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INTERVIEW:
Wilmert: "Es ist uns wesentlich besser ergangen als dem VfL Bochum"
Nach gut 23 Jahren als Geschäftsführer bei den Stadtwerken Bochum tritt Bernd Wilmert Ende Juni in den Ruhestand. Im Gespräch mit E&M zog er Bilanz.
 
E&M: Herr Wilmert, in den gut 23 Jahren, in denen Sie Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum gewesen sind, ist Ihr Lieblings-Fußballverein VfL Bochum sechs Mal aus der Ersten Bundesliga abgestiegen. Ist es den Stadtwerken in dieser Zeit besser ergangen als dem VfL?

Wilmert: Ich habe nicht den Eindruck, dass wir sechs Mal abgestiegen sind. Als ich in Bochum anfing, waren die Stadtwerke ein ganz normaler, klassischer Kommunalversorger. Wir hatten unsere technischen Aufgaben gut gemeistert und insgesamt, das sage ich jetzt nicht abwertend, ein sehr beschauliches Leben gehabt. Wer in der Zeit vor der Liberalisierung nicht auf absurde Ideen gekommen ist, konnte sich nur durch Selbstmord vor einem guten Ergebnis retten. Die Stadtwerke Bochum haben in den vergangenen 23 Jahren gut 650 Millionen Euro an die Stadt ausgeschüttet, und zwar ohne Konzessionsabgabe. Was zeigt, dass es uns wesentlich besser als dem VfL ergangen ist.
 
Bernd Wilmert: "Gelsenwasser war ein Glücksfall für uns"
Bild:Stw Bochum


E&M: Auf die Liberalisierung haben Sie ganz schnell mit der Gründung der Energie- und Wasserversorgung Mittleres Ruhrgebiet (ewmr) reagiert, an der sich auch die Stadtwerke aus Herne und Witten beteiligt haben. Warum?

Wilmert: Als mittelständiges Stadtwerk konnten wir, das war mir schnell klar, nur mit zwei Sachen punkten: Zum einen mit Flexibilität, die erlernbar ist. Zum anderen mit Größe, weshalb wir auf Kooperationen gesetzt haben. Deshalb kam es zur ewmr, aus der wir aber viel mehr hätten machen können. Die nächsten Schritte waren Trianel und Gelsenwasser, zwei wirkliche Erfolgsgeschichten. Vielleicht gelingt es uns auch mittelfristig mit der Steag eine Kooperationsbasis zu schaffen, zumindest im Fernwärmesektor gibt es positive Entwicklungen. Ich könnte mir noch weitere Geschäftsfelder vorstellen.

E&M: Unter den bisherigen Kooperationen war die Beteiligung an der Gelsenwasser AG mit Abstand die finanziell erfolgreichste, oder? Und das bei einem Kaufpreis von 835 Millionen Euro, die Bochum zusammen mit den Stadtwerken Dortmund finanziert hat.

Wilmert: Gelsenwasser war ein Glücksfall für uns. Die Stadtwerke Bochum sind dadurch hochstabil geworden. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wir haben bereits heute 60 Prozent der Kredite, die wir für den Kauf der Beteiligung aufgenommen haben, getilgt. Gleichzeitig ist der Wert von Gelsenwasser enorm gestiegen. Dass wir die Beteiligung an Gelsenwasser geschafft und das Unternehmen bundesweit zu einem wichtigen Player weiterentwickelt haben, ist für mich der Höhepunkt meines Schaffens bei den Stadtwerken Bochum.

E&M: Mit Gelsenwasser verbindet sich aber auch eine der größten Schlappen bei Ihrem Bestreben nach mehr Kooperationen.

"Niemand hat uns gesagt: Lasst die Finger davon"

Wilmert: Dass wir es nicht geschafft haben, aus Gelsenwasser sowie den Stadtwerken Bochum und Dortmund ein funktionales Unternehmen gemacht zu haben, ärgert mich noch heute manchmal. Wenn wir diesen Königsweg beschritten hätten, würden wir uns heute mit den Stadtwerken München um die pole position unter den Stadtwerken streiten. Das ist sicherlich eine Niederlage gewesen, mit der ich leben musste.

E&M: Wenn Gelsenwasser Ihr Glücksfall gewesen ist, dann müssen die von Ihnen mitinitiierten Kraftwerksbeteiligungen als das Gegenteil gewertet werden.

Wilmert: Ja, das ist richtig. Wobei ich unsere Entscheidungen differenzierter sehe. Als wir uns für die Beteiligungen an den Gas- und Kohlekraftwerken entschieden haben, gab es niemanden, wirklich niemanden, der uns gesagt hat: Lass die Finger davon. Die Politik, die Berater und viele Kollegen haben uns geraten, werdet Konkurrenten der Big Four bei der Erzeugung. Mit der Energiewende ist ein energiewirtschaftliches Umfeld entstanden, das uns mit den nunmehr unwirtschaftlichen Kraftwerken allein lässt. Ich stehe hinter der Energiewende und halte sie nach wie vor für richtig. Aber wir erleben seit Monaten eine inkonsistente und unlogische Politik, die den Energieversorgern wirklich zu schafft macht, da sie eine langfristige Planung erschwert.

E&M: Zählt nicht auch zu den Fehlern Ihrer Amtszeit, dass Sie viel zu wenig bei den erneuerbaren Energien investiert haben?

Wilmert: Zu spät, das ist sicherlich richtig. Als wir uns in den Jahren 2005 und 2006 für unsere konventionellen Beteiligungen entschieden haben, hätten wir – im Rückblick gesehen – weniger in Kohle und Gas und stattdessen in erneuerbare Energien investieren sollen. Das sehen wir selbstkritisch. Bei den erneuerbaren Energien haben wir einen Nachholbedarf, wir werden aufholen, da bin ich sicher. Übrigens, einer der großen Investoren in nächster Zeit wird die Steag sein, da wird einiges kommen.

E&M: Sind mehr grüne Investitionen eine Empfehlung an das Nachfolge-Duo, das demnächst die Geschäfte der Stadtwerke Bochum managen wird?

Wilmert: Mir steht es nicht zu, Empfehlungen zu geben. Die künftige Geschäftsführung wird ihren Weg finden.


Die Stadtweke Bochum
Für die neue Geschäftsführung legte Bernd Wilmert zu seinem Abschied mit einer Rekord-Gewinnabführung von 66,1 Mio. Euro die Latte sehr hoch. Die Steigerung von 19,1 Mio. Euro im Vergleich zum Vorjahr kommt nicht von ungefähr: Nach einer Vereinbarung mit der Stadt soll so der Aktienverlust der städtischen 6,6 Mio. RWE-Aktien ausgeglichen werden – und zwar über insgesamt drei Jahre. Damit steht schon fest, dass die Stadtwerke auch für dieses und kommendes Jahr mehr Gewinn an die Stadtkasse überweisen werden als die zuletzt vereinbarten 47 Mio. Euro. Offen ist die Frage, ob sich die Stadt Bochum nicht ganz von ihrem RWE-Aktienpaket trennen wird – wie es beispielsweise die Stadt Düsseldorf vor Jahren vollzogen hat. Das könnte, so ist aus dem Umfeld der Stadtwerke zu hören, mit dazu beitragen, die kommunale Sperrminorität beim RWE zu gefährden. Die Debatte könnte nach der Oberbürgermeister-Wahl am 13. September an Fahrt gewinnen.
 

Ralf Köpke
© 2017 Energie & Management GmbH
Dienstag, 23.06.2015, 13:07 Uhr

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