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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Print-Ausgabe - "Wir haben die Technik startklar"
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN PRINT-AUSGABE:
"Wir haben die Technik startklar"
Vor wenigen Wochen hat Eon die Mehrheit an Grid X übernommen. Wie es mit dem Energiemanagementsystem des Start-ups nun weitergeht, erläutert dessen Geschäftsführer David Balensiefen.
 
E&M: Herr Balensiefen, noch bringt die E-Mobilität die Verteilnetze nicht an ihre Belastungsgrenze. Wenn aber die Zulassungszahlen schnell steigen, müssen auch schnell Lösungen für netzdienliches Laden bereitstehen. Wie schnell ist Ihre Lösung einsatzbereit?

Balensiefen: Unsere Lösung ist marktreif und schon bei einer Reihe von Unternehmen im Einsatz.

E&M: Das sind keine Pilotprojekte mehr?

Balensiefen: Nein, über den Pilotprojektstatus sind wir schon hinaus und durch die engere Verbindung mit Eon können wir jetzt die Verbreitung unserer Plattform schnell skalieren.

E&M: Ist die Plattform auch für Zukunftsszenarien gerüstet mit noch mehr Elektrofahrzeugen, mit noch mehr Elektrifizierung und flexiblen Verbrauchern?

Balensiefen: Bei IT-Lösungen ist man als Anbieter in einem permanenten Entwicklungsprozess, weil sich natürlich immer wieder die Anforderungen ändern. Es geht immer wieder darum, die Einsatzmöglichkeiten zu erweitern. Das können wir. Es spielt keine Rolle, ob es um die Optimierung der Energieflüsse eines Einfamilienhauses oder eines Quartiers geht oder ‚nur‘ um das Lastmanagement einer Ladeinfrastruktur oder die Netzzustandsüberwachung in der Niederspannung.
 
„Bei einer dynamischen Laststeuerung wird die Netzanschlussleistung optimal genutzt“
 
E&M: Sie haben kürzlich die Kooperation mit Westnetz bekannt gegeben, um den ‚Netzbetrieb 4.0‘ zu testen.

Balensiefen: Ja, wir sind in der Lage, das Stromnetz und die Assets im Netz zu digitalisieren, die dann so gesteuert werden, dass Erzeugung und Verbrauch im Einklang bleiben. In erster Linie geht es um die dynamische Steuerung flexibler Lasten.

E&M: Ist das noch ein Pilotprojekt?

Balensiefen: Es ist ein Pilotprojekt, aber mit marktreifer Technik. Bisher kamen unsere Systeme vor allem zum Einsatz, um die Netzanschlussleistung von Tiefgaragen, Bürogebäuden, Supermärkten, Logistikzentren im Zusammenspiel mit einer Ladeinfrastruktur optimal zu nutzen. Jetzt nehmen wir das gesamte Netz in den Fokus. Die Daten dafür laufen aber alle in unserer Plattform zusammen.

E&M: Dann sind auch nicht die Gewerbe- und Industrieunternehmen ihre eigentliche Zielgruppe, sondern die Netzbetreiber?

Balensiefen: Wir wollen das Backbone für die neue Energielandschaft sein, das Netzbetreibern hilft, auf der Mittel- und Niederspannungsebene effizient zu steuern. Gleichzeitig helfen wir natürlich auch Gewerbe- und Industrieunternehmen, die Anforderungen der Netzbetreiber kosteneffizient umzusetzen. Das heißt, alle Unternehmen, die im Energiemarkt sind, sind potenzielle Kunden − von den Herstellern bis zu den Energieversorgungsunternehmen.

E&M: Brauchen Sie dazu aber nicht als Grundlage das Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz, dessen Entwurf Bundeswirtschaftsminister Altmaier Anfang des Jahres gekippt hat?

Balensiefen: Die Regulierung ist ja oft ein Streitthema. Wir haben die Technik jedenfalls startklar. Aber wenn wir an einem Standort den Netzanschluss dynamisch optimieren, wie wir das zum Beispiel bei Goldbeck oder dem Axel Springer Verlag in Berlin machen, brauchen wir die gesetzliche Grundlage nicht. Dann geht es erst mal nur um die Steuerung der Verbraucher dieser einen Liegenschaft.

E&M: Und wenn man das bei allen Liegenschaften machte, wenn nirgendwo die Netzanschlussleistung überschritten würde, wäre das Gesamtsystem quasi automatisch sicher.

Balensiefen: Wenn keine sonstigen Parameter sich ändern und das Gesamtsystem beeinflussen, dann ja. Aber das ist natürlich eine sehr theoretische Überlegung.
 
David Balensiefen: „Unser System ist mit den BSI-zertifizierten Smart Meter Gateways kompatibel“
Quelle: GridX

E&M: Ganz praktisch gefragt: Die Steuerung von Verbrauchern soll künftig über das Smart Meter Gateway erfolgen. Ist Ihre Plattform darauf vorbereitet?

Balensiefen: Ja. Unser System ist mit den BSI-zertifizierten Smart Meter Gateways kompatibel. Wir können die Daten aus den intelligenten Messsystemen verarbeiten und wieder zurückspielen. Es besteht ja entsprechend dem Messstellenbetriebsgesetz auch eine Einbaupflicht für intelligente Messsysteme bei bestimmten Verbrauchergruppen. Aber bei Industrie- und Gewerbebetrieben gibt es jetzt auch schon eine registrierende Leistungsmessung mit entsprechenden Messeinrichtungen. Man muss allerdings ebenfalls bedenken, die Technologie muss erst einmal zu den Verbrauchern kommen, und die müssen erkennen, dass sie durch die Optimierung einen Nutzen haben. Das ist im Moment eine unserer Hauptaufgaben, die wir zusammen mit Eon, aber auch anderen Partnern wie zum Beispiel Fastned jetzt angehen.

E&M: Welchen Nutzen haben deren Kunden?

Balensiefen: Bei einer dynamischen Laststeuerung wird die Netzanschlussleistung optimal genutzt. Wenn beispielsweise gerade wenige elektrische Verbraucher den Netzanschluss der Liegenschaft in Anspruch nehmen, steht mehr Kapazität für das Laden der E-Autoflotte zur Verfügung. Oder umgekehrt. Wir können die Verbraucher und die zentrale Steuerung so vernetzen, dass das System jederzeit die Stromflüsse nach bestimmten Parametern anpassen kann. Dadurch wird in der Regel der Netzanschluss so genutzt, dass man gar keine höhere Leistung benötigt. Immerhin kann man für einen neuen Netzanschluss einen sechsstelligen Betrag veranschlagen. Gleichzeitig hilft das System, Lastspitzen zu vermeiden, die sich in teuren Netzentgelten niederschlagen würden, indem sie über alle Assets einer Liegenschaft intelligent abgefedert werden. Nach unseren Berechnungen kann die Ersparnis auf einen Ladepunkt bis zu 2.000 Euro pro Jahr betragen.

E&M: Wie wurde das Lastmanagement in Ihren Projekten bisher von den Beteiligten oder Betroffenen akzeptiert? Dass eine höhere Instanz in die Ladeautonomie von E-Automobilisten eingreift, war ja einer der Hauptstreitpunkte beim Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz.

Balensiefen: Da gab es keinerlei Probleme. Wenn man jeweils eine überschaubare Einheit, einen Betrieb, ein Mehrfamilienhaus oder eine Tiefgarage optimiert, ist die Akzeptanz der Maßnahmen sicherlich höher und der Nutzen den Beteiligten auch leichter zu vermitteln, als wenn ‚irgendwelche Befehle‘ vom Netzbetreiber kommen. Außerdem hilft es, wenn die Beteiligten über ein digitales Interface in Echtzeit beobachten können, welche positiven Auswirkungen die Steuerung hat. Das hilft nach unserer Erfahrung sehr bei der Sensibilisierung für das Thema Lastmanagement.
 
„Es kommt darauf an, wie viel Köpfchen man ins Netz steckt und wie viel Kupfer“
 
E&M: Komplett ohne Netzausbau wird der Wandel der Energielandschaft jedoch nicht stattfinden.

Balensiefen: Das ist wohl richtig. Aber es kommt darauf an, wie viel Köpfchen man ins Netz steckt und wie viel Kupfer. Es ist sicherlich betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich sinnvoller, 90 Prozent aller Fälle durch Lastmanagement und optimale Nutzung der Netzanschlussleistung abzudecken, als das Netz auszubauen, damit es ohne jegliche Einschränkungen ein- oder zweimal pro Jahr für 15 Minuten die maximal anzunehmende Last aushält. Am Ende müssen wir nämlich auch auf die Möglichkeiten achten, den Netzausbau zu finanzieren.

E&M: Sie sprechen die zunehmende Zahl an Prosumern an, die zwar noch einen Netzanschluss für alle haben, aber nur wenige Kilowattstunden aus dem Netz beziehen.

Balensiefen: Genau. Sie zahlen kaum noch Netzentgelte. Solange wir keine Reform der Netzentgeltsystematik haben, verteilen sich die Kosten des Netzausbaus auf immer weniger Netznutzer. Auch deshalb müssen wir versuchen, mit intelligenter Steuerung so weit wie möglich zu kommen.
 

Grid X im Eon-Konzern

Im Rahmen des Pilotprojekts „Netzbetrieb 4.0“ wird Westnetz 100 Ortsnetze mit intelligenter Messtechnik ausstatten. Ziel ist es, die Komponenten im Smart Grid miteinander zu vernetzen, sodass Stromerzeugung, Verbrauch und Speicherung dynamisch gesteuert werden können. Dafür nutzt die Netzgesellschaft der Eon-Tochter Westenergie das Kommunikations- und Energiemanagementsystem „Xenon“ von Grid X. Ihre Kooperation gaben die Partner im November bekannt.

Schon vor der Mehrheitsübernahme von Eon an dem 2016 gegründeten Start-up hatte dieses eine Reihe von Projekten mit dem Großunternehmen umgesetzt, etwa die lokale Optimierung von Energieflüssen an einem Pilotstandort mit 17 Ladesäulen und Solaranlagen innerhalb der verfügbaren Anschlussleistung.

Die Zusammenarbeit der Ausgründung aus der RWTH Aachen mit dem Eon-Konzern reicht zurück bis ins Jahr 2017. Im Frühjahr 2018 war bekannt geworden, dass Innogy Ventures, deren Risikokapitalaktivitäten Ende 2020 mit denen von Eon im neuen Fonds „Future Energy Ventures“ zusammengeführt wurden, in Grid X investiert hatte. Daneben hielten auch andere Risikokapitalgesellschaften Anteile wie etwa Coparion oder Vito One, ein Unternehmen der Viessmann-Gruppe. Nun besteht der Gesellschafterkreis jedoch nur noch aus Eon und den beiden Gründern David Balensiefen und Andreas Booke.

Im Frühjahr hatte Grid X erklärt, seine IT-Lösung für das dynamische Lastmanagement mit künstlicher Intelligenz (KI) auf „das nächste Level“ gehoben zu haben. Die künstliche Intelligenz ermittle unter anderem, wie lange die Park- und Ladezeit des jeweiligen Nutzers erfahrungsgemäß dauert und welche Energiemengen üblicherweise benötigt werden. Diese Daten fließen in eine Berechnung ein, anhand derer eine Priorisierung der Ladevorgänge bedarfs- und zeitgerecht möglich sei. Der Nutzer müsse selbst keine Angaben machen, da die KI die entsprechenden Werte erhebe, wenn das Fahrzeug an eine Ladesäule angeschlossen wird.

Die junge Eon-Tochter ist auch Projektpartner von „Smart Quart“. In dessen Rahmen testen zehn Unternehmen die lokale Vernetzung von Erzeugern, Verbrauchern und Speichern in einem Quartier und die Vernetzung von drei Quartieren untereinander. Sie wollen Erkenntnisse über die optimale Dimensionierung von Anlagen und den übergreifenden Ausgleich von regenerativen Energieüberschüssen und -defiziten gewinnen.

Die Xenon-Plattform kommt unter anderem noch beim Bauunternehmen Goldbeck und bei der Axel Springer AG für ein dynamisches Lastmanagement mit Ladepunkten zum Einsatz. Dort richtet sich die an jeder Ladesäule verfügbare Leistung nach dem Leistungsbedarf der anderen Ladepunkte und des gesamten Unternehmens mit allen anderen Verbrauchern hinter dem Netzanschluss. Sofern die Liegenschaft gerade weniger Strom benötigt, steht beispielsweise mehr für die Ladevorgänge zur Verfügung. Die Anpassung erfolgt in Echtzeit. Im Gegensatz dazu würde ein statisches Lademanagement abregeln, sobald die für eine Ladesäule vorgegebene Leistung ausgeschöpft ist, und nicht berücksichtigen, dass die Kapazität des Netzanschlusses insgesamt noch nicht erreicht ist.y
 

Fritz Wilhelm
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Donnerstag, 16.12.2021, 09:02 Uhr

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