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Enerige & Management > Vertrieb - Direkte grüne Stromlieferverträge im Kommen
Bild: TBLM / WindEurope
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Direkte grüne Stromlieferverträge im Kommen
Wie die Re-Source-Konferenz in Amsterdam zeigte, werden Power Purchase Agreements für Ökostrom zunehmend nachgefragt. Deutschland ist in diesem Segment noch Entwicklungsland.
 
Zur legendären britischen Komikergruppe Monty Python hätte Giles Dickson sicherlich gut gepasst. Wie Dickson, selbst gebürtiger Brite, Grimassen schneiden und seine Stimme modulieren kann, das hat schon Unterhaltungswert. Leicht hüpfend stimmte der Geschäftsführer des Branchenverbandes Wind Europe zum Auftakt der diesjährigen Re-Source-Konferenz Anfang Oktober in Amsterdam jubilierende Töne an, um folgende Botschaft zu verkünden: „Allein in diesem Jahr sind in Europa bis Ende September bereits 29 grüne Power Purchase Agreements für Wind- und Solarprojekte abgeschlossen worden.“ Das sei „gemessen an der Zahl von 87 Verträgen, die wir für die Jahre 2013 bis 2018 registriert haben, eine erstaunliche Entwicklung.“

Der Branchentreff in Amsterdam selbst zeigte, dass das Interesse an grünen PPAs in der Tat wächst: Zu der von den beiden Branchenverbänden Wind Europe und Solar Power Europe organisierten Veranstaltung, die in diesem Jahr zum dritten Mal stattfand, waren Anfang Oktober rund 1 000 Teilnehmer in die Niederlande gereist. Ausgebucht, so vermeldeten die beiden Veranstalter.

Dass grüne PPAs im Aufwärtstrend sind, hatte wenige Tage vor der Re-Source-Konferenz auch Bird & Bird – geschickt vermarktet - verkündet. Die internationale Anwaltssozietät, die Ökostromerzeuger und Abnehmer, die sogenannten Off-Taker, nach eigener Aussage bereits seit 2007 bei ihren PPA-Verhandlungen und -Verträgen berät, hatte ihren jüngsten „Corporate-PPA“-Report veröffentlicht:

Danach ist das weltweite PPA-Volumen im vergangenen Jahr auf 13 400 MW gestiegen, was im Vergleich zum Vorjahr mit Abschlüssen in Höhe von 6 100 MW mehr als eine Verdoppelung bedeutet. Für Julius Ecke, der für das Berliner Beratungshaus Enervis die Konferenz in Amsterdam beobachtete, keine Überraschung: „Wir sehen seitens der Stromverbraucher eine positive Dynamik hin zur grünen Beschaffung. Diese Dynamik gilt es zu nutzen, um zusätzliche erneuerbare Energien zu finanzieren und in den Markt zu bringen.“
 
Giles Dickson, Geschäftsführer des Branchenverbandes Wind Europe, sagte zum Auftakt der diesjährigen Re-Source-Konferenz, dass „allein in diesem Jahr in Europa bis Ende September bereits 29 grüne Power Purchase Agreements für Wind- und Solarprojekte abgeschlossen worden“ sind.
Bild: TBLM / WindEurope

Wohl derzeit nur in bescheidenem Maße in Deutschland. Denn hierzulande ist das PPA-Geschäft noch nicht richtig in die Gänge gekommen. Wind-Europe-Geschäftsführer Dickson bedauerte deshalb, dass das sogenannte Klima-Kabinett in seinem am 20. September vorgestellten Eckpunktepapier PPAs als Finanzinstrument für neue regenerative Kraftwerke gänzlich unerwähnt gelassen hatte: „Solange vor allem die energieintensive Industrie von Ausnahmen bei der EEG-Umlage profitiert, fehlt der Druck, dass sich diese Betriebe nach neuen Strombezugsmöglichkeiten umschauen.“

Dickson appellierte an die Bundesregierung, Regelungen für die sogenannten Ü-20-Windturbinen zu schaffen, die ab 2021 keine Vergütung mehr nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten und auf alternative Finanzierungsmodelle wie PPAs für den Weiterbetrieb angewiesen sind: „Wenn allein im Jahr 2021 Altanlagen mit mehr als 4 000 MW Leistung aus der EEG-Vergütung fallen, wäre es aus klimapolitischen Gründen nicht zu vertreten, wenn das Gros dieser Windturbinen vom Netz gehen würde.“

Ausnahmen für die energieintensive Industrie überdenken

Er forderte zudem die Bundesregierung auf, die Vorgabe aus der neuen Brüsseler Erneuerbare-Energien-Richtlinie, nämlich Hindernisse für PPAs abzubauen, endlich umzusetzen. Genau dieser Passus, warnte Robert Werner vom Hamburg Institut gegenüber E&M in Amsterdam, dürfe aber „keine Einladung“ werden, nationale Förderregime wie beispielsweise das EEG zu schwächen: „Es ist deshalb wichtig, die Impulse aus den PPAs für eine Beschleunigung der Energiewende zu nutzen.“

Bei der zunehmender Zahl von PPAs vermisst Werner bislang eine wichtige Klarstellung aus Berlin und Brüssel: „Noch ist offen, ob und wie die Strommengen aus PPAs für Neuanlagen auf die bisherigen Ausbauziele angerechnet werden. Unsere Forderung ist eindeutig: Die PPA-Mengen sollten zusätzlich auf die Ziele angerechnet werden, um so den Ausbau erneuerbarer Energien subventionsfrei zu beschleunigen.“

Bei der zunehmenden Bedeutung grüner PPAs verwundere es nicht, dass während der zweitägigen Re-Source-Konferenz zwei neue digitale Plattformen für die Vermittlung des Ökostroms präsentiert wurden. Dabei konnte die internationale Energieberatungs- und Zertifizierungsgesellschaft DNV GL mit der Beta-Version ihrer Plattform „Instatrust“ den offiziellen Start feiern. „Der PPA-Markt für Unternehmen muss signifikant wachsen, um Engpässe bei Finanzierung und Ausbau der erneuerbaren Energien zu vermeiden. Die wachsende Zahl von Direktverträgen erfordert einen effizienten und transparenten Markt, mit dem die Beteiligten Risiken erkennen und minimieren können“, umriss Caroline Brun Ellefsen, bei DNV GL verantwortlich für den neuen Marktplatz, die Motivation für Instatrust. Die Plattform solle als „One-Stop-Shop“ den Beteiligten die nötigen Informationen geben, um „schnell, einfach und kosteneffizient“ ins Geschäft zu kommen.

Die Anlaufphase von Instatrust wird nach Worten von Ellefsen bis zum Jahresende für alle Beteiligten gratis sein. Welche Gebühren danach anfallen, ist, so die DNV-GL-Frau, noch nicht endgültig geklärt: „Wir überlegen noch, für welches Modell wir uns entscheiden. Es kann sein, dass wir die Gebühr vom Volumen der vereinbarten Strommenge abhängig machen.“

Digitale PPA-Plattformen vermehrt am Start

Green Accelerator heißt die digitale PPA-Plattform, die die Schweizer Axpo, deren Tochterunternehmen Elbox sowie der Windturbinenhersteller GE an den Start bringen. Elbox ist hierzulande vor gut zwei Jahren erstmals als Partner der Wuppertaler Stadtwerke des Peer-to-Peer-Projektes „Tal.Markt“ bekannt geworden. Mit Green Accelerator will das Trio Anfang 2020 in zwei ausgewählten Ländern beginnen, und zwar in Spanien und Schweden.

„Wir werden uns in der ersten Phase nur auf neue Windparks an Land konzentrieren“, betonte Uli Schulze Südhoff, der die Abteilung Geschäftsentwicklung bei GE Renewable Energy leitet, gegenüber E&M. Der deutsche Markt sowie auch solare Freiflächenanlagen und Offshore-Windparks sollen in einem der nächsten Schritte folgen. Bei Green Accelerator ist die Vergabe der einzelnen Projekte auf Basis einer monatlichen Auktion vorgesehen.

Green Accelerator wird nicht nur auf Windparkprojekte beschränkt sein, in denen ausschließlich GE-Windturbinen errichtet werden sollen. „Diesen Gedanken haben wir verworfen, weil wir ansonsten nicht die Liquidität, das Volumen und die Teilnehmerzahl bekommen, die wir für die neue Plattform benötigen“, so Schulze Südhoff.

Dass digitale PPA-Plattformen durchaus auf Interesse stoßen, konnte Bryse Smith von der Firma "LevelTen Energy" mit Sitz in Seattle auf der Re-source-Konferenz unter Beweis stellen. An dem von seinem Unternehmen gegründeten Marktplatz beteiligen sich mittlerweile 280 Entwickler für Wind- und Solarprojekte.

Eingesetzt werden könnten solche digitalen Marktplätze demnächst auch in Deutschland. Das PPA-Geschäft werde auch hier anziehen, sagte Enervis-Experte Ecke: „Gerade bei der Offshore-Windenergie sehen wir durch den von der Bundesregierung zusätzlich genehmigten Ausbau von 5 000 MW bis 2030 ein großes Potenzial. Zusammen mit den solaren Freiflächen und den PPAs für die Ü-20-Windturbinen wird sich der Abschluss von Verträgen beschleunigen.“

Davon ist auch Robert Werner vom Hamburg Institut überzeugt: „Dank des intensiven Austauschs der Branche werden PPAs ihren Schrecken bald verlieren und Käufer, Verkäufer und Investoren mutiger werden lassen.“ Was zähle ist, dass es zu einer Minimierung der Risiken durch die Bündelung sowohl der Angebots- als auch der Nachfrageseite komme. „Das wäre im Übrigen ein toller Job für die Ökostromanbieter“, sagt Werner.

Sozusagen ihr Können unter Beweis stellen können die Grünstromlieferanten bei einer Mitte Oktober veröffentlichen Ausschreibung der Deutschen Bahn AG: Der Schienen-Carrier respektive sein Tochterunternehmen DB Energie sucht Lieferanten für rund 500 Mio. kWh Ökostrom auf PPA-Basis – ein Volumen, das hierzulande zu den bislang größten grünen PPAs zählt.
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 31.10.2019, 09:17 Uhr

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