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Bild: Sergey Nivens / Fotolia
CONTRACTING:
Mit Sicherheit mehr Effizienz
Mit einem Zertifizierungs-System sollen mehr Investoren für eine Geldanlage in Effizienzprojekte gewonnen werden.
 
Energieeffizienz ist ein schwieriges Thema, weniger für die Techniker, die nach Effizienzpotenzialen suchen und solche auch reichlich finden, als vielmehr für Politik und Kapitalgeber. „Es ärgert mich schon seit vielen Jahren, dass wir wahnsinnig viel Geld in erneuerbare Energien investieren, aber den schlafenden Riesen Energieeffizienz mehr oder weniger unangetastet lassen“, sagt Frederic Brodach.
 
Der promovierte Betriebswirt ist Chef einer Investitionsberatung und hilft hier vermögenden Familien, Pensionskassen oder Stiftungen, Geld in „grüne Themen“ zu investieren. Diese Geldgeber waren für Energieeffizienz-Projekte aber nur schwer zu gewinnen. 2012 wurde Brodach von der EU-Kommission beauftragt, Effizienzprojekte zu prüfen, die von öffentlichen Stellen zur Finanzierung an die EU-Kommission herangetragen werden. Dabei fiel ihm zusammen mit den beteiligten Ingenieuren auf, „dass es da ein grundlegendes Verständnisproblem gibt. Die Techniker kommunizieren nämlich auf eine Art und Weise, die ein Investor nicht nachvollziehen kann.“
 
Ein Investor braucht zuverlässige Informationen über die Wirtschaftlichkeit
 
Während die Ingenieure sich über technische Details der Effizienzlösung austauschen, will der Investor wissen, was die energetische Optimierung kostet und was sie ihm in Zukunft an Rendite bringt. Insbesondere bei vielen kleineren Projekten ist für ihn der Aufwand groß, sich ein tieferes Verständnis für die Lösung anzueignen. „Von daher gehen institutionelle Investoren da nicht ran“, sagt Brodach. Im Prinzip gelte dies auch für Banken.
 
Gleichzeitig ist der Effizienzmarkt auf günstiges Kapital angewiesen. Denn Energieeffizienz ist nicht sehr profitabel, man muss deswegen größere Kapitalquellen erschließen, kalkuliert Brodach und folgert: „Wir müssen ein Projekt auch denen schmackhaft machen, die eine große Auswahl an Anlagemöglichkeiten haben.“
 
Um Energieeffizienz und Geldgeber zusammenzubringen, haben sich Brodach und seine Kollegen ein System überlegt, mit dem bei Effizienzmaßnahmen technischer Aufwand, nötige Investitionen und Wirtschaftlichkeit abgeschätzt und die einzelnen Schritte eines Projektes zertifiziert werden können. Das System wurde zwischen 2015 und 2017 im Auftrag der EU-Kommission entwickelt. Am Anfang stand die Analyse von Effizienzmaßnahmen in Gebäuden, seit Mai 2017 werden auch Projekte in Industrie und für die Infrastruktur begutachtet und zertifiziert.
 
Für das Gütesiegel „Investor Ready Energy Efficiency“, das am Ende des Prozesses vergeben wird, muss ein Projektentwickler darlegen, welche Maßnahmen er in einem Gebäude oder einer Anlage plant, welche Einsparungen er zu erzielen gedenkt und wie er die Einsparungen und das Funktionieren der Technik überprüft, wenn die Maßnahme einmal umgesetzt worden ist. „Es geht um die Datentransparenz, damit der Investor sagen kann, ja, das ist gut.“ Er muss dann nicht selbst überprüfen, ob die Technik sinnvoll ist und ob sie die kalkulierten Einsparungen ermöglicht. Das erledigen die Zertifizierer.
 Vorgaben, wie gemessen, dokumentiert und nachgehalten werden muss
 
In dem zweistufigen Prozess legt der Projektentwickler zunächst Zeitraum und Energieverbrauch (die Baseline) fest, von der aus er die Effizienz erhöhen möchte. Dann überlegt er, welche Einsparpotenziale er mit welcher Technik erschließen kann. Alle Schritte werden dokumentiert. Danach überprüft ein Verifizierer – vergleichbar dem TÜV – auf Basis welcher Daten gerechnet wurde, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen technisch sinnvoll sind und ob die Investitionskosten und das Einsparpotenzial realistisch sind.
 
Das danach verliehene Zertifikat gibt dann dem Investor genügend Informationen, damit dieser eine Investitionsentscheidung treffen kann, hofft Brodach. Die Ingenieure bleiben dabei in der Wahl ihrer Ziele und Mittel frei: „Wir geben nicht vor, welche Maßnahmen zu treffen sind, wir geben auch nicht vor, wie viel an Mindesteinsparung erzielt werden muss, wir geben nur stringente Vorgaben, wie gemessen, dokumentiert und nachgehalten werden muss.“
 
Zudem berücksichtigt das Vorgehen die Regelungen und Best-Practice-Beispiele aus anderen EU-Ländern. Das Zertifizierungs-System ist damit in der ganzen EU anwendbar. So kann ein Investor auch Projekte vergleichen oder Investitionen bündeln, egal in welchem Land er in die Energieeffizienz investiert wird. Brodach sieht hierdurch die Möglichkeit, auch solche Investoren anzusprechen, die mehrere Millionen Euro in unterschiedlichen Projekten anlegen wollen.
 
Die Idee stößt mittlerweile bei Investoren auf Interesse. Laut Brodach gibt es Geldanleger in Europa und den USA, die Projekte mit dem Gütesiegel zu günstigeren Konditionen finanzieren und schneller begutachten würden. Auch für den Kunden, der sein Gebäude oder seine Fabrik energieeffizienter gestalten will, hat das Zertifikat einen Vorteil. Der Projektentwickler kann ihm gegenüber darauf verweisen, dass noch eine unabhängige Partei die Berechnungen überprüft hat. Mit dem Zertifikat in der Hand kann der Projektentwickler außerdem Banken und Investoren leichter ansprechen.
 
Zertifikate auf Industrieanlagen und Straßenbeleuchtung erweitert
 
Erstmals in der Praxis getestet wurde das System 2016 bei mehreren Krankenhäusern in Liverpool. Außerdem gibt es zwei Pilotprojekte in Deutschland. Eines davon ist bereits zertifiziert. Bei ihm geht es um die Modernisierung der Beleuchtung in einem Parkhaus von Eon. Das zweite Projekt ist eine umfassende Hotelsanierung in Thüringen. Dieses ist derzeit in der Zertifizierungs-Phase.
 
Um mehr Energieeffizienz zu erschließen, hat Brodach jetzt das System im Auftrag der EU von der Gebäudebegutachtung auf die von Industrieanlagen und die Straßenbeleuchtung erweitert. Ende letzten Jahres wurde der Ablauf eines Effizienzprojektes für Industriebetriebe festgelegt, im Frühjahr dieses Jahres ist das Protokoll für die energetische Verbesserung einer Straßenbeleuchtung fertig geworden. Speziell hier den Ablauf festzulegen, war nicht so einfach, wie man vermuten könnte. Denn im Verlauf der Gespräche stellte sich heraus, dass der Stromverbrauch von Straßenleuchten nicht gemessen, sondern geschätzt wird.
 
Dass keine Messdaten aus der Beleuchtung vorliegen, wurde jetzt auch bei der Abbildung des Effizienzprozesses berücksichtigt. Der Konsultationsprozess mit den Marktteilnehmern „hat uns zu der Einsicht gebracht, dass wir uns mit sinnvoll geschätzten Verbräuchen zufrieden geben, um der Realität Genüge zu tun“, erläutert Brodach. Doch damit will er sich nicht auf Dauer zufrieden geben: „Wir versuchen natürlich, den Markt qualitativ nach oben zu ziehen und sagen, es wäre schon gut, wenn wir in Zukunft etwas messen würden anstatt nur zu schätzen.“ Dafür stehen die Abläufe der Begutachtung immer wieder mit Fachleuten und den Marktteilnehmern zur Debatte.
 

Armin Müller
Redakteur
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Montag, 30.04.2018, 10:34 Uhr

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