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Energie & Management > Kernkraft - Das DIW widerspricht dem Weltklimarat
Quelle: Shutterstock / Vaclav Volrab
Kernkraft

Das DIW widerspricht dem Weltklimarat

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meldet Zweifel an der vom IPCC angenommenen, künftigen Rolle der Atomenergie an.
 
In den vom IPCC – besser als UN-Weltklimarat bekannt – verwendeten Szenarien werde der Atomenergie eine steigende Bedeutung beigemessen, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Studie des Berliner Institutes DIW, „obwohl die jahrzehntelang erwarteten technischen Innovationen ausgeblieben und Atomstrom bis heute wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähiger geworden ist“.

Das DIW verweist insbesondere auf die vom IPCC unter anderen verwendete Prognose der Internationalen Energieagentur, „Net Zero Emission 2050 Szenario“ (NZE), das von einer Verdoppelung der globalen Atomstromproduktion zwischen 2020 und 2050 ausgeht: von 2.700 TWh auf 5.000 TWh. Im Bericht des IPCC von 2022 werde ein noch höheres Wachstum der Kernenergie erwartet.

Das DIW hält eine solche Entwicklung für unrealistisch. Die Autoren der Studie verweisen zur Begründung auf die fehlende Dynamik der Atomenergie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Seit 2000 seien weder die installierte Kapazität noch die Stromproduktion der Atomkraftwerke nennenswert gestiegen. Der Anteil des Atomstroms an der globalen Stromproduktion liege unter zehn Prozent, Tendenz: rückläufig.

Rund die Hälfte der laufenden Reaktoren erreicht Ende der Laufzeit

Eine Trendwende sei nicht erkennbar. Gegenwärtig befänden sich etwa 50 Reaktoren im Bau. Ihre Kapazität erreiche 13 Prozent der 415 einsatzbereiten Kernreaktoren mit 370 GW. Allerdings gebe es bei 31 der Neubauprojekte Verzögerungen, so dass nicht alle in den nächsten Jahren ans Netz gehen könnten. Dagegen erreiche rund die Hälfte der laufenden Reaktoren bis 2030 das Ende ihrer geplanten Laufzeit von 40 Jahren und müsse deswegen „in absehbarer Zeit“ vom Netz genommen werden.

Gegen eine Renaissance der Atomenergie sprechen nach Ansicht des DIW auch die hohen Kosten. Sie lägen mit 0,18 Dollar pro Kilowattstunde etwa drei Mal so hoch wie für eine Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom. „Energiewirtschaftlich“ müsse man deswegen davon ausgehen, dass die Atomenergie langfristig aus dem globalen Energiemix verschwinde, sagt Christian von Hirschhausen, einer der Autoren.

Dem stehen nach der Studie allerdings geopolitische und institutionelle Interessen entgegen. Unterstützung für die weitere, kommerzielle Entwicklung der Atomenergie erwartet das DIW von der engen Verbindung zur militärischen Nutzung und der Notwendigkeit, Kernwaffen und nukleare Antriebe für U-Boote weiterzuentwickeln.

Innerhalb der Vereinten Nationen gebe es außerdem Institutionen wie die IAEA, die eng mit der Entwicklung der Nuklearwirtschaft verbunden seien. Alleine die IAEA beschäftige mehrere tausend Mitarbeitende und habe ein starkes Eigeninteresse an der Nuklearwirtschaft.

Das DIW verweist darauf, dass die optimistischen Erwartungen, die in der Vergangenheit mit der Atomenergie verbunden waren, nicht eingetreten seien. Um falsche Schlussfolgerungen in Zukunft zu vermeiden, sollten die aktuell verwendeten Szenarien „einem Realitätscheck unterzogen werden“.

Dazu gehöre vor allem mehr Transparenz über die getroffenen Annahmen. Unklarheit herrsche insbesondere bezüglich der Integration bestimmter Kosten, zum Beispiel für den Rückbau, die Entsorgung radioaktiver Abfälle, von Unfall- und Proliferationsrisiken. Die Forscher müssten außerdem die Grenzen ihrer Szenarien offen kommunizieren, um eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen zu erleichtern. 

Mittwoch, 1.11.2023, 14:28 Uhr
Tom Weingrtner
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Das DIW widerspricht dem Weltklimarat
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meldet Zweifel an der vom IPCC angenommenen, künftigen Rolle der Atomenergie an.
 
In den vom IPCC – besser als UN-Weltklimarat bekannt – verwendeten Szenarien werde der Atomenergie eine steigende Bedeutung beigemessen, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Studie des Berliner Institutes DIW, „obwohl die jahrzehntelang erwarteten technischen Innovationen ausgeblieben und Atomstrom bis heute wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähiger geworden ist“.

Das DIW verweist insbesondere auf die vom IPCC unter anderen verwendete Prognose der Internationalen Energieagentur, „Net Zero Emission 2050 Szenario“ (NZE), das von einer Verdoppelung der globalen Atomstromproduktion zwischen 2020 und 2050 ausgeht: von 2.700 TWh auf 5.000 TWh. Im Bericht des IPCC von 2022 werde ein noch höheres Wachstum der Kernenergie erwartet.

Das DIW hält eine solche Entwicklung für unrealistisch. Die Autoren der Studie verweisen zur Begründung auf die fehlende Dynamik der Atomenergie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Seit 2000 seien weder die installierte Kapazität noch die Stromproduktion der Atomkraftwerke nennenswert gestiegen. Der Anteil des Atomstroms an der globalen Stromproduktion liege unter zehn Prozent, Tendenz: rückläufig.

Rund die Hälfte der laufenden Reaktoren erreicht Ende der Laufzeit

Eine Trendwende sei nicht erkennbar. Gegenwärtig befänden sich etwa 50 Reaktoren im Bau. Ihre Kapazität erreiche 13 Prozent der 415 einsatzbereiten Kernreaktoren mit 370 GW. Allerdings gebe es bei 31 der Neubauprojekte Verzögerungen, so dass nicht alle in den nächsten Jahren ans Netz gehen könnten. Dagegen erreiche rund die Hälfte der laufenden Reaktoren bis 2030 das Ende ihrer geplanten Laufzeit von 40 Jahren und müsse deswegen „in absehbarer Zeit“ vom Netz genommen werden.

Gegen eine Renaissance der Atomenergie sprechen nach Ansicht des DIW auch die hohen Kosten. Sie lägen mit 0,18 Dollar pro Kilowattstunde etwa drei Mal so hoch wie für eine Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom. „Energiewirtschaftlich“ müsse man deswegen davon ausgehen, dass die Atomenergie langfristig aus dem globalen Energiemix verschwinde, sagt Christian von Hirschhausen, einer der Autoren.

Dem stehen nach der Studie allerdings geopolitische und institutionelle Interessen entgegen. Unterstützung für die weitere, kommerzielle Entwicklung der Atomenergie erwartet das DIW von der engen Verbindung zur militärischen Nutzung und der Notwendigkeit, Kernwaffen und nukleare Antriebe für U-Boote weiterzuentwickeln.

Innerhalb der Vereinten Nationen gebe es außerdem Institutionen wie die IAEA, die eng mit der Entwicklung der Nuklearwirtschaft verbunden seien. Alleine die IAEA beschäftige mehrere tausend Mitarbeitende und habe ein starkes Eigeninteresse an der Nuklearwirtschaft.

Das DIW verweist darauf, dass die optimistischen Erwartungen, die in der Vergangenheit mit der Atomenergie verbunden waren, nicht eingetreten seien. Um falsche Schlussfolgerungen in Zukunft zu vermeiden, sollten die aktuell verwendeten Szenarien „einem Realitätscheck unterzogen werden“.

Dazu gehöre vor allem mehr Transparenz über die getroffenen Annahmen. Unklarheit herrsche insbesondere bezüglich der Integration bestimmter Kosten, zum Beispiel für den Rückbau, die Entsorgung radioaktiver Abfälle, von Unfall- und Proliferationsrisiken. Die Forscher müssten außerdem die Grenzen ihrer Szenarien offen kommunizieren, um eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen zu erleichtern. 

Mittwoch, 1.11.2023, 14:28 Uhr
Tom Weingrtner

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