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Bild: Fotolia.com, Rynio Productions
BILANZ:
Zeitenwende bei den Stadtwerken Bochum
Nach über 20 Jahre an der Spitze beim westfälischen Kommunalversorger geht Geschäftsführer Bernd Wilmert in den Ruhestand. Sein Abschiedsgeschenk: ein Rekordgewinn.
 
Der Versuchung kann er nicht widerstehen: In gut 1 400 m Höhe über der Nordsee übernimmt Dietmar Spohn vom Piloten den Steuerknüppel der Islander BNB, einer zweimotorigen Propellermaschine. Routiniert. Denn der Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum ist begeisterter Hobbyflieger, in den 1980er Jahren gewann er sogar den Titel eines Vizeeuropameisters im Streckensegelflug.

Hinter ihm liegt ein Rundflug über den Offshore-Windpark Borkum West. Gut 20 Flugminuten vom kleinen Landeplatz im ostfriesischen Emden entfernt sind 40 Hochseepropeller mit einer Leistung von insgesamt 200 MW auf dem Nordseegrund verankert. Den Bau des Windparks hatten drei Dutzend Kommunalversorger unter dem Dach des Trianel-Netzwerkes bereits 2007 beschlossen. Daneben sind das kleine Testfeld alpha ventus sowie mehrere Dutzend Anlagen des Projektes Borkum Riffgrund 1 gut auszumachen, das dem dänischen Energieversorger Dong Energy gehört. Aus dem Flugzeug wirken die eigentlich wuchtigen Windkraftwerke wie Lego-Spielzeug.

Spohn ist zufrieden. Unter ihm drehen sich die ersten der 40 Trianel-Windturbinen. Was lange gedauert hat. Die Finanzkrise und der verspätete Netzanschluss haben Bau und Inbetriebnahme verzögert und erschwert. Auch deshalb ist die ursprünglich vorgesehene Leistung von 400 MW halbiert worden.

Herausforderungen auf See anfangs unterschätzt

Das hat die Führungsriege bei den Stadtwerken Bochum viele Nerven gekostet. Denn die Westfalen sind mit gut 18,5 Prozent größter Einzelgesellschafter beim ersten Trianel-Projekt auf See, was in absoluten Zahlen ein finanzielles Engagement von 180 Mio. Euro bedeutet. „Lehrgeld“, sagt Spohn, hätten alle Gesellschafter bezahlt, weil sie anfangs die Herausforderungen auf See unterschätzt haben. „Das ist Vergangenheit, mittlerweile wissen wir mit der Windtechnologie in der Nordsee umzugehen.“ Außerdem verfüge Trianel über ein eingespieltes Team und – absolut wichtig – über einen Netzanschluss.

Der Lernprozess und die für die kommenden Jahre durchaus günstigen Rahmenbedingungen für die Offshore-Windenergie seit der letztjährigen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes haben im Kreise der Trianel-Gesellschafter das Interesse geweckt, auch den zweiten Teil von Borkum West zu bauen. So auch in Bochum. „Die jetzige Geschäftsführung befürwortet ein solches Engagement“, bekannte Spohn nach dem Rundflug. Er könne sich eine Beteilung von gut zehn Prozent am zweiten Bauabschnitt vorstellen, sagt der Energiemanager in ungewohnter Klarheit. Ob es dazu kommt, so seine Einschränkung, sei aber „einzig und allein“ eine Entscheidung des Aufsichtsrates.
 
Im Offshore-Windpark Borkum West tragen acht Anlagen das Logo der Stadtwerke Bochum an der Gondel
Bild: Stadtwerke Bochum


Das Interesse der Bochumer Politik, Geld für Beteiligungen an Großprojekten in die Hand zu nehmen, war in den zurückliegenden Monaten deutlich abgekühlt. Die fossilen Kraftwerksscheiben in Hamm und Lünen belasten die Bilanz. Auch Borkum West sorgte bekanntlich für Verdruss.

25-Prozent-Ökostrom-Ziel für das Jahr 2020

Finanziell blieb dieses Engagement bislang hinter den Erwartungen zurück: Derzeit geht Trianel von einer Rendite von sechs Prozent aus. „Angesichts des Risikos auf See ist das zu wenig“, sagt Spohn. Für den zweiten Bauschnitt will er einen Profit in der Größenordnung zwischen neun und zehn Prozent sehen.

Für den ersten Bauabschnitt rechnen die Stadtwerke Bochum mit einer direkten Gewinnbeteiligung erst in den Jahren 2019 oder 2020. Ab diesem Zeitpunkt dürften jährlich an die 7 Mio. Euro Windparkerlöse auf dem Stadtwerkekonto landen.
Spohn hofft, den Aufsichtsrat demnächst auch für eine Beteiligung an der TEE, Trianels neuer Beteiligungsgesellschaft für erneuerbare Energien, zu gewinnen. Das könnte den Bochumer Stadtwerken helfen, ihr bislang nicht gerade üppiges regeneratives Portfolio bei Sonne und Wind auszubauen. Neben der Beteiligung an dem Trianel-Projekt in der Nordsee verfügen die Bochumer über vier größere Windturbinen in Bremerhaven sowie einen kleineren Solarpark in der Nähe von Würzburg. Bis 2020 sollen die Stadtwerke, so die Vorgabe aus der Lokalpolitik, rund 25 Prozent des gesamtstädtischen Stromverbrauchs aus grünen Energien decken. „Daher würde uns auch die Beteiligung am zweiten Bauabschnitt von Borkum West helfen“, so Spohn. Nach seinen Worten liegt der Ökostromanteil in Bochum aktuell bei etwa 18 Prozent. Ob und wann die Genehmigung für ein weiteres regeneratives Engagement erteilt wird, ist offen.

Die Stadtwerke Bochum stehen vor einem Umbruch auf der Führungsebene. Ende Juni verabschiedet sich Geschäftsführer Bernd Wilmert, der die Geschicke des Kommunalversorgers seit 1992 managte, in den Ruhestand. Dass bei der Oberbürgermeisterwahl im September die langjährige Amtsinhaberin und Stadtwerke-Aufsichtsratschefin Ottilie Scholz, die insbesondere bei der Atriumtalk-Spendenaffäre 2012 ihre Hand schützend über Wilmert und das Unternehmen gehalten hat, nicht mehr antritt, unterstreicht die Umbruchsituation in Bochum.

Beteiligung an der Gelsenwasser AG als "Glücksfall"

Der Aufsichtsrat wird am 23. Juni Wilmerts Nachfolger wählen. Ein paar Tage davor wird Wilmert selbst letztmalig die Bilanzzahlen präsentieren. Wie aus dem Umfeld der Stadtwerke zu hören ist, wird sich der scheidende Geschäftsführer mit einem Rekordgewinn von über 55 Mio. Euro verabschieden. Was zeigt, dass die Stadtwerke trotz ihrer bislang wenig glücklichen Beteiligungen an den Kohlekraftwerken in Lünen und Hamm wirtschaftlich gut dastehen, auch wenn Wilmert das mit verbalem Understatement stets zu vernebeln versuchte.

Dank der Einnahmen aus dem Vertriebs- und Netzgeschäft, aber vor allem durch erfolgreiche Beteiligungen, entwickelten sich die Stadtwerke in den zurückliegenden Jahren immer mehr zur Cashcow für die Stadtkasse. Als mit Abstand erfolgreichste Beteiligung erwies sich schnell die 2003 zusammen mit den Stadtwerken Dortmund erfolgte (fast vollständige) Übernahme der Gelsenwasser AG. Mit jeweils 30 Mio. Euro Gewinn können Dortmund und Bochum jedes Jahr ihre Bilanz aufhübschen. Wilmert selbst nennt die Gelsenwasser-Beteiligung, die er gegen beträchtlichen Widerstand durchgeboxt hatte, einen „Glücksfall“ – nicht jedes Stadtwerk, das in den vergangenen Jahren in Kohle- oder Gaskraftwerke investiert hat, kann auf einen solchen Goldschatz zurückgreifen.

Für die künftige Geschäftsführung sind das jedenfalls nicht die schlechtesten Voraussetzungen.
 

Ralf Köpke
© 2017 Energie & Management GmbH
Freitag, 29.05.2015, 09:43 Uhr

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