Abspulen des Seekabels auf einem Verlegeschiffs. Quelle: Tennet
Europäische Übertragungsnetzbetreiber haben beim Nordsee-Windgipfel Modelle vorgestellt, um internationale Großprojekte zu finanzieren und auf mehrere Schultern zu verteilen.
Aller guten Dinge sind in der Welt der Übertragungsnetzbetreiber jetzt vier. Die zwölf Übertragungsnetzbetreiber, die sich in der „Offshore TSO Collaboration“ (OTC) zusammengeschlossen haben, haben beim Nordsee-Gipfel in Hamburg ein neues Strategiepapier vorgelegt. Es ist der dritte Gipfel dieser Art und das vierte „Expert Paper“ der Netzbetreiber. „Wir konzentrieren uns hier auf Vorschläge für Modelle der Kostenaufteilung und Finanzierung. Außerdem möchten wir zeigen, wie wir diese Projekte von Plänen auf dem Papier in eine konkrete Umsetzung überführen können“, sagte Manon van Beek, CEO der Tennet Holding, bei der Vorstellung der Ideen am 26. Januar.
„Infrastruktur ist nicht nur eine Versorgungsleistung, sondern ist zu einem – wenn nicht dem – strategischen Vermögenswert geworden, der die Zukunft der europäischen Energiesicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz bestimmen wird“, erläuterte die Chefin des niederländischen Unternehmens. Die Netzbetreiber sehen in den nördlichen Meeren das Potenzial, im Jahr 2050 bis zu 1 Billiarde kWh Strom zu erzeugen und zu transportieren - rund 40 Prozent des europäischen Strombedarfs. Pläne für die Infrastruktur gibt es.
Eine von der OTC entwickelte Netzkarte skizziert bereits konkrete grenzüberschreitende Projekte in der Nordsee, der Irischen See und der Keltischen See. Statt isolierter nationaler Leitungen setzt die Allianz auf hybride Verbindungen – Mehrzweckleitungen, die Offshore-Windparks mit mehreren Ländern gleichzeitig verbinden.
Die Frage der Kostenteilung
Was den Weg vom Papier in die Realität noch ebnen muss: „Es gibt ein fehlendes Bindeglied, um dies wirklich in die Praxis umzusetzen, und das ist die Kostenaufteilung“, sagte van Beeks deutscher Tennet-Kollege Tim Meyerjürgens. „Wir haben ein gemischtes Modell, das einerseits Planbarkeit bietet und andererseits einen fairen Ansatz zur Kostenaufteilung ermöglicht“, erklärte der CEO von Tennet Deutschland.
Die Chefin des norwegischen Netzbetreibers Statnett, Elisabeth Vardheim, beschrieb den Grundgedanken des Ansatzes so: „Die Beiträge sollten den Nutzen widerspiegeln, den jedes Land erhält. Die Methodik muss jedoch ein Gleichgewicht zwischen Planbarkeit und Flexibilität herstellen.“ Austariert werden soll das nach den Überlegungen der TCO durch eine Kombination von „Ex-ante- und Ex-post-Ansätzen“.
Ex-ante, so die TCO, bedeute, dass Länder ihre Kostenanteile bereits vor Projektbeginn auf Basis gemeinsam modellierter Szenarien festlegen. Das sei ein wichtig, um frühzeitig verlässliche Investitionsentscheidungen zu ermöglichen. Ex-post erlaube, diese Anteile nach Inbetriebnahme anzupassen, wenn reale Daten zeigen, wie stark einzelne Länder tatsächlich profitieren.
Flexibler Instrumentenkasten zur Finanzierung
Egal, ob vorher oder nachher: Es geht um viel Geld. Die Verwirklichung der europäischen Offshore-Ambitionen erfordere ein beispielloses Volumen an Kapital, betonte Statnett-Chefin Elisabeth Vardheim. „Um diese Investitionen zu mobilisieren, benötigen wir Finanzierungsrahmen, die klar, planbar und miteinander kompatibel sind.“
Die OTC plädiert für einen Mix aus öffentlichen Krediten, privaten Finanzierungen, grünen Anleihen, Garantien, Hybridinstrumenten oder auch Zuschüssen zur Schließung von Finanzierungslücken.
Bernard Gustin, CEO der belgischen Elia Group, sprach von einem gedanklichen Schwenk: „Wir müssen wirklich anders über die Finanzierung unserer Projekte nachdenken“, sagte er und schickte zur Erklärung eine „gute“ und eine „weniger gute“ Nachricht hinterher. „Die gute Nachricht ist: Das Geld ist vorhanden. Es gibt zahlreiche Finanzinvestoren, die bereit sind, in die Welt der Übertragungsnetzbetreiber und in die Netzinfrastruktur zu investieren.“ Die weniger gute Nachricht sei, „dass es mit den traditionellen Instrumenten schlicht nicht funktionieren wird“. Daher gelte es, einen „möglichst flexiblen Werkzeugkasten zur Finanzierung“ der Projekte zu definieren.
Die OTC wurde 2022 als Reaktion auf den großflächigen Überfall Russlands auf die Ukraine und das Abdrehen des russischen Gashahns gegründet. Mitgliedsunternehmen sind: 50 Hertz (Deutschland); Amprion (Deutschland); Creos (Luxemburg); Eir Grid Group (Irland); Elia (Belgien); Energinet (Dänemark); NESO (Großbritannien), National Grid (Großbritannien); RTE (Frankreich); Statnett (Norwegen); die Tennet-Holding (Tennet Niederlande und Tennet Deutschland) sowie Tennet Germany (Deutschland).
Montag, 26.01.2026, 15:45 Uhr
Manfred Fischer
© 2026 Energie & Management GmbH