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Enerige & Management > Interview - Hennicke: "Bei Japans Energiewende gibt es viel Luft nach oben"
Bild: BillionPhotos.com / Fotolia
INTERVIEW:
Hennicke: "Bei Japans Energiewende gibt es viel Luft nach oben"
Vor dem G20-Gipfel in Japan sprach E&M mit Prof. Peter Hennicke, ehemaliger Präsident des Wuppertal Instituts, der sich für das German Japanese Energy Transition Council engagiert.
 
E&M: Prof. Hennicke, kann sich Japan als diesjähriger Gastgeber des G20-Gipfels Ende Juni in Osaka mit nennenswerten Aktivitäten beim Umbau der eigenen Energieversorgung auszeichnen? Nach dem Gau von Fukushima im Frühjahr 2011 hatte es im Land durchaus eine starke Bewegung gegeben, die den Ausstieg aus der Atomkraft gefordert hat.

Hennicke: Verglichen mit der Situation in Deutschland liegt Japan bei der Stromwende gut um zehn Jahre zurück. Das hängt mit den besonderen Bedingungen Japans als Inselstaat zusammen, aber auch mit falschen energiepolitischen Weichenstellungen in der Vergangenheit.

E&M: Was heißt das konkret?

Hennicke: Nach der Ölpreiskrise in den 1970er Jahren hat Japan als Land ohne eigene Kohle- oder Erdgasvorkommen bei seiner Energieversorgung voll auf die Atomkraft gesetzt - eine fatale Entscheidung. Wie verwundbar Japan dadurch bei seiner Energieversorgung geworden ist, hat sich nach dem Gau in Fukushima im Frühjahr 2011 gezeigt. Das Abschalten aller 54 Atomreaktoren ließ die Industriestrompreise in der Folge um mehr als 30 Prozent steigen, die Abhängigkeit von Energieimporten stieg auf 96 Prozent in der Spitze. Dadurch war die industrielle Basis Japans im Kern bedroht.

E&M: Trotz Fukushima und der bis heute anhaltenden Folgen setzen Premierminister Shinzo Abe und seine Liberaldemokratische Partei weiterhin auf die Atomkraft. Warum?

Hennicke: Abe revidierte Ausstiegspläne seiner Vorgänger und drängt auf einen Neustart möglichst vieler Reaktoren. Bis heute sind 9 der 54 Atomblöcke wieder am Netz, die knapp fünf Prozent zur Stromerzeugung beitragen. Geht es nach Abe und dem „Strategischen Energieplan 2030“ seiner Regierung soll der Atomstromanteil bis Ende der nächsten Dekade wieder auf 20-22 Prozent steigen.
 
Peter Hennicke: „Die Chancen von unabhängigen, dezentralen Erzeugern sind begrenzt“

E&M: Wie realistisch ist das?

Hennicke: Das ist sehr unwahrscheinlich, selbst die Atomindustrie geht von nur knapp 10% Atomstromanteil aus. Allerdings wird Japans Stromversorgung immer noch beherrscht von zehn Oligopolisten, die in der Vergangenheit viel Geld in die Atomkraft investiert haben, Geld, das derzeit eher als Stranded Investments zu bezeichnen ist. Dass diese Unternehmen auf die Verwertung ihrer Atomkraftwerke drängen, liegt auf der Hand. Ihnen kommt entgegen, dass die Stromnetze in Japan noch nicht entflochten sind. Die Chancen von unabhängigen, dezentralen Erzeugern sind daher begrenzt. Im Gegensatz zu Deutschland mit seinen gut 1 000 Stadtwerken gibt es in ganz Japan bisher lediglich etwa 30 Kommunalversorger. Es fehlt eine dezentrale, föderale Struktur in der Energieversorgung wie wir sie hierzulande kennen. Aber die Dynamik zu mehr Dezentralität ist unverkennbar. Die Freigabe des Wettbewerbs für Letztverbraucher im Jahr 2016 und die Einführung eines neuen Einspeisetarifs nach 2012 hat etwa 500 unabhängige Energieanbieter hervorgebracht; davon sind allerdings rund die Hälfte Tochterunternehmen der Gas- und Ölbranche mit umstrittenen riesigen Freiflächenanlagen.
 
E&M: Ketzerisch gefragt, hat Japan nichts aus der Atomkatastrophe für eine nachhaltige Energieversorgung gelernt?

Hennicke: Nichts wäre sicherlich eine falsche Zuspitzung. So gab es direkt nach Fukushima eine sehr erfolgreiche Stromsparkampagne („Setsuden“), mit der dank großer kollektiver Anstrengungen die Spitzenlast immerhin um rund 10 Prozent gesenkt werden konnte. Außerdem hat die Regierung 2012 ein Einspeisegesetz, vorwiegend für die Solarenergie, auf den Weg gebracht; allerdings mit sehr hohen Anreizen, von denen vor allem Großanlagen profitieren. In den vergangenen beiden Jahren konnte Japan ein Plus beim Solarstromausbau um mehr als 12 000 MW auf heute gut 55 500 MW verzeichnen, das sind immerhin rund 10 000 MW mehr als in Deutschland. Die solare Kilowattstunde ist in Japan allerdings bisher noch doppelt so teuer wie in Deutschland und ohne Maßnahmen zur strategischen Kostensenkung gibt es keinen nachhaltigen Pfad zur Energiewende.

E&M: Wie sieht es mit der Windenergie aus?

Hennicke: Bisher haben es die zehn Strom-Oligopolisten geschafft, den Ausbau der Windenergie trotz teilweise hervorragender Windressourcen beispielsweise auf der nördlichen Insel Hokaido ziemlich klein zu halten. Das Ministry of Environment schätzt das Potenzial für die On- und Offshore-Windenergie auf über 600 000 MW. Ende 2018 gab es aber lediglich eine installierte Leistung von knapp 3 700 MW, für ein hochtechnisiertes Land wie Japan eine bescheidene Bilanz. Dass vor den Küsten bis heute noch keine Windturbinen in Betrieb sind, hängt mit den steil abfallenden Küsten zusammen. Gleichwohl geht der Global Wind Energy Council (GWEC) davon aus, dass Japan über „große erschließbare Potentiale für bodengebundene Offshore–Anlagen („fixed bottom“) verfügt und zum Schlüsselmarkt für schwimmende Offshore-Anlage („floating“) werden wird. In wie weit Monopile-Fundamente in weit mehr als den üblichen 20-30 m Wassertiefen realisierbar werden, bleibt abzuwarten.

E&M: Was sind neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien die Alternativen für Japans Energieversorgung, um weg von der Atomkraft zu kommen?
 
Zehn Oligopolisten beherrschen Japans Stromversorgung.
Grafik: German Japanese Energy Transition Council

Hennicke: Japan setzt derzeit neben LNG immer noch auf den Ausbau von hocheffizienten Kohle-Kraftwerken, obgleich die nationale Kopplung mit CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) allein aus geologischen Gründen sehr begrenzt ist. Darüber hinaus gilt CCS-Technologie weder als ausgereift noch als wirtschaftlich. Auch deshalb arbeitet Japan mit großem Nachdruck an einer Strategie für Wasserstoff-Importe.

E&M: Woher soll dieser Wasserstoff stammen, wenn es im eigenen Land derzeit kaum eine Basis für grünen Wasserstoff gibt?

Hennicke: Für die Importe werden derzeit zwei Optionen diskutiert: Australien, wo der Wasserstoff aus billiger Braunkohle in Verbindung mit CCS gewonnen wird. Daneben gibt es Überlegungen den Wasserstoff aus dem Sultanat Brunei auf Gasbasis zu gewinnen, und dann in der Form des leichter transportierbaren MCH (Methylcyclohexan) nach Japan zu verschiffen. Mit grünem Wasserstoff haben beide Optionen nichts zu tun.

E&M: Welche Rolle kann die deutsch-japanische Kooperation spielen?

Hennicke: Wir vom German Japanese Energy Transition Council (GJETC) sind beispielsweise an der vergleichenden Analyse einer Wasserstoff-Strategie beteiligt. „Grüner“ Wasserstoff lässt sich zur Dekarbonisierung in Brennstoffzellen-Fahrzeugen nutzen. Bei Einsatz von stationären und mobilen Brennstoffzellen ist Japan Weltmarktführer. Auch im Schienennah- und Fernverkehr ist Japan Deutschland weit voraus.

E&M: Dennoch unter dem Strich: Bei der Energiewende gibt es in Japan noch viel Luft nach oben?

Hennicke: Ja. Das Land hat längst noch nicht seine wirtschaftlichen Potenziale bei den erneuerbaren Energien und bei der Energieeffizienz umgesetzt. Vor allem im Gebäudebereich und im Gewerbe-, Handels- und Dienstleistungs-Sektor erfügt Japan über große und wirtschaftliche Energiesparpotentiale. Auch in der Industrie stagniert die Effizienzsteigerung. Japan hinkt generell – ähnlich wie Deutschland – seinen eigenen Energiesparzielen hinterher. Umso wichtiger ist es, dass wir als GJETC durch Analysen und Politikempfehlungen die Implementierung von Effizienzstrategien („Efficiency First“) aber auch den beschleunigten Ausbau von Solar- und Windenergie versuchen in beiden Ländern zu ermutigen.

Zur Person
Prof. Peter Hennicke, Jg. 1942, gehört zu den bekanntesten deutschen Energiewissenschaftlern. Hennicke, Träger des Deutschen Umweltpreises 2014, war in den Jahren 2000 bis 2008 Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. 2016 initiierte er zusammen mit dem Wuppertal Institut und ECOS (Osnabrück) den Japanese Energy Transition Council (GJETC), dessen deutscher Co-Chair er bis heute ist.
 
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 13.06.2019, 08:51 Uhr

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