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Bild: K-U Haessler / Fotolia
REGENERATIVE:
Europa braucht 100 % dezentrale erneuerbare Energie
Eurosolar feiert 30-jähriges Jubiläum – mit einer Diskussion und einem Weißbuch „Regeneratives Europa“ als Weckruf für mehr Klimaschutz durch eine schnelle Energiewende.
 
Die Feierstimmung hält sich in Grenzen auf dem Symposium zum 30-jährigen Bestehen von Eurosolar, der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien, in Berlin. Zwar freut man sich darüber, dass die Solar- und die Windenergie eine rasante Entwicklung genommen haben und so preisgünstig geworden sind, dass ihr weltweiter Siegeszug kaum aufzuhalten sein wird.

Doch hinkt die Politik weit hinter den Erfordernissen des Klimaschutzes hinterher. Die nationalen Erneuerbaren-Ziele würden in vielen europäischen Ländern nicht erreicht, konstatiert Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

„Das hat viel mit den Fördersystemen zu tun“, sagt sie. So werde der Erneuerbaren-Ausbau etwa durch Deckel bei Ausschreibungen ausgebremst. „Wir brauchen eine europäische Energieunion für 100 % erneuerbare Energien“, da stimmt Kemfert voll mit der im „Weißbuch“ dargelegten Position von Eurosolar überein. Die europäische Energiewende müsse dezentral sein und schnell herbeigeführt werden, denn die Zeit dränge. Das sieht auch der ehemalige Direktor des UN-Umweltprogramms Klaus Töpfer so, der auf die jedes Jahr weiter steigende Konzentration von CO2 in der Erdatmosphäre verweist.

Kohleausstieg europäisch und in drei Phasen

„Das Klimaabkommen von Paris ist drei Jahre her, passiert ist wenig“, konstatiert Kemfert. „Eigentlich haben wir überhaupt keine Zeit mehr. Es bleiben maximal zehn Jahre, um den Hebel umzulegen“ zur vereinbarten Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°-2°C bis 2050. In Europa brauche es eine gemeinschaftliche Umsetzung des Kohleausstiegs und des Erneuerbaren-Ausbaus, so Kemfert, die darauf verweist, dass auch andere EU-Länder aus der Kohle aussteigen – auch weil sich die Investitionen nicht mehr rechnen.

Der Kohleausstieg könne laut Studien in drei Phasen erfolgen: Bis 2020 sollten alte, ineffiziente Kraftwerke vom Netz genommen werden. Danach (bis 2030) gehe es darum, die noch vorhandenen Kohlekapazitäten zu drosseln und gleichzeitig die Erneuerbaren weiter deutlich auszubauen. Im Zeitraum bis 2040 könne dann der finale Ausstieg erfolgen. „Kohle ist keine Brücken-Technologie“, betont Kemfert.

Sie geht davon aus, dass die Erneuerbaren-Kosten weiter sinken und verweist darauf, dass in Texas kürzlich bei einer Ausschreibung die Photovoltaik gegen die Kohle gewonnen hat. „Schon vor 30 Jahren wurde der Kostenverfall bei der Photovoltaik vorausgesagt. Da hat das keiner geglaubt“, berichtet Kemfert. Dagegen würde die Nuklear-Energie, die früher als Heilsbringer gelobt wurde, immer teurer.

Sinnhaftigkeit der Ziele?

Eurosolar-Präsident Peter Droege sieht die Langfrist-Ziele kritisch. „2050 können wir vergessen. Jeder, der ein Mensch ist, tut nichts vor 2049“, meint er. Wir müssen jetzt und nächstes Jahr etwas tun, uns Jahresziele setzen“, betont Droege. „Man fängt zu spät an“, räumt auch Kemfert ein, das sehe man bei den Zielen für 2020. Dennoch hält sie Langfrist-Ziele für wichtig, „weil man sonst gar nicht anfängt“. Sinnvoll findet die Ökonomin es auch, dass man sich Ziele für 2030 setzt. Das Herunterbrechen der Ziele in die einzelnen Sektoren bringe den Vorteil, dass die Emissionsbudgets ausgerechnet werden können.

Die Ökonomin warnt vor der Ansicht, ein CO2-Preis alleine könne das Problem des Klimaschutzes regeln. Der Anstieg der Zertifikate-Preise im Europäischen Emissionshandel werde bei weitem nicht reichen, um die erforderliche Lenkungswirkung zu entfalten. „Wir sind jetzt bei etwa 17 Euro/t CO2. Auch wenn er, wie erwartet wird, bis Mitte der 2020er Jahre bei 25 Euro läge, wäre das nicht ansatzweise der Preis, den wir brauchen“, betont Kemfert. Denn der müsste zwischen 40 und 60 Euro/t CO2 liegen.

CO2-Steuer reicht nicht

Auch zur Wirkung einer CO2-Steuer zeigt sie sich skeptisch. „Die CO2-Steuer ist das am längsten und unerfolgreichsten diskutierte Instrument“, so Kemfert. Zudem würde, falls es sie gäbe, darum gekämpft, dass sie möglichst niedrig ausfalle. „Da werden wir mit der Steuer als alleinigem Instrument die nötige Wirkung nicht sehen. Wir brauchen einen Instrumenten-Mix“, unterstreicht die Ökonomin. Schneller voran gebracht werden müsse das Energiesparen. Immerhin soll der Verbrauch bis 2050 halbiert werden. Eine komplette Versorgung durch erneuerbare Energien bringe auch wirtschaftliche Vorteile, betont Kemfert.

Die Ökonomin stellt klar: „Wir brauchen alle erneuerbaren Energien.“ Technologieoffenheit sei „ein verstecktes Gift“, das sich gegen die Erneuerbaren richte. Das neue „dezentrale und intelligente“, hundertprozentig regenerative Energiesystem erfordere ein neues Marktdesign mit Real-Time-Preisen und Flexibilität.
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
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Donnerstag, 27.09.2018, 16:43 Uhr

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