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Energie & Management > Stromnetz - Amprion warnt vor Erzeugungslücke
Amprion-CEO Christoph Müller auf der Konferenz in Berlin. Quelle: Susanne Harmsen
Stromnetz

Amprion warnt vor Erzeugungslücke

Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion wirbt für einen schnellen Ausbau flexibler Kraftwerke und einen Kapazitätsmarkt, um die Versorgungssicherheit weiter zu gewährleisten.
Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion aus Dortmund sieht in den kommenden Jahren wachsende Herausforderungen für die Versorgungssicherheit im deutschen Stromsystem. Auf einer Konferenz in Berlin machten Vorstandsvorsitzender Christoph Müller und Technikvorstand Hendrik Neumann deutlich, dass Deutschland nach ihrer Einschätzung zwar derzeit über eine sichere Stromversorgung verfügt, sich die Situation jedoch gegen Ende dieses Jahrzehnts verändern könnte.

Neumann erklärte, dass die vorhandenen marktlichen Erzeugungskapazitäten möglicherweise bereits Ende der 2020er Jahre nicht mehr in jeder Stunde ausreichen könnten. Für diese absehbare Erzeugungslücke sichern bestehende Reservekraftwerke mit 12.000 MW die Versorgung ab. Es müsse allerdings sichergestellt werden, dass bis 2030 auch für die marktliche Versorgungssicherheit ausreichend Reserven bereitstehen. Stand heute dürfen Reserven nur aus Gründen der Netzstabilität als systemrelevant ausgewiesen werden.

Deshalb müsse Deutschland jetzt umgehend neue flexible Kraftwerke errichten. Dafür seien Kraftwerksausschreibungen nach dem StromVKG in diesem Jahr nötig. Gleichzeitig müssten Systemdienstleistungen wie Schwarzstartfähigkeit, Blindleistung und Momentanreserve sichergestellt werden.

Batterien allein genügen nicht

Besondere Bedeutung misst Amprion der Momentanreserve bei. Sie stabilisiert kurzfristige Frequenzschwankungen im europäischen Stromnetz. Laut Neumann steigen die Anforderungen an diese Reserve mit der zunehmenden Transportentfernungen und Leistungen der europäischen Stromsysteme. Wo klassische Kraftwerke diese Aufgabe künftig nicht mehr übernehmen könnten, seien technische Alternativen wie rotierende Phasenschieber erforderlich. Als Beispiel nannte er eine entsprechende Anlage, die Amprion in Meppen errichtet hat.

Nach Einschätzung des Unternehmens werden sowohl Batteriespeicher als auch flexible Gaskraftwerke benötigt. Batterien könnten kurzfristige Schwankungen über Stunden ausgleichen, Kraftwerke seien jedoch weiterhin notwendig, um längere Zeiträume über Tage oder Wochen mit geringer Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen zu überbrücken.

Steinkohlekraftwerke länger in der Reserve

Müller sprach sich dafür aus, Reservezeiten von Steinkohlekraftwerken gegebenenfalls zu verlängern. Dies solle ausschließlich zur Sicherung der Stromversorgung erfolgen. „Ein Steinkohlekraftwerk in der Reserve verursacht kein Kohlendioxid, bietet aber zusätzliche Sicherheit“, sagte er. Voraussetzung sei allerdings, dass Betreiber frühzeitig Planungssicherheit für einen längeren Betrieb erhielten.

Einen flächendeckenden Stromausfall aufgrund von Kraftwerksengpässen hält Müller nach eigenen Angaben dennoch für unwahrscheinlich. Sollte sich eine kritische Versorgungslage abzeichnen, verfügten die Übertragungsnetzbetreiber über ausreichend Werkzeuge, um das Netz stabil zu halten. Vorboten seien aus seiner Sicht bereits heute temporär hohe Strompreise und starke Preisschwankungen, die insbesondere energieintensive Industrieunternehmen belasteten.

Europäische Nachbarn vernetzen

Zur Begründung verwies Müller auf den aktuellen European Resource Adequacy Assessment (ERAA) des europäischen Verbands der Übertragungsnetzbetreiber. Demnach wird Deutschland künftig den rechnerischen Zielwert von 2,77 Stunden pro Jahr ohne Lastdeckung deutlich überschreiten.

Alle gängigen Versorgungssicherheitsanalysen (ERAA, VSM) zeigten einhellig, dass die Versorgungslücke wächst und bis Anfang der 2030er Jahre neue Kraftwerke am Netz sein müssen. Daraus ergebe sich ein zusätzlicher Bedarf von bis zu 20.000 MW gesicherter Leistung in Deutschland. „Die konkrete Größenordnung hängt jedoch von der weiteren technologischen Entwicklung, speziell bei Batteriespeichern, ab“, sagte Neumann.

Neue Kraftwerke schnell bauen

Aus Sicht von Amprion ist es wichtig, den geplanten Kapazitätsmarkt zügig auf den Weg zu bringen. Nach dem Verständnis von Neumann und Müller hängt auch die beihilferechtliche Genehmigung durch die Europäische Union von einem entsprechenden Marktdesign ab. Dieses müsse die Rolle neuer Kraftwerke klar definieren und Investitionssicherheit schaffen.

Darüber hinaus sprach sich Müller für einen pragmatischen Umgang mit einem Übermaß an Netzanschlussbegehren aus. Der Redispatch-Vorbehalt aus dem Bundeswirtschaftsministerium sei in der Umsetzung kompliziert. Müller schlägt regional differenzierte Baukostenzuschüsse für Einspeiser vor, die sich an der jeweiligen Netzbelastung orientieren. Dies schaffe auch berechenbare Investitionsbedingungen für die Antragsteller neuer Anlagen.

Donnerstag, 2.07.2026, 16:27 Uhr
Susanne Harmsen
Energie & Management > Stromnetz - Amprion warnt vor Erzeugungslücke
Amprion-CEO Christoph Müller auf der Konferenz in Berlin. Quelle: Susanne Harmsen
Stromnetz
Amprion warnt vor Erzeugungslücke
Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion wirbt für einen schnellen Ausbau flexibler Kraftwerke und einen Kapazitätsmarkt, um die Versorgungssicherheit weiter zu gewährleisten.
Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion aus Dortmund sieht in den kommenden Jahren wachsende Herausforderungen für die Versorgungssicherheit im deutschen Stromsystem. Auf einer Konferenz in Berlin machten Vorstandsvorsitzender Christoph Müller und Technikvorstand Hendrik Neumann deutlich, dass Deutschland nach ihrer Einschätzung zwar derzeit über eine sichere Stromversorgung verfügt, sich die Situation jedoch gegen Ende dieses Jahrzehnts verändern könnte.

Neumann erklärte, dass die vorhandenen marktlichen Erzeugungskapazitäten möglicherweise bereits Ende der 2020er Jahre nicht mehr in jeder Stunde ausreichen könnten. Für diese absehbare Erzeugungslücke sichern bestehende Reservekraftwerke mit 12.000 MW die Versorgung ab. Es müsse allerdings sichergestellt werden, dass bis 2030 auch für die marktliche Versorgungssicherheit ausreichend Reserven bereitstehen. Stand heute dürfen Reserven nur aus Gründen der Netzstabilität als systemrelevant ausgewiesen werden.

Deshalb müsse Deutschland jetzt umgehend neue flexible Kraftwerke errichten. Dafür seien Kraftwerksausschreibungen nach dem StromVKG in diesem Jahr nötig. Gleichzeitig müssten Systemdienstleistungen wie Schwarzstartfähigkeit, Blindleistung und Momentanreserve sichergestellt werden.

Batterien allein genügen nicht

Besondere Bedeutung misst Amprion der Momentanreserve bei. Sie stabilisiert kurzfristige Frequenzschwankungen im europäischen Stromnetz. Laut Neumann steigen die Anforderungen an diese Reserve mit der zunehmenden Transportentfernungen und Leistungen der europäischen Stromsysteme. Wo klassische Kraftwerke diese Aufgabe künftig nicht mehr übernehmen könnten, seien technische Alternativen wie rotierende Phasenschieber erforderlich. Als Beispiel nannte er eine entsprechende Anlage, die Amprion in Meppen errichtet hat.

Nach Einschätzung des Unternehmens werden sowohl Batteriespeicher als auch flexible Gaskraftwerke benötigt. Batterien könnten kurzfristige Schwankungen über Stunden ausgleichen, Kraftwerke seien jedoch weiterhin notwendig, um längere Zeiträume über Tage oder Wochen mit geringer Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen zu überbrücken.

Steinkohlekraftwerke länger in der Reserve

Müller sprach sich dafür aus, Reservezeiten von Steinkohlekraftwerken gegebenenfalls zu verlängern. Dies solle ausschließlich zur Sicherung der Stromversorgung erfolgen. „Ein Steinkohlekraftwerk in der Reserve verursacht kein Kohlendioxid, bietet aber zusätzliche Sicherheit“, sagte er. Voraussetzung sei allerdings, dass Betreiber frühzeitig Planungssicherheit für einen längeren Betrieb erhielten.

Einen flächendeckenden Stromausfall aufgrund von Kraftwerksengpässen hält Müller nach eigenen Angaben dennoch für unwahrscheinlich. Sollte sich eine kritische Versorgungslage abzeichnen, verfügten die Übertragungsnetzbetreiber über ausreichend Werkzeuge, um das Netz stabil zu halten. Vorboten seien aus seiner Sicht bereits heute temporär hohe Strompreise und starke Preisschwankungen, die insbesondere energieintensive Industrieunternehmen belasteten.

Europäische Nachbarn vernetzen

Zur Begründung verwies Müller auf den aktuellen European Resource Adequacy Assessment (ERAA) des europäischen Verbands der Übertragungsnetzbetreiber. Demnach wird Deutschland künftig den rechnerischen Zielwert von 2,77 Stunden pro Jahr ohne Lastdeckung deutlich überschreiten.

Alle gängigen Versorgungssicherheitsanalysen (ERAA, VSM) zeigten einhellig, dass die Versorgungslücke wächst und bis Anfang der 2030er Jahre neue Kraftwerke am Netz sein müssen. Daraus ergebe sich ein zusätzlicher Bedarf von bis zu 20.000 MW gesicherter Leistung in Deutschland. „Die konkrete Größenordnung hängt jedoch von der weiteren technologischen Entwicklung, speziell bei Batteriespeichern, ab“, sagte Neumann.

Neue Kraftwerke schnell bauen

Aus Sicht von Amprion ist es wichtig, den geplanten Kapazitätsmarkt zügig auf den Weg zu bringen. Nach dem Verständnis von Neumann und Müller hängt auch die beihilferechtliche Genehmigung durch die Europäische Union von einem entsprechenden Marktdesign ab. Dieses müsse die Rolle neuer Kraftwerke klar definieren und Investitionssicherheit schaffen.

Darüber hinaus sprach sich Müller für einen pragmatischen Umgang mit einem Übermaß an Netzanschlussbegehren aus. Der Redispatch-Vorbehalt aus dem Bundeswirtschaftsministerium sei in der Umsetzung kompliziert. Müller schlägt regional differenzierte Baukostenzuschüsse für Einspeiser vor, die sich an der jeweiligen Netzbelastung orientieren. Dies schaffe auch berechenbare Investitionsbedingungen für die Antragsteller neuer Anlagen.

Donnerstag, 2.07.2026, 16:27 Uhr
Susanne Harmsen

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