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Das geplante Netzpaket des Bundeswirtschaftsministeriums könnte laut einer Enervis Studie 32.000 MW Wind- und PV-Projekte blockieren und 45 Milliarden Euro Investitionen gefährden.
Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) arbeitet derzeit intensiv am Netzpaket. Laut einem aktuellen Papier aus dem Ministerium vom 20. März soll der Vorschlag eines Redispatch-Vorbehalts unverändert in die Ressortkoordinierung eingehen. Ziel des Pakets ist es, die Kosten für Abregelungen von Erneuerbare-Energien-Anlagen zu senken. Die geplante Regelung sieht vor, dass Betreiber in überlasteten Netzgebieten künftig keinen Ausgleich für Abregelungen mehr erhalten.
Die Folgen dieser Änderung hat das Beratungsunternehmen Enervis Energy Advisors im Auftrag des Ökostromanbieters Green Planet Energy untersucht. Carolin Dähling, Bereichsleiterin Politik bei Green Planet Energy sagte: „Die Untersuchung zeigt, dass rund 32.000 MW an Vorhaben betroffen wären, die bereits genehmigt sind, sich im Verfahren befinden oder kurzfristig gebaut werden könnten. Das entspricht einem Investitionsvolumen von etwa 45 Milliarden Euro.“
Dähling kritisierte, dass das Ministerium mit dem Netzpaket Projekte infrage stellt, die längst startklar sind. „Die Bundesregierung muss alles daransetzen, jede Kilowattstunde aus Erneuerbaren zu nutzen – für mehr Unabhängigkeit, starke Regionen und verlässlichere Energiepreise“, appellierte Dähling. Ohne verlässliche Netzanschlüsse stünden auch die vom BMWE angekündigten 12.000 MW zusätzliche Windkraftausschreibungen ohne Standorte infrage.
90 Landkreise mit KapazitätslimitsDie Studie identifiziert für das Jahr 2025 insgesamt 90 Landkreise, die als „kapazitätslimitierte Netzgebiete“ gelten würden. Dort könnten neue Wind- und Solaranlagen zwar weiterhin gebaut werden, Betreiber erhielten jedoch keine Entschädigung mehr für Redispatch-Abregelungen. Besonders betroffen wären Landkreise in Ostfriesland, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern.
Da das Ministerium nicht zwischen Technologien unterscheidet, wären Regionen mit starkem PV-Ausbau von Einschränkungen für neue Windprojekte betroffen und umgekehrt. Für die Windenergie an Land zeigt die Studie, dass rund 23.000 MW an genehmigten oder im Verfahren befindlichen Anlagen vor dem Aus stehen. Das entspricht etwa 30 Prozent der Projekte und rund 40 Milliarden Euro Investitionen.
Bei der Photovoltaik könnten etwa 9.200 MW kurzfristig realisierbarer Freiflächenprojekte wegfallen, was rund 4,9 Milliarden Euro Investitionen betrifft – fast dem gesamten Jahreszubau an PV-Freiflächenanlagen entsprechend. Studienautor Tim Höfer weist darauf hin, dass die Zahl der betroffenen Regionen in windstärkeren Jahren noch steigen könnte. „Der geplante Redispatchvorbehalt verschlechtert die Investitionsbedingungen für viele weit entwickelte Projekte.“
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Vom Redispatchvorbehalt betroffene Gebiete in Deutschland (zur Vergrößerung bitte auf die Grafik klicken) Quelle: Enervis |
Mangelnde Datenlage über NetzzustandDie Erlösrisiken steigen, da nicht verlässlich vorhersehbar ist, ob eine Region im Projektzeitraum als kapazitätslimitiert ausgewiesen wird. Der fehlende finanzielle Ausgleich reduziere die Wirtschaftlichkeit zusätzlich. „Die höheren Erlösrisiken werden in Gebote eingepreist, und ein geringerer Wettbewerb ermöglicht strategischere Gebote. Beides kann dazu führen, dass die Förderkosten steigen“, warnte Höfer. Aktuell hätten viele der 866 Betreiber selbst keine stundenaktuelle Übersicht über ihre Netzauslastung.
Green Planet Energy fordert, das Netzpaket grundlegend zu überarbeiten. Statt Risiken auf Projektierer abzuwälzen, sollten klare, faire und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Ausbau beschleunigen. Dazu zählen ein beschleunigter Netzausbau, Digitalisierung und Flexibilitätsoptionen. Dähling erläutert: „Den Erneuerbaren die Schuld für Netzprobleme zu geben, ist, als würde man dem Wasser marode Leitungen anlasten.“ Nicht Wind und Sonne seien das Problem, sondern Netze, die seit Jahren nicht modernisiert wurden.
Empfehlungen von Green Planet EnergyDas Unternehmen empfiehlt, Netzbetreiber stärker in die Verantwortung zu nehmen. Das Netzpaket setze derzeit keine Anreize für effiziente Anschlüsse, genehmige lange Ausbauzeiten von bis zu zehn Jahren und bremse die Digitalisierung der Netze. Zudem sollten einheitliche Standards für den Netzanschluss eingeführt werden, um die Lasten fair zu verteilen.
Minimalinvasive Alternativen zum Redispatch-Vorbehalt könnten regionale Baukostenzuschüsse, Bonus-Malus-Regelungen bei PV-Freiflächen-Ausschreibungen oder systemdienliche Anschlussleistungen umfassen. Laut Green Planet Energy sei entscheidend, die laufenden Prozesse wie AgNes oder Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sowie Instrumente zur räumlichen Steuerung zu berücksichtigen, um die Investitionsbedingungen planbar zu halten.
Die
Enervis-Studie zu Auswirkungen des Netzpakets steht als PDF zum Download bereit.
Mittwoch, 25.03.2026, 15:02 Uhr
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