Seit mehr als 100 Jahren wird auf der Ingelheimer Aue Energie erzeugt, 1899 ging das erste Kraftwerk ans Netz. Heute gibt es dort ein überaus flexibles BHKW mit 10 mal 10 MW elektrisch und 90 MW thermisch, das in nur drei Minuten startklar ist und schnell Strom liefern kann, wenn etwa die Erneuerbaren schwächeln. Der Brennstoffnutzungsgrad liegt bei bemerkenswerten 85 Prozent, mit Baujahr 2021 ist das BHKW die jüngste Erzeugungsanlage, die die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW) am Standort betreibt.
Die älteste ist das Kombikraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 330 MW, das hier seit 1977 Dienst tut, allerdings jetzt nur noch in der Netzreserve. Für 2031 ist die Stilllegung des Gasblocks geplant. Der größte Energieerzeuger vor Ort ist das 406-MW-GUD-Kraftwerk, dem vor gut zehn Jahren noch mal eine viele Millionen Euro teure effizienzsteigernde Nachrüstung verpasst wurde. Seit 2004 schließlich läuft das Müllheizkraftwerk, das rund um die Uhr 20 MW Strom und 25 MW Wärme fürs Fernwärmenetz liefert. Dazu Prozessdampf für ein benachbartes Unternehmen.
Fernwärme spielt zentrale RolleÜberhaupt spielt die Fernwärme eine zentrale Rolle in Mainz: Über ein 100 Kilometer langes Netz werden 1.000 Immobilien versorgt: Haushalte, Gewerbe- und Industriebetriebe, der Dom, die Universität, die Uniklinik, ja sogar die Rasenheizung im Stadion des 1. FSV Mainz 05 ist angeschlossen. Und um das ganze System gut im Lot zu halten, gibt es drei große Wärmespeicher mit einer Kapazität von 750 MWh.
Zu diesem eindrucksvollen Aufgebot an Erzeugungsanlagen sollen jetzt noch weitere dazukommen − und Abnehmer für die viele Energie gleich auch noch.
Größter Stromverbraucher und ein Zukunftsthema, von dem man bereits etwas sieht, ist das Rechenzentrum, genauer gesagt der Bauabschnitt 1, der erste von drei Quadern. Mit stolzen 80 MW wollen die einmal beliefert werden. Errichtet wird das Ganze von der KMW gemeinsam mit dem norwegischen Partner Green Mountain auf einer Fläche von 25.000 Quadratmetern, den grünen Strom liefern Erneuerbare-Anlagen, eigene Notstromaggregate sind vorgesehen: Es gibt genügend Kraftwerks-Power sozusagen um die Ecke. Bis Ende des Jahres soll das erste der drei Gebäude fertig sein, Baustart für Rechenzentrum Nummer 2 war auch schon.
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Das neue Rechenzentrum besteht aus drei Bauabschnitten Quelle: KMW |
Einen Großteil der Energie, die für das Rechenzentrum eingesetzt wird, geben die Millionen Mikrochips in Form von Wärme wieder zurück. Bis zu 60 MW sollen es sein. Um die besonders effektiv zu nutzen, soll direkt nebenan eine Großwärmepumpe entstehen, die das auf 30 Grad Celsius aufgeheizte Rheinwasser, das zur Kühlung eingesetzt wurde, auf 125 Grad bringt, gerade die richtige Temperatur fürs Fernwärmenetz. Für den Betrieb der Wärmepumpe wird Strom aus regenerativen Quellen eingesetzt, das von ihr abgekühlte Rhein-Wasser fließt wieder zurück in den Kühlkreislauf des Rechenzentrums.
Neues Gasmotorenkraftwerk: effizient und zukunftsfähigZur Ergänzung des vorhandenen Kraftwerksparks soll bis Ende 2027 ein weiteres Gasmotorenkraftwerk ans Netz gehen. Es besteht aus zwölf Jenbacher Gasmotoren mit je 4,5 MW, die sich − wie beim bestehenden BHKW − einzeln zu- und abschalten lassen. Das Kraftwerk kann mit seinen 54 MW Grund-, Mittel- und Spitzenlast abdecken, schwankende Einspeisung von Regenerative-Energie-Anlagen ausgleichen und, im Fall der Fälle, ebenfalls für Rechenzentrumsnotstrom zur Verfügung stehen.
„Das neue Gasmotorenkraftwerk ist ein strategischer Meilenstein für die Energieversorgung in Mainz. Es verbindet Effizienz mit Zukunftsfähigkeit und sichert den Betrieb unseres Rechenzentrums auch im Schwarzfall ab“, betonte KMW-Vorstand Oliver Malerius zum Start des Genehmigungsverfahrens im Februar.
Als Brennstoff wird zunächst Erdgas genutzt, die Aggregate können später aber auch mit Wasserstoff betrieben werden.
Noch in Wartestellung ist derweil das „Zukunftskraftwerk“. 250 MW Strom und 100 MW Wärme soll es einmal produzieren, auch hier: erst Erdgas, später Wasserstoff, auch hier: Back-up für Wind- und Solaranlagen, Fernwärme für Mainz, Notstrom fürs Rechenzentrum. Jetzt aber ist erst mal die Bundesregierung am Zuge, bei KMW wartet man auf die „konkrete Ausgestaltung der Kraftwerksstrategie“. Sobald diese feststehe, werde man das Projekt wirtschaftlich bewerten und über eine mögliche Teilnahme an einer Ausschreibung entscheiden.
Mit der Sanierung des Baugrundstücks sowie der Ausführungsplanung war man bereits in Vorleistung gegangen. „Das Aus der Ampelregierung und damit der Wegfall der Kraftwerksstrategie hat uns damals hart getroffen“, räumt Malerius gegenüber E&M ein.
Batteriespeicher und CampusUm wie mit den Wärmespeichern auch beim Strommanagement flexibler agieren zu können, ist geplant, das Erzeugungsportfolio auf der Ingelsteiner Aue durch einen 22-MW-Batteriespeicher mit einer Kapazität von 60 MWh zu ergänzen. Die Inbetriebnahme der Anlage des Herstellers Intilion ist für Anfang 2027 vorgesehen. Der Speicher soll flexibel am Strommarkt und auch netzdienlich eingesetzt werden.
Bei einem weiteren Großprojekt auf dem Gelände schließlich geht es um die Arbeitsorganisation der KMW-Gruppe. Der „Campus“ bringt die Hunderte Meter auseinanderliegenden Einheiten Verwaltung und Technik in einem modernen, offen gestalteten Gebäude zusammen mit dem Ziel, den gegenseitigen Austausch zu fördern. „Die Zusammenlegung in unserem geplanten Campus-Gebäude wird Synergien schaffen − nicht nur operativ, sondern auch menschlich. Mit der Umsetzung stellen wir unser Team zukunftssicher auf. So können wir Chancen schneller nutzen, die sich in der Entwicklung des Energiemarktes ergeben“, ist Vorstand Malerius überzeugt.
Und auch davon, dass man investieren müsse, um den Standort wirtschaftlich und vor allem nachhaltig aufzustellen. Für alle geplanten Projekte gebe es die politische Unterstützung und die Zustimmung der Gesellschafter, das sind zu jeweils 50 Prozent die Kommunen Mainz und Wiesbaden.
Die KMW (Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG) gehört je zur Hälfte der Mainzer Stadtwerke AG und der ESWE Versorgungs AG, früher Stadtwerke Wiesbaden. Das Unternehmen hat aktuell rund 500 Beschäftigte und beliefert seit 1931 den Großraum Mainz-Wiesbaden mit Strom und Wärme. 1899 war Start der Stromerzeugung auf der Ingelheimer Aue.
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KMW-Standort Ingelheimer Aue, hinten links am Bildrand das GUD-Kraftwerk, rechts daneben Kombikraftwerk und Wärmespeicher Quelle: KMW |
Dienstag, 14.04.2026, 08:16 Uhr
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