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Enerige & Management > IT -  Ziemlich beste Partner
Bild: Rechenzentrum_Bild Rolls-Royce Power Systems AG
IT:
Ziemlich beste Partner
Eon und SAP entwickeln gemeinsam eine Plattform für Abrechnung und Marktkommunikation. Die Essener versprechen sich dadurch eine Rendite, für die Walldorfer geht es auch ums angekratzte Renommee.
 
Das Thema ist ganz hoch aufgehängt. Am 28. Juli dieses Jahres war in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Eon und SAP zu lesen:
„Die Partnerschaft mit SAP ermöglicht es uns, Prozesse und Strukturen - insbesondere nach der Übernahme von Innogy – neu zu gestalten. Mit dem Projekt setzen wir einen neuen Maßstab im Markt. Die größtmögliche Automatisierung und Standardisierung der neuen Plattform wird die Effizienz unserer Prozesse deutlich steigern.“ Das sind Worte von Thomas König, im Eon-Vorstand für das Netzgeschäft verantwortlich.

Christian Klein, CEO der SAP, ließ sich so vernehmen: „Die enge Zusammenarbeit mit Eon ist nicht nur ein überzeugendes Beispiel dafür, wie mittels Technologie Geschäftsentscheidungen vereinfacht, neue Geschäftsmodelle ermöglicht und nachhaltig Wert generiert werden kann. Die heutige Entscheidung ist ein starkes Bekenntnis zur SAP Industry Cloud und untermauert unseren Anspruch, der bevorzugte Partner unserer Kunden in allen Fragen der digitalen Transformation zu sein.“

Es geht um Millionen. Einmal geht es um mehr als 14 Millionen Zählpunkte beziehungsweise Marktlokationen im Eon/Innogy-Gebilde, die unter einem gemeinsamen digitalen Dach automatisiert abgerechnet werden sollen. Es handelt sich um das größte IT-Projekt dieser Art in Deutschland – rund ein Viertel des Marktes ist damit abgedeckt.

Die Einführung der innovativen Cloud-Lösungen soll langfristig eine Kosteneinsparung von mehr als 40 % ergeben, heißt es bei Eon. Konkrete Zahlen sind nicht zu erfahren, aber es lässt sich leicht abschätzen, dass es da um viele Millionen Euro an Einsparungen geht.

Langfristig eine Kosteneinsparung von mehr als 40 %

Die Walldorfer werden erstmal Millionen Euro in das Projekt investieren, die sich langfristig bezahlt machen. Was bei Eon gesät wird, lässt sich durch Aufträge von anderen Energieversorgern in Deutschland, aber auch in internationalen Märkten noch ernten.

Ziemlich beste Partner: SAP erzielte im Geschäftsjahr 2019 einen Umsatz von 27,5 Mrd. Euro (3,9 davon in Deutschland) und hatte im September desselben Jahres einen Börsenwert von 135 Mrd. Euro, damit war das Unternehmen das wertvollste im Dax. Eon und Innogy hatten 2019 gemeinsam einen Umsatz von knapp 77 Mrd. Euro, das Adjusted Ebitda betrug 6,897 Mrd. Euro, und die Marktkapitalisierung lag bei gut 44 Mrd. Euro. Wirklich vergleichen lassen sich Eon und SAP allerdings nicht, es handelt sich auch um Momentaufnahmen.

So ganz von ungefähr kam diese Liaison von Eon und SAP nicht. Die Energieversorger von klein bis groß, die mit dem den Markt dominierenden SAP IS-U arbeiteten, sahen keine Perspektive mehr mit der in die Jahre gekommenen Software aus Walldorf, die ab dem Jahr 2025 auch gar nicht mehr bedient werden soll. Die BNetzA will im Rahmen der Anreizregulierung die Netzbetreiber anhalten, die Kosten zu senken und die Produktivität zu steigern. Genau das will Eon für ihre Kunden erreichen.

Aus diesem Vakuum heraus ist die „Verbandsübergreifende Initiative für die Energiewirtschaft“ (VÜI) entstanden (siehe E&M-Ausgabe 17/2020): Energieversorger unterschiedlicher Größe (darunter die Eon-Netzgesellschaften) trafen sich mit IT-Riesen (darunter SAP) und Software-Spezialisten, um vielleicht das ganz große Ding zu drehen, nämlich eine gemeinsame Plattform zu schaffen für die Abrechnung und die Marktkommunikation, von größtmöglicher Standardisierung bei beliebiger Individualisierung.

Von 60 Millionen Zählpunkten in der Cloud war die Rede; davon, dass sich jedes Unternehmen das an IT-Dienstleistung holen kann, was genau zu ihm passt; dass die individuellen Kosten dadurch gesenkt werden können; dass es ein Pay-per-use-Modell geben wird; dass man dadurch viel flexibler und schneller handeln könne. 
Das angebotene Menü der VÜI wurde nicht goutiert, im Jahr 2018 wurde die gemeinsame Küche geschlossen, weil die Gäste dann doch wieder ihr eigenes Süppchen kochen wollten. Geblieben aber war die Frage: Welche Rolle spielt zukünftig SAP für die EVU? „Die Kunden waren halt einfach ein Stück weit unzufrieden und haben überlegt, wie ihre Unternehmensarchitekturen in der Zukunft aussehen sollten“, hat Michael Utecht festgestellt, der bei SAP das Eon-Projekt managet.

Schon 2022 soll das Projekt erste Effizienzerfolge erzielen

2019 habe man sich mit einigen Netzbetreibern, darunter auch die von Eon zusammengesetzt, erzählt Utecht, um die kernkaufmännischen Prozesse daraufhin anzuschauen, wie sie standardisiert ablaufen könnten und wie man neue Techniken wie zum Beispiel Machine Learning integrieren könnte. Die Erkenntnis: „Wir müssen unsere Netzprozesse komplett digitalisieren“, so Utecht.

Mit anderen Worten: Die IT-Betriebskosten müssen deutlich sinken, und das will Eon nun mit „SAP S/4 HANA Utilities“ als Cloud-Lösung erreichen. Lutz Sülberg ist auf der Eon-Seite Projektleiter der im Konzern zuständigen „e. kundenservice Netz GmbH“: „Wir haben verschiedene Gespräche geführt, um zu sehen, welche Optionen der Markt bietet, und sind dabei zum Schluss gekommen, dass eine Partnerschaft mit SAP das Sinnvollste ist“, so der Diplom-Wirtschaftsinformatiker. Parallel zu Eon waren auch die ITler von Innogy auf der Suche nach neuen Wegen, um bei Abrechnung und Marktkommunikation Automatisierungspotenzial zu erschließen.

Michael Semrau war zu der Zeit bei Innogy Leiter Prozesse & IT für Netze und Infrastruktur, seit 2019 ist er Mitglied der Geschäftsführung in der E-Kundenservice Netz. Semrau: „Wir waren mit SAP auf einem ähnlichen Weg wie Eon, von daher war es sehr einfach, ein gemeinsames Bild zu entwickeln, wie man strategisch vorgehen will.“

Es geht um Integration und um Migration. Die Integration: Innogy geht in Eon auf. Die Migration: „Wir müssen alle Zählpunkte und die ganzen Kundendaten und Abrechnungen aus unserer Alt-Lösung IS-U in die neue Lösung migrieren, das ist ein wirklich großes Projekt, das man nicht in einem Jahr umsetzt“, so Sülberg.
Und der Plan dafür ist ehrgeizig. „Bereits bis Mitte des Jahres 2022 soll das Projekt erste Erfolge bei der Effizienz der Prozesse erreichen“, hat Eon am 28. Juli 2020 verkündet, „die Einführung der innovativen Cloudlösung soll langfristig eine Kostenersparnis von mehr als 40 Prozent ergeben“, so die Botschaft des Konzerns.
Was steckt dahinter bei SAP, wie viele Menschen arbeiten daran? Utecht: „Zahlen kann ich Ihnen da nicht nennen, es sind verschiedene Entwicklungseinheiten weltweit damit beschäftigt; es muss neue Software entwickelt werden; es sind Betriebsleute zur Betreuung der notwendigen Maschinen dabei; unsere Consultingabteilung ist involviert, die ist teilweise bei Eon vor Ort oder arbeitet das remote ab.“

Und wie sieht das bei Eon aus? Sülberg: „Wenn man alle Beteiligten zählt, die auch kleine Beiträge leisten, dann kommt man schnell auf mehrere hundert Personen. Die Kernmannschaft besteht aber heute aus rund 50 Personen. Wenn wir nächstes Jahr in die Skalierung kommen und noch intensiver an dem Thema arbeiten, dann kann die Zahl schnell dreistellig werden.“ Semrau ergänzt: „Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass es sich nicht schlicht um einen technischen Transfer handelt, sondern wir arbeiten mit SAP zusammen intensiv an den Prozessen und an der Automatisierung. Wir können nicht eben mal an einer kleinen Kundengruppe etwas ausprobieren, wir brauchen ein funktionierendes, vollumfängliches System für die Netznutzung.“ Sülberg verstärkt: „Für das deutsche Netzgeschäft von Eon ist das ein ganz entscheidendes Projekt, es sind unsere wesentlichen Meter-to-cash-Prozesse, die davon massiv abhängen.“

Mit der zunehmenden Elektrifizierung wird das Geschäft kleinteiliger

„Neue regulatorische Herausforderungen lassen sich beliebig in das neue System integrieren“, hat Eon angekündigt. Stellt sich die Frage: Wo steckt die eigentliche Innovation in der neuen Plattform?

Die Antwort von Sülberg: „Ganz wesentlich in der künstlichen Intelligenz.“ Die KI-Komponenten sollen manuelle Arbeiten an den Prozessen ablösen. „Add-ons, die man heute noch für Teilbereiche der Automatisierung benötigt, sollen durch KI gänzlich entfallen, dadurch sparen wir eine ganze Menge an Entwicklungsarbeit“, verspricht sich der Informatiker. Er denkt dabei schon daran, dass es immer mehr Einspeiser geben wird, die dezentral vermarktet werden müssen. Er denkt an die dahintersteckende Marktkommunikation und an den Messstellenbetrieb. Er denkt: „Für die ständigen Veränderungen im gesamten Energiemarkt werden wir keine Einzelprojekte benötigen, das erledigt dann die MaKo-Cloud der SAP.“ Und Semrau denkt genauso: „Auf zukünftige Entwicklungen in der Regulierung sehen wir uns mit unserem zukünftigen Standardprodukt gut aufgestellt, ohne dass wir neue eigene Entwicklungen benötigen.“

Innovationen sind die eine Sache, Visionen die andere. Wie sieht es damit aus beim Wirtschaftsinformatiker Michael Utecht? „Ich denke, dass es beständig weitergehen wird in Richtung eines cloudbasierten Ansatzes“, glaubt Utecht. Was gerade bei Eon passiert, sei im Wesentlichen auf das Backoffice gerichtet, aber Frontoffice-Prozesse werden dazukommen, und da werde man sehr stark heterogene Landschaften sehen , prophezeit der SAP-Apostel: „Heterogen bedeutet die Beteiligung von unterschiedlichen Softwareherstellern, weil die Kunden a) modular unterwegs sein wollen, um die Anforderungen schneller adaptieren zu können, und um b) diesen Vendor-Lock-in zu verhindern, der die Abhängigkeit von einem Hersteller reduziert.“ Mit der zunehmenden Elektrifizierung des Energiemarktes und der damit einhergehenden dezentralen Energieerzeugung werde das Geschäft kleinteiliger und umfangreicher. „Elektrifizierung und Digitalisierung zusammenzubringen, wird neue Managementqualitäten erfordern“, ist sich Utecht sicher. Es werde die ganz großen Lösungen geben, und darunter viele kleine individuelle. Es bleibt also Platz neben SAP.

Ständig neue Anforderungen sind das auch für „normale“ Mitarbeiter. Die müssen mitgenommen werden, da verändern sich Arbeitskulturen. Auf die Eon vorbereitet ist?

„Damit haben wir uns intensiv beschäftigt“, sagt Sülberg, „deshalb läuft das Projekt nicht unter dem Stichwort IT, sondern es ist ein Fachbereichsprojekt unter dem Dach der E-Kundenservice Netz, wo IT und Fachbereich bereits zusammengeführt sind. Wir machen schon heute Roadshows, wo wir Betroffenen erklären, was wir planen und was auf sie zukommt. Dieses Thema liegt uns sehr am Herzen.“
Und wenn alles so klappt, wie sich das die Protagonisten heute vorstellen: Dann herzlichen Glückwunsch. E&M
 

Zur Person

Lutz Sülberg ist Diplom-Wirtschaftsinformatiker (Uni Paderborn) und hat sich schon als Werkstudent bei der Gildemeister AG mit der Programmierung eines Web-Content-Management-Systems beschäftigt. Nach dem Studium war er von 2006 bis 2011 bei der Best Practice Consulting AG im Projektmanagement und der IT-Beratung tätig. Anschließend wechselte Sülberg zur Eon-Tochter E-Kundenservice Netz GmbH und profilierte sich da als Programmleiter für die Weiterentwicklung der Meter-2-Cash IT-Systeme. Heute ist er Leiter des Eon/SAP-Projektes.

 
Lutz Sülberg: „Ganz wesentlich ist die künstliche Intelligenz“
Bild: Eon



 
Zur Person

Michael Semrau hat an der RWTH Aachen Informatik studiert. Seit 2001 war er im RWE-Konzern in verschiedenen Führungspositionen tätig: Leiter IT-Strategie & IT-Controlling; Leiter Geschäftsprozessmethodik und IT; Leiter Kundenservice, Organisation und IT. Von 2011 bis 2016 war Semrau Leiter Organisation und IT bei RWE Deutschland und wechselte dann zu Innogy als Leiter Prozesse & IT für Netze und Infrastruktur. Seit 2019 ist der Informatiker Mitglied der Geschäftsführung (CTO) der Eon-Tochter E-Kundenservice Netz GmbH.
 
Michael Semrau: „Wir brauchen ein vollumfängliches System für die Netznutzung“
Bild: Eon


 
Zur Person

Michael Utecht ist studierter Wirtschaftsinformatiker. Er war als Berater tätig bei der KPMG Unternehmensberatung für SAP R/3. Bei Hewlett Packard Deutschland war Utecht von 1999 bis 2006 zuständig für „Weltweites Presales/Business Development – Beratung im HP-SAP Competence Center“ mit Schwerpunkt internationale Versorger. Seit 2006 ist Michael Utecht bei der SAP Deutschland beschäftigt. Sein Aufgabengebiet: Presales/Business Development für die deutsche Versorgungsindustrie. Seine Berufsbezeichnung: Director Digital Business, Customer Advisory Public & Energy.
 
Michael Utecht: „Es geht beständig weiter in Richtung eines cloudbasierten Ansatzes“
Bild: SAP


 
 

Helmut Sendner
Herausgeber
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Montag, 12.10.2020, 09:03 Uhr

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