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Enerige & Management > Nordrhein-Westfalen - Windkraft-Widerstand vor Friedrich Merz' Haustür zerbröselt
Quelle: Fotolia / vege
NORDRHEIN-WESTFALEN:
Windkraft-Widerstand vor Friedrich Merz' Haustür zerbröselt
Während der Regierungsbildung in NRW erhalten die grünen Erneuerbaren-Pläne Rückenwind von unverdächtiger Seite: Die IHK Arnsberg stimmt Windkraft-Ausbau im touristischen Sauerland zu.
 
Bei den laufenden Koalitionsverhandlungen in Nordrhein-Westfalen wird mit Spannung erwartet, wie es der CDU gelingt, gesichtswahrend von ihrer vormals Windkraft-kritischen Haltung abzurücken. Argumentationshilfen für mehr Turbinen in Wäldern und touristischen Gebieten liefert mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Arnsberg nun eine Organisation, die nicht im Verdacht steht, an Wahl- oder Parteiprogrammen der Grünen mitzuschreiben.

Die für die Regionen Hellweg und Sauerland zuständige IHK Arnsberg hat durch eine jetzt veröffentlichte Studie die Sorge entkräftet, Windkraftanlagen könnten eine Gefahr für den Tourismus in den bei Städtern so beliebten Ausflugszielen des Sauerlands darstellen. Von 1.000 befragten potenziellen Tourismusgästen aus NRW gaben mehr als zwei Drittel an, dass es ihr Reiseverhalten im Sauerland nicht beeinflusse, wenn Windkraftanlagen sich an Aussichtspunkten, Rad- und Wanderwegen oder in der Nähe von Talsperren befinden würden.

Branchenverband sieht Rückenwind für Koalitionsverhandlungen in NRW

Grundsätzlich sprechen die Befragten sich mit überwiegender Mehrheit für Turbinen auf Freiflächen oder Höhenzügen als Einzelanlagen (89 % Zustimmung) oder in Anlagenparks (81 %) aus. Durch Schädlinge oder Unwetter in Mitleidenschaft gezogene Waldabschnitte, so genannte Kalamitätsflächen, halten 73 % für geeignet. Bei intakten Waldgebieten teilen Fürsprache und Ablehnung sich hälftig auf.

Der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE NRW) reagiert freudig überrascht auf das Ergebnis der Umfrage, die erstmals konkrete Daten zu Tourismus und Windenergie vor Ort biete. Der Vorsitzende Reiner Priggen spricht von einem langjährigen Rück- und Widerstand in Sauerland und Südwestfalen in Sachen Windenergie. Die Studie liefere Schwarz-Grün nun „einen starken Rückhalt“ für mehr Windkraft auch im Sauerland. Die Grünen drängen in den Koalitionsverhandlungen auf einen ambitionierten Ausbau auch der Windenergie und müssen dafür bei der CDU teils dicke Bretter bohren.

Priggen betont, dass „die Tourismusbranche im Sauerland bei einem dynamischen Windkraftausbau in der Region keine wirtschaftlichen Nachteile zu erwarten hat“. Gleichwohl ist es für IHK-Geschäftsbereichsleiter Thomas Frye bei der Beurteilung der Studie von Bedeutung, auch „die 12 bis 17 Prozent der Windkraft-kritischen oder zumindest -sensiblen Gäste“ für Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel im Sauerland „nicht zu verlieren“.

Dafür regt er eine Prüfung an, ob neben intakten Waldflächen auch die unmittelbare Nachbarschaft von Talsperren oder Stadtsilhouetten frei von Windenergieanlagen bleiben solle. Kommunen solle es ermöglicht werden, über das Bauplanungsrecht eine effektive Standortsteuerung vornehmen zu können. Insgesamt seien „die Interessen von Windkraft und Tourismus vereinbar, wenn bei der Standortwahl nach dem Prinzip des geringsten Eingriffs in den Landschaftsraum verfahren wird“, so Frye.

IHK befürwortet Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort

Die Öffnung von Waldflächen für die Windkraft galt bei der schwarz-gelben Koalition unter Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und später unter seinem Parteikollegen und Amtsnachfolger Hendrik Wüst als Tabu. Die Konservativen ließen den Windkraftskeptiker Andreas Pinkwart (FDP) - bis zur Bildung der neuen Koalitionsregierung noch geschäftsführend als Energieminister im Amt - freie Hand bei Abstandsregelungen (1.000 Meter zu Kleinstsiedlungen) und Beschränkungen im Wald.

Die neue Haltung der NRW-CDU zur Windkraft im touristischen Sauerland ist auch deswegen nicht ohne Pikanterie, weil ihr Bundesvorsitzender Friedrich Merz von dort stammt. Er holte im Wahlkreis Hochsauerland auch das Direktmandat für den Bundestag, allerdings mit nur noch 40,4 % der Erststimmen, dem historisch schlechtesten Ergebnis eines CDU-Kandidaten. Zugleich verdoppelte die lokale Grünen-Kandidatin Maria Tillmann das Ergebnis für ihre Partei beinahe (von 4,2 % auf 8,0 %).

Auch dies mag ein kleiner Fingerzeig für den allmählichen Wandel des Landstrichs zur Energiewende sein. Die Energieversorgung für die Unternehmen, so findet jedenfalls IHK-Präsident Andreas Rother, sei in ausreichendem Maße nur über den lokalen Ausbau von Sonnen- und Windenergie zu sichern. „Unsere Wirtschaft braucht klimaneutrale Energie, sonst ist sie auf Dauer nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagt er.
 

Volker Stephan
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Mittwoch, 15.06.2022, 09:13 Uhr

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