Die APG-Vorstände Gerhard Christiner (li.) und Marcus Karger. Quelle: APG / Wolfgang Wolak
Laut dem Übertragungsnetzbetreiber ist die Versorgungssicherheit ohne Gaskraftwerke bis auf Weiteres nicht zu bewerkstelligen. Finanzierungsmöglichkeiten seien dringend nötig.
Hinsichtlich seiner Gaskraftwerke steht Österreich vor nicht zu unterschätzenden Herausforderungen. Das berichtete der technische Vorstand des Übertragungsnetzbetreibers Austria Power Grid (APG), Gerhard Christiner, bei einem Hintergrundgespräch am 9. März in Wien. Ihm zufolge gingen seit 2014 etwa 40 Prozent der meist als Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) konzipierten Erzeuger außer Betrieb. Rund ein Drittel der noch am Netz befindlichen Gaskraftwerke mit 3.500 MW Gesamtleistung sei „im letzten Drittel seiner Lebensdauer und kann bestenfalls noch etwa zehn Jahre lang betrieben werden“.
Mangels Rentabilität fehlt es indessen an Neubauvorhaben. Einzig die Wien Energie ventiliert immer wieder Pläne zum Bau einer rund 350 MW starken KWK, die nach Möglichkeit wasserstofftauglich sein sollte. Erst am 4. März bekundete Peter Weinelt, der Generaldirektor der Wiener Stadtwerke, denen die Wien Energie gehört, im Klub der Wirtschaftspublizisten einmal mehr, für eine Investitionsentscheidung sei ein funktionierender österreichischer Kapazitätsmarkt vonnöten. Anders könne die Anlage nicht finanziert werden, konstatierte Weinelt gegenüber der Redaktion.
„Die Netzreserve kann keine Neubauten finanzieren“
Ähnlich argumentierten Christiner und APG-Finanzvorstand Marcus Karger. Ihnen zufolge finden aber noch keine substanziellen Debatten hinsichtlich der Schaffung eines österreichischen Kapazitätsmarkts statt. Karger erläuterte auf Anfrage der Redaktion, das System der Netzreserve zum Vorhalten thermischer Kraftwerke zwecks sicheren Betriebs der Stromnetze könne nicht als Kapazitätsmarkt verstanden werden: „Der wichtigste Unterschied ist: Die Netzreserve kann keine Neubauten finanzieren. Außerdem gilt dieses System nur mehr bis 2030. Das ist sicher kein Zukunftsmodell.“ Grundsätzlich könne die APG selbst Gaskraftwerke errichten, wenn dies die Regulierungsbehörde E-Control genehmige. Aber solche Anlagen dürften ausschließlich zum Zweck der Netzsicherheit gefahren werden: „Und das wäre eine sehr teure Lösung“.
Christiner und Karger zufolge benötigt Österreich Gaskraftwerke auf absehbare Zeit weiter, um seine sichere Versorgung mit Strom zu gewährleisten. Laut Christiner belief sich Österreichs Gesamtbedarf an elektrischer Energie im Zeitraum Oktober 2025 bis einschließlich Februar 2026 auf rund 28,8 Milliarden kWh. Davon deckte die Wasserkraft (Laufkraftwerke und Speicher) 10,9 Milliarden kWh oder 28 Prozent. Auf die gasbefeuerten KWK entfielen 5,9 Milliarden kWh oder 20,8 Prozent. Die Windkraft steuerte 3,9 Milliarden kWh oder 13,6 Prozent bei, die PV 822 Millionen kWh oder 2,8 Prozent. Sonstige Erzeugungskapazitäten wie Biomassekraftwerke machten 980 Millionen kWh oder 3,4 Prozent aus. Als unverzichtbar erwiesen sich Importe, die sich auf 6,1 Milliarden kWh oder 21,2 Prozent beliefen. Christiner sieht diesen Befund auch als Hinweis darauf, dass die Stromerzeugung von Windrädern im Winterhalbjahr „möglicherweise überschätzt wird“.
Laut Christiner und Karger kam es von Oktober 2025 bis Februar 2026 „an rund 50 Prozent der Tage“ zu einer „Dunkelflaute“. Als „Dunkelflaute“ definiert die APG Zeiten, zu denen die Verfügbarkeit der Windkaft- und Photovoltaikanlagen im Tagesmittel weniger als zehn Prozent der installierten Maximalleistung beträgt. Gerade während solcher Perioden sind laut den beiden APG-Managern Gaskraftwerke unabdingbar.
Kraftwerksstrategie dringend notwendig
Dringend notwendig ist laut Christiner und Karger daher auch der rasche Beschluss der „Kraftwerksstrategie“, die die österreichische Bundesregierung in ihrem Arbeitsprogramm vom Frühjahr 2025 ankündigte. Laut Christiner „hat das der zu Ende gehende Winter mehr als deutlich bewiesen“. Es sei nicht möglich, sich allein auf erneuerbare Energien und Importe zu verlassen. Karger ergänzte, notwendig sei eine „nachhaltige Lösung für die Finanzierung neuer Gaskraftwerke. Momentan sehen wir diese leider noch nicht“.
Die Regierung nahm auf die „Kraftwerkstrategie“ im Übrigen auch in ihrer „Industriestrategie“ vom 16. Januar Bezug. Darin bekräftigte sie die Notwendigkeit des „strategischen Ausbaus und Aufbaus zusätzlicher flexibler Erzeugungskapazitäten zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit“. Zu prüfen ist laut dem Dokument die Realisierbarkeit „moderner hocheffizienter und H2-ready-KWK-Gaskraftwerkslösungen sowie die Nachrüstung bestehender Gaskraftwerke auf Wasserstofftauglichkeit unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit“.
Dienstag, 10.03.2026, 14:16 Uhr
Klaus Fischer
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