E&M exklusiv Newsletter:
E&M gratis testen:
Energie & Management > Stromnetz - Isoliergas-Austritt: Jetzt ermittelt der Staatsanwalt
In Bad Wimpfen wird Schwefelhexafluorid produziert. Quelle: Solvay
Stromnetz

Isoliergas-Austritt: Jetzt ermittelt der Staatsanwalt

Jetzt ermittelt auch die Staatsanwaltschaft: In Bad Wimpfen in Baden-Württemberg sollen mehrere Tonnen des extrem klimaschädlichen Gases SF 6 ausgetreten sein. 
SF6 steht für Schwefelhexafluorid. Es wird als Isoliergas in Hoch- und Höchstspannungsschaltanlagen eingesetzt. Dort ist es in Röhren eingeschlossen, durch die Stromleitungen geführt werden. Wegen der extrem guten Isoliereigenschaften von SF6 – es reagiert praktisch nicht mit anderen Stoffen – können auf diese Weise selbst Höchstspannungsanlagen auf engem Raum in einer Halle untergebracht werden. Leitungen in Freiluftumspannwerken müssen mehrere Meter Abstand voneinander haben, damit es keine Kurzschlüsse gibt.

Der Haken an der Sache: SF6 ist nicht nur extrem, was seine Isoliereigenschaften angeht, sondern verdient den Begriff auch in seiner Eigenschaft als Treibhausgas. Es soll 24.000 Mal klimaschädlicher sein als CO2. Was erstmal kein allzu großes Problem ist, wenn die Schwefelverbindung das tut, was sie soll: Nämlich auf Jahrzehnte abgekapselt in seiner Umspannwerksröhre bleiben, um danach bei einem Abbruch fachgerecht entsorgt zu werden. 

Jetzt aber soll SF6 schon bei der Produktion in die Atmosphäre gelangt sein – und zwar in großen Mengen. Das Thema begann schon im Dezember 2025 Kreise zu ziehen und schnell landete der schwarze Peter – neben der Herstellerfirma – auch bei der grün-schwarzen Landesregierung in Stuttgart, genauer gesagt bei Umweltministerin Thekla Walker (Grüne). 
 
SF6-Schaltanlage im Umspannwerk Großgartach in Baden-Württemberg.
Quelle: Tansnet BW

Begonnen hatte alles mit einer Studie der Goethe-Universität Frankfurt. Die Wissenschaftler hatten an einer Messstation im Taunus auffällig hohe SF6-Konzentrationen im Raum Heilbronn gemessen. Die Rede war von tatsächlichen Emissionen im Bereich von 30 Tonnen, gemeldet hatte die betroffene Firma Solvay aber sehr viel weniger. 56 Kilogramm sollen gegenüber dem Umweltministerium für 2023 angegeben worden sein.

Und noch etwas sorgte für Aufregung: Die Auffälligkeiten waren zu dem Zeitpunkt gar nichts Neues: Die Wissenschaftler hatten ihre Beobachtungen schon vor zwei Jahren gemacht. Was wiederum die Frage aufwarf, warum von den Behörden lange nichts unternommen worden war.

Die Frankfurter Atmosphärenforscher selbst entschärften schließlich die Diskussion. Bei der angewandten Methode zur Ermittlung der Emissionen und deren Ursprung habe es sich nicht um eine Standardmethode gehandelt. Dabei geht es um die räumliche Zuordnung der Werte, die an einer 120 Kilometer entfernten Messstation gemacht wurden. Sprich, ob es auch wirklich sicher ist, dass die in Hessen gemessenen Daten aus dem Solvay-Werk in Baden-Württemberg kommen.

Die Wissenschaftler haben also nicht an der Quelle gemessen, meinten aber sicher sagen zu können, dass diese im Großraum Heilbronn sitzt. Und da gibt es eben sonst niemand anders, der infrage kommt, als das Solvay-Werk, erläuterte Prof. Andreas Engel in einem Interview mit der Regionalzeitung Heilbronner Stimme. Eine Behörde müsse aber darauf achten, dass alles rechtssicher ist, zeigte er Verständnis. Und das könne eben dauern. 

Auch in einem anderen Punkt mahnte Engel zu etwas weniger Aufgeregtheit: Weltweit gehe es um 8.000 Tonnen SF6 jährlich, 5.000 davon stammen aus China, Solvay mit Hauptsitz in Belgien sei der einzige Produzent in Europa und zur Diskussion stehen 30 Tonnen. Ohne Emissionen gehe es nicht in der Produktion, aber sie müssten so niedrig wie möglich gehalten werden.

Gleichzeitig warnte der Wissenschaftler vor Maßnahmen wie einer Betriebsschließung. Dann müsste das SF6 aus China importiert werden – bei einer mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechteren Klimabilanz. Hinzu kommt ein anderer Klimaaspekt: SF6 ist wichtig für den Bau von Schaltanlagen und Umspannwerken wie sie gerade für die Energiewende verstärkt benötigt werden.

Testbetrieb und Auflagen

Vor Weihnachten nun meldete die Landesregierung, dass ein Vertrag mit der Firma über einen eng überwachten und bis Mitte Mai befristeten Testbetrieb zur weiteren Reduktion von SF6-Emissionen geschlossen wurde. Darin ist geregelt, wie oft die Anlage an- und abgefahren werden darf. Während dieser Zeit müssen regelmäßig Messungen stattfinden. Bei Verstoß gegen diese Auflagen droht eine Strafe von bis zu 100.000 Euro. Diese Woche wurde nun bekannt, dass auch die Staatsanwaltschaft Heilbronn in der Sache Ermittlungen eingeleitet hat. 

Donnerstag, 22.01.2026, 14:24 Uhr
Günter Drewnitzky
Energie & Management > Stromnetz - Isoliergas-Austritt: Jetzt ermittelt der Staatsanwalt
In Bad Wimpfen wird Schwefelhexafluorid produziert. Quelle: Solvay
Stromnetz
Isoliergas-Austritt: Jetzt ermittelt der Staatsanwalt
Jetzt ermittelt auch die Staatsanwaltschaft: In Bad Wimpfen in Baden-Württemberg sollen mehrere Tonnen des extrem klimaschädlichen Gases SF 6 ausgetreten sein. 
SF6 steht für Schwefelhexafluorid. Es wird als Isoliergas in Hoch- und Höchstspannungsschaltanlagen eingesetzt. Dort ist es in Röhren eingeschlossen, durch die Stromleitungen geführt werden. Wegen der extrem guten Isoliereigenschaften von SF6 – es reagiert praktisch nicht mit anderen Stoffen – können auf diese Weise selbst Höchstspannungsanlagen auf engem Raum in einer Halle untergebracht werden. Leitungen in Freiluftumspannwerken müssen mehrere Meter Abstand voneinander haben, damit es keine Kurzschlüsse gibt.

Der Haken an der Sache: SF6 ist nicht nur extrem, was seine Isoliereigenschaften angeht, sondern verdient den Begriff auch in seiner Eigenschaft als Treibhausgas. Es soll 24.000 Mal klimaschädlicher sein als CO2. Was erstmal kein allzu großes Problem ist, wenn die Schwefelverbindung das tut, was sie soll: Nämlich auf Jahrzehnte abgekapselt in seiner Umspannwerksröhre bleiben, um danach bei einem Abbruch fachgerecht entsorgt zu werden. 

Jetzt aber soll SF6 schon bei der Produktion in die Atmosphäre gelangt sein – und zwar in großen Mengen. Das Thema begann schon im Dezember 2025 Kreise zu ziehen und schnell landete der schwarze Peter – neben der Herstellerfirma – auch bei der grün-schwarzen Landesregierung in Stuttgart, genauer gesagt bei Umweltministerin Thekla Walker (Grüne). 
 
SF6-Schaltanlage im Umspannwerk Großgartach in Baden-Württemberg.
Quelle: Tansnet BW

Begonnen hatte alles mit einer Studie der Goethe-Universität Frankfurt. Die Wissenschaftler hatten an einer Messstation im Taunus auffällig hohe SF6-Konzentrationen im Raum Heilbronn gemessen. Die Rede war von tatsächlichen Emissionen im Bereich von 30 Tonnen, gemeldet hatte die betroffene Firma Solvay aber sehr viel weniger. 56 Kilogramm sollen gegenüber dem Umweltministerium für 2023 angegeben worden sein.

Und noch etwas sorgte für Aufregung: Die Auffälligkeiten waren zu dem Zeitpunkt gar nichts Neues: Die Wissenschaftler hatten ihre Beobachtungen schon vor zwei Jahren gemacht. Was wiederum die Frage aufwarf, warum von den Behörden lange nichts unternommen worden war.

Die Frankfurter Atmosphärenforscher selbst entschärften schließlich die Diskussion. Bei der angewandten Methode zur Ermittlung der Emissionen und deren Ursprung habe es sich nicht um eine Standardmethode gehandelt. Dabei geht es um die räumliche Zuordnung der Werte, die an einer 120 Kilometer entfernten Messstation gemacht wurden. Sprich, ob es auch wirklich sicher ist, dass die in Hessen gemessenen Daten aus dem Solvay-Werk in Baden-Württemberg kommen.

Die Wissenschaftler haben also nicht an der Quelle gemessen, meinten aber sicher sagen zu können, dass diese im Großraum Heilbronn sitzt. Und da gibt es eben sonst niemand anders, der infrage kommt, als das Solvay-Werk, erläuterte Prof. Andreas Engel in einem Interview mit der Regionalzeitung Heilbronner Stimme. Eine Behörde müsse aber darauf achten, dass alles rechtssicher ist, zeigte er Verständnis. Und das könne eben dauern. 

Auch in einem anderen Punkt mahnte Engel zu etwas weniger Aufgeregtheit: Weltweit gehe es um 8.000 Tonnen SF6 jährlich, 5.000 davon stammen aus China, Solvay mit Hauptsitz in Belgien sei der einzige Produzent in Europa und zur Diskussion stehen 30 Tonnen. Ohne Emissionen gehe es nicht in der Produktion, aber sie müssten so niedrig wie möglich gehalten werden.

Gleichzeitig warnte der Wissenschaftler vor Maßnahmen wie einer Betriebsschließung. Dann müsste das SF6 aus China importiert werden – bei einer mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechteren Klimabilanz. Hinzu kommt ein anderer Klimaaspekt: SF6 ist wichtig für den Bau von Schaltanlagen und Umspannwerken wie sie gerade für die Energiewende verstärkt benötigt werden.

Testbetrieb und Auflagen

Vor Weihnachten nun meldete die Landesregierung, dass ein Vertrag mit der Firma über einen eng überwachten und bis Mitte Mai befristeten Testbetrieb zur weiteren Reduktion von SF6-Emissionen geschlossen wurde. Darin ist geregelt, wie oft die Anlage an- und abgefahren werden darf. Während dieser Zeit müssen regelmäßig Messungen stattfinden. Bei Verstoß gegen diese Auflagen droht eine Strafe von bis zu 100.000 Euro. Diese Woche wurde nun bekannt, dass auch die Staatsanwaltschaft Heilbronn in der Sache Ermittlungen eingeleitet hat. 

Donnerstag, 22.01.2026, 14:24 Uhr
Günter Drewnitzky

Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?

Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.