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Kurz vor Ostern 2006 lud Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Energiegipfel. Die Stimmung davor und die Ruhe danach, beschrieb unsere Korrespondentin in Berlin.
Vor 20 Jahren führte Cerstin Gammelin, die damalige E&M-Korrespondentin in Berlin, ein Tagesbuch über die energiewirtschaftlichen Polit-Inszenierungen in der Hauptstadt. Hier ihre Notizen Ende März und Anfang April.
 
 
Donnerstag, 30. März
Der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) erhebt kurz vor dem Energiegipfel seine Stimme. „Deutsche Stromnetze müssen intelligenter werden“, fordert Professor Wolfgang Schröppel aus dem VDE-Präsidium in der Bundespressekonferenz. Mangelnder Um- und Ausbau – die Investitionen ins deutsche Stromversorgungssystem hätten seit den 80er Jahren um 40 Prozent abgenommen – bei wachsenden Einspeisemengen von erneuerbaren Energien würden die Gefahr von Engpässen und Blackouts im Netz signifikant erhöhen.
Wie gut passt es da, dass das Kanzleramt am selben Tag die zum Energiegipfel geladenen Versorger und Stadtwerke nochmals zur Abstimmung der Investitionslisten für Kraftwerke und Netze bittet, die am 3. April im Beisein der Kanzlerin präsentiert und verabschiedet werden sollen. „Fast schon ein Routinetermin“, frotzelt einer der Geladenen.

Mittwoch, 31. März
Die Heinrich-Böll-Stiftung und die Deutsche Umwelthilfe machen mobil gegen Atomkraft. Die von der Union und Teilen der Wirtschaft geforderte Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken würde den notwendigen Erneuerungsprozess des deutschen Kraftwerksparks verhindern, während die Betreiber jährlich 300 Millionen Euro Zusatzerträge je Kernkraftwerk verbuchen könnten.

Sonntag, 2. April
Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt in Berlin, auf die Gipfel-Teilnehmer warte „viel Arbeit“.

Montag, 3. April
„Wir waren eher da“, stellt Gerhard Widder im Berliner Maritim Hotel klar. Lange, bevor Merkel den 3. April zum Tag des ersten Energiegipfels aussuchen ließ, buchte ihn der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) als ersten Tag seines Kongresses „Stadtwerk der Zukunft – Perspektiven kommunaler Energieversorgung“. VKU-Präsident Widder kann so ein paar Stunden vor dem großen Auftritt im Kanzleramt üben, vor rund 100 Zuhörern seine Forderungen an die Politik und das 5,2-Milliarden-Euro schwere Investitionsprogramm zu präsentieren.
Nur wenig später – und an einem anderen Ort – trumpft auch der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) noch einmal auf. Mit Investitionsankündigungen von 200 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 gehe der BEE heute ins Kanzleramt, verkündet BEE-Geschäftsführer Milan Nitzschke in der Bundespressekonferenz. Frank Asbeck bringt sogar noch den Fußball ins energiepolitische Spiel. Der Vorstandschef der Solarworld AG vergleicht die erneuerbaren Energien mit teuer eingekauften Fußballspielern auf der Reservebank – deren Zukunft aber in der Schwäche der herkömmlichen fossilen Spieler liegt. „Wer in der ersten Halbzeit zurück liegt, braucht in der zweiten Halbzeit neue Spieler. Das sind die erneuerbaren Energien“, erläutert Asbeck. Ob auch Kanzlerin Merkel später mit Fußball-Logik überzeugt werden sollte, ist leider nicht überliefert.
Zahlreiche Vertreter von Umweltverbänden finden sich vor dem Kanzleramt ein. Sie sind zwar nicht eingeladen an diesem Abend, wollen aber auf Meinungsäußerungen nicht verzichten. Deshalb bauen die ungebetenen Gäste ihre Vorstellungen von moderner Energiepolitik vor dem Kanzlerzaun auf: Einen dem Unglücksreaktor von Tschernobyl nachempfundenen Sarkophag.

Dienstag, 4. April
Der Gipfel ist vorbei – und energiepolitisch ist alles wie es war. Sanfte Ruhe legt sich über die Aufregungen und Ankündigungen der Vortage. Zwar muss Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bestätigen, dass auf Drängen der Vorstandschefs der Verbundunternehmen auch über die Zukunft der Kernenergie gesprochen wurde. Aber nach getaner Arbeit erklärt Gabriel lächelnd: „Sie können Gästen nicht vorschreiben, worüber sie reden dürfen.“ Für Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), war das Gipfelgespräch mit Atomdiskussion schon existenzieller, nämlich der „Grundstein für ein energiepolitisches Gesamtkonzept“. Bei weiteren Arbeitsgesprächen müsse „gleich mit über den Tellerrand geschaut werden, um Lösungen im europäischen Maßstab zu finden.“ Enttäuscht sind die Umweltverbände, „Die falschen Leute“ hätten über die „falschen Themen“ gesprochen, kritisierte NABU-Präsident Olaf Tschimpke.
 

Samstag, 21.03.2026, 20:48 Uhr
Fritz Wilhelm

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