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Enerige & Management > Direktvermarktung - Schwill: "Mindestens zwei Schritte zurück"
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DIREKTVERMARKTUNG:
Schwill: "Mindestens zwei Schritte zurück"
Warum das neue Mischpreisverfahren am Regelenergiemarkt ein Rückschritt für die erneuerbaren Energien bedeutet, erklärt Next-Kraftwerke-Geschäftsführer Jochen Schwill gegenüber E&M.
 
E&M: Herr Schwill, wie fällt Ihre Zwischenbilanz zu dem von der Bundesnetzagentur Mitte Oktober vergangenen Jahres eingeführten Mischpreisverfahren am Regelenergiemarkt aus?

Schwill: Die 100-Tage-Bilanz für das neue Mischpreisverfahren für die Regelenergie fällt negativ aus. Das neue Verfahren bedeutet mindestens zwei Schritte zurück hinter den früheren Status quo und bringt die Energiewende nicht einen Schritt voran, im Gegenteil.

E&M: Warum?

Schwill: Es gibt weniger Anreize für einen wirklichen Netzausgleich. Wir erleben künstlich vergünstigte Arbeitspreise, die anteilig neben dem Leistungspreis eine immer wichtigere Rolle bei der Erteilung des Zuschlags für die Regelenergie erhalten. Das heißt in Konsequenz: Zum Ausgleich der Ungleichgewichte ihrer Portfolios ist es für so manchen Energieversorger nun günstiger, Regelenergie zum Ausgleich zu aktivieren als am Intraday-Handel aktiv zu werden.

Das Bier am Kiosk ist billiger geworden als das Bier im Supermarkt und nun ist das Bier natürlich schneller ausverkauft, weil der Kiosk weniger Vorräte hat. Entsprechend sind seit Einführung des Mischpreisverfahrens bereits in über 20 Viertelstunden mindestens 80 Prozent aller verfügbaren Regelenergie abgerufen worden.

Bis zur Einführung des Mischpreisverfahrens lag diese Zahl im Jahr 2018 bei null Viertelstunden. Auch sind übrigens die Gesamtkosten für den Regelenergiemarkt deutlich nach oben geschnellt. Die Leistungspreise und damit auch die Kosten für die Stromkunden, die die Leistungspreise über die Netznutzungsentgelte zu zahlen haben, sind mehr als um den Faktor sieben gestiegen. Das sind aber nicht die einzigen Ärgernisse.

E&M: Was noch?

Schwill: Innovative Lösungen wie Demand- Side-Management und erneuerbare Energien sind durch das neue Mischpreisverfahren aus dem Regelmarkt gedrängt worden. Das trifft uns als Next Kraftwerke, keine Frage. Das trifft aber vor allem die Energiewende. So wie das Mischpreisverfahren konzipiert ist, werden die dreckigsten, preiswertesten Baseload-Kraftwerke durch die Hintertür am Regelenergiemarkt bevorzugt. Das trägt zu ihrem weiteren Erhalt bei, was absolut nicht im Sinne der Energiewende ist. Von einem Wettbewerb der Flexibilitätsoptionen am Regelenergiemarkt kann keine Rede mehr sein, das ist ein krasser Rückschritt für die Energiebranche.
 
Jochen Schwill: „Der Bundesnetzagentur ist ein dicker Kunstfehler unterlaufen, der dringend korrigiert werden muss“
Bild: Next Kraftwerke

E&M: Was heißt krasser Rückschritt?

Schwill: Die steuerbaren erneuerbaren Energien, die ganz ohne Subventionen den Zutritt zum Regelenergiemarkt geschafft haben, werden behördlich aus diesem Geschäft gedrängt. Der Bundesnetzagentur ist ein dicker Kunstfehler unterlaufen, der dringend korrigiert werden muss.

E&M: Next Kraftwerke hat deshalb vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf geklagt. Wann ist mit einer Entscheidung zum Mischpreisverfahren zu rechnen?

Schwill: Das Hauptsacheverfahren läuft noch, obgleich die Bundesnetzagentur das Mischpreisverfahren bereits eingeführt hat. Wir rechnen damit, dass es vielleicht im Juni zu einer ersten Verhandlung vor dem Düsseldorfer OLG-Senat kommt. Da dieses Verfahren noch nicht entschieden ist, besteht auch derzeit keine Chance, mit der Bundesnetzagentur über notwendige und dringende Korrekturen an dem Mischpreisverfahren zu reden. In Bonn geben sich die Verantwortlichen derzeit ziemlich bedeckt.

E&M: Wird dieses Mischpreisverfahren über kurz oder lang ohnehin nicht obsolet werden, da der europäische Regelarbeitsmarkt eingeführt werden wird?

Schwill: Das ist richtig. Genau das macht die Situation ja so kurios und im Grunde genommen überflüssig. Nach europäischem Recht wird es in der Tat eine Rückkehr zu dem früheren hierzulande üblichen Verfahren mit Leistungspreisauktionen geben, erweitert um zusätzliche freie Arbeitspreisgebote nach erfolgter Bezuschlagung. Die Frage ist nur, wann. Ärgerlich ist, dass bis dahin einfach viel zu viel Zeit verstreicht. Dies führt zu einer Verzögerung von Investitionen in flexible Cleantech-Technologien.

Hinweis:
Next Kraftwerke veranstaltet am Dienstag, den 5. Februar 2019, während der E-World in Essen ein Panel, um die Vor- und Nachteile des Mischpreisverfahrens zu diskutieren. An dem Panel nehmen unter anderem teil: Heribert Kresse, RWE Supply & Trading GmbH und Hendrik Sämisch, Gründer und Geschäftsführer von Next Kraftwerke. Prof. Dr. Felix Müsgens von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg moderiert die Veranstaltung. Die Diskussionsrunde findet ab 15 Uhr im Kongressraum S+T im CongressCenter Süd statt.

 
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Montag, 04.02.2019, 10:12 Uhr

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