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Enerige & Management > Windkraft Offshore - Zehn Jahre EnBW Baltic 1: Gelungene Pionierleistung
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WINDKRAFT OFFSHORE:
Zehn Jahre EnBW Baltic 1: Gelungene Pionierleistung
Mit dem kleinen 48,3-MW-Windpark Baltic 1 in der Ostsee begann für die Energie Baden-Württemberg vor gut einem Jahrzehnt der Einstieg ins Geschäft mit der Offshore-Windenergie.
 
Das Foto gehört zu den bekanntesten der jungen deutschen Windenergiegeschichte: Staunend blickt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf einem Hubschrauberflug durch ein Bullauge. Ihr Blick richtet sich auf einige Offshore-Windturbinen, die unter ihr aus der Ostsee herausragen. Diese Szene, festgehalten von einem Agenturfotografen, ist zehn Jahre alt.

Denn am 2. Mai 2011 ging Deutschlands erster kommerzieller Offshore-Windpark offiziell in Betrieb, rund 16 Kilometer vor der Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) hatte damals den Startschuss für 21 Siemens-Windturbinen mit einer Leistung von jeweils 2,3 MW und einer Gesamtleistung von 48,3 MW gegeben. Bis dahin war in deutschen Gewässern nur eine maritime Windfarm in Betrieb: das Testfeld Alpha Ventus in der Nordsee mit 60 MW Leistung. Die Offshore-Windenergie steckte hierzulande damals noch in den Kinderschuhen. Daher passten auch die Worte von Kanzlerin Merkel bei der Einweihungsfeier wie die Faust aufs Auge: "Mit Baltic 1 wird ein neues Kapitel der Energiegewinnung aufgeschlagen." 

Zehn Jahre danach zum zehnjährigen Betriebsjubiläum hat Georgios Stamatelopoulos, Leiter erneuerbare und konventionelle Erzeugung und ab Juni neuer Technikvorstand der EnBW, vor einer digitalen Medienrunde ein zufriedenes Fazit gezogen: „Das war eine echte Pionierleistung, wir sind mit Baltic 1 wirklich zufrieden.“ Nach seinen Angaben kratzte der kleine Offshore-Windpark im vergangenen Jahr knapp an der 4.000-Volllaststunden-Marke, was für eine Erzeugung von gut 193 Mio. kWh gereicht hat. Dass es bei Baltic 1 bislang noch keine größeren Schäden gegeben hat, trägt nach wie vor mit zu der hohen Verfügbarkeit bei.

Die Schadenshäufigkeit beeinflusst auch die Lebensdauer der Windenergieanlagen. Auf die Frage, wie lange die kleinen Siemens-Windturbinen in Betrieb bleiben, konnte Stamatelopoulos nur ausweichend antworten: „Wir gehen davon aus, dass sie länger als 25 Jahre betrieben werden können, wenn wir eine Genehmigung dafür erhalten.“

Dass EnBW eine längere Laufzeit ins Kalkül zieht, zeigt die Überlegung, die Rotorblätter zu optimieren - was zu höheren Erträgen führen würde. Stamatelopoulos dazu: „Wir prüfen, ob wir es machen.“
 
Der Startschuss für das Offshore-Windgeschäft der EnBW: das kleine Projekt Baltic 1 in der Ostsee
Foto: EnBW AG

Betriebswirtschaftlich gesehen hat das Projekt Baltic 1, an dem jeweils zur Hälfte EnBW selbst sowie 19 konzernnahe Stadtwerke und Regionalversorger beteiligt sind, nach Worten Stamatelopoulos‘ den Break-Even-Point noch nicht erreicht: „Das wird erst in einigen Jahren der Fall sein.“ Nach vorliegenden Informationen lagen die Investitionskosten bei Baltic 1 vor gut einem Jahrzehnt bei rund 200 Mio. Euro.

Jede in Baltic 1 erzeugte kWh bekommt EnBW derzeit nach dem sogenannten Stauchungsmodell vergütet, sprich es gibt für die ersten zwölf Jahre der Betriebszeit eine höhere Anfangsvergütung. Dieser Einspeisetarif sinkt nach geraumer Zeit ab, bevor dann nur noch der Marktpreis gezahlt wird. Ob EnBW plane, denn Offshore-Windstrom von Baltic 1 mit einem Power Purchase Agreement zu vermarkten? "Wir prüfen diese Option, keine Frage", so Stamatelopoulos.

EnBW hat die Projektrechte für Baltic 1 wie für drei weitere Offshore-Windparks im Mai 2008 von der Bremer WPD-Gruppe gekauft. Dieser Deal war für EnBW der Anlass, ein „eigenes Kompetenzzentrum Offshore-Windenergie“ in Hamburg aufzubauen. Das Team an der Elbe umfasst heute rund 150 Köpfe.

Von dem von WPD erworbenen Quartett sind mit „EnBW Baltic 1“, „Kriegers Flak“ und „Hohe See“ mittlerweile drei Offshore-Windparks am Netz. Das vierte Vorhaben „He Dreiht“, mit einer Leistung von über 900 MW das mit Abstand größte, soll 2025 folgen. Für „He Dreiht“ hatte EnBW im Frühjahr 2017 den Zuschlag bei der ersten Auktion für die Offshore-Windenergie erhalten – und zwar mit einem viel bestaunten Null-Cent-Gebot.

Die Investitionsentscheidung will der Energiekonzern, so Stamatelopoul‘ Ankündigung vor der Medienrunde, im kommenden Jahr treffen. Offen ließ der designierte Technik-Vorstand allerdings, für welches Anlagenmodell sich EnBW entscheiden wird: „Die Verhandlungen laufen derzeit.“ Drei Hersteller, Siemens Gamesa, Vestas und GE, bieten mittlerweile Offshore-Windturbinen mit einer Generatorleistung zwischen 13 und 15 MW an. Neben "He Dreiht" entwickelt EnBW derzeit weitere Offshore-Windparks unter anderem vor den Küsten Großbritanniens, der USA und Taiwans.

Zum zehnjährigen Betriebsjubiläum von Baltic 1 hat Stefan Thimm einen virtuellen Blumenstrauß in die EnBW-Zentrale geschickt: "Baltic 1 war eine echte Pionierleistung, die geholfen hat, dass die Offshore-Windenergie hierzulande auf die Füße gekommen ist", sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands der Windparkbetreiber Offshore e.V. (BWO). „Von diesem Spirit, den es vor zehn Jahren vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gegeben hat, brauchen wir heute wieder mehr, und zwar dringend, damit die Windkraftnutzung auf See schneller wieder Tempo aufnimmt.“ Bekanntlich wird bis Mitte kommenden Jahres nicht eine einzige Windturbine vor den deutschen Küsten in Betrieb gehen. In ihrer Amtszeit als Bundeskanzlerin wird Angela Merkel deshalb auch keinen neuen Offshore-Windpark mehr einweihen können.
 

Ralf Köpke
© 2021 Energie & Management GmbH
Montag, 26.04.2021, 16:58 Uhr

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