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Enerige & Management > Veranstaltung - Weitsichtige Energiesystemplanung für Bayern gefordert
Quelle: Shutterstock / Brian A Jackson
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Weitsichtige Energiesystemplanung für Bayern gefordert
Bayern braucht viel mehr erneuerbare Energieerzeugung, damit es bis 2040 klimaneutral werden und trotzdem Industriestandort bleiben kann, fordert die Wirtschaftsvereinigung des Landes.
 
In einer gemeinsamen Online-Veranstaltung diskutierten Vertreter von Tennet und der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) über die Energiezukunft des Bundeslandes. VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt appellierte an die Politik in Land und Bund: „Jetzt braucht es die Umsetzung zukunftsfähiger Konzepte, die die Sektoren Energie, Wärme und Verkehr verzahnen und klimafreundliche Energieträger fördern“. Bayern hat sich vorgenommen, schon fünf Jahre früher als Deutschland, also 2040 klimaneutral zu sein.

Schnellere Genehmigungsverfahren für Stromleitungen und erneuerbare Energieerzeuger seien nötig, sagte Brossardt. Die Energiewende brauche mehr Tempo und Überzeugungskraft aus der Politik. „Der Wandel wird in unserer Landschaft sichtbar werden. Wer Klimaschutz will, muss diese Tatsache akzeptieren“, sagte Brossardt und forderte Windkraftanlagen in Staatsforsten und den Wegfall der 10-H-Abstandsregel, die aktuell den Ausbau in Bayern verhindere.

Doppelt so viel in der Hälfte der Zeit

Damit erneuerbarer Windstrom aus der Nordsee nach Bayern kommt, baut Übertragungsnetzbetreiber Tennet die Stromleitungen aus. COO Tim Meyerjürgens sagte: „Zur Erreichung der neuen Klimaschutzziele für 2030 müssen wir in der Hälfte der Zeit doppelt so viel schaffen.“ Dafür müsse der bestehende Regulierungsrahmen modernisiert werden, damit Investitionen in Netze attraktiv bleiben und das Stromnetz fit für die großen Volumen zusätzlicher volatiler erneuerbarer Energien werde. Mit 3 bis 4 Mrd. Euro sei Tennet aktuell der größte Investor der deutschen Energiewende.

Von der Politik forderte Tennet die gemeinsame Planung der Infrastrukturen für Strom, Erdgas, und Wasserstoff in einem zukunftsweisenden effizienten Gesamtkonzept für Bayern. Ein solches Konzept müsse die Energiebedarfe bis 2045 definieren, sämtliche künftige Energieträger und Infrastrukturmöglichkeiten integriert betrachten und mit kommenden Netzentwicklungsplänen im Bund synchronisieren, sagte Meyerjürgens. Tennet rechnet mit einem um 25 % steigenden Nettostrombedarf in Bayern mit dem Kernkraftausstieg ab 2023, dieser Strom müsse importiert werden. Die Diskussionsteilnehmer aus Gasbranche, Industrie und Windkraft waren sich einig, dass Strom-, Wärme- und Verkehrssektor verzahnt werden müssen. Bernd Wust, Sprecher des Landesvorstands Bayern des Bundesverbandes Windenergie (BWE) betonte, dass auch Bayern etwa 1.000 neue Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 6.000 MW bis 2030 benötige. „Das sind zwei pro Landkreis und Jahr“, rechnete er vor.

Da Photovoltaik vor allem im Sommer Strom liefere, brauche es Windkraft als Ergänzung, sonst gingen die Lichter aus. Brossardt warb dafür, auch Biomasse mehr einzubeziehen und die Wasserkraft, die 15 % des Stroms in Bayern erzeugt, zu modernisieren. Für die Infrastruktur müsse Deutschland jetzt den großen Wurf machen, mit der „Wucht einer Bazooka und der Präzision eines Scharfschützengewehrs“, sagte Brossardt.
 
Während der Diskussion in München (v.l.) Bertram Brossardt (VBW),
Tim Meyerjürgens (COO Tennet), Bernd Wust (BWE)
Quelle: VBW

Strombedarf könnte sich verdoppeln

In einem wissenschaftlicher Impuls betonte Berit Erlach, Leiterin Energiesysteme der Zukunft an der Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech), Bayern müsse seine gesamte Energieversorgung in nur 24 Jahren umstellen für das Ziel von 2040. Daher müssten langlebige Infrastrukturen schon heute klimaneutral gebaut werden oder umrüstbar auf erneuerbare Energieträger sein, mahnte sie.

Dank der Sektorkopplung könnte sich der heutige Strombedarf verdoppeln, weshalb das 4- bis 6-fache der heutigen Leistung an erneuerbarer Energieerzeugung benötigt werde. Deshalb müssten neben den Übertragungsnetzen auch die Verteilnetze ausgebaut und digitalisiert werden, um Erzeugung und Nachfrage möglichst automatisiert auszugleichen und Flexibilitäten nutzen zu können, sagte Erlach.

Die Transformation des Energiesystems muss nach Überzeugung der VBW mit günstigen Strompreisen von unter 4 Cent/kWh einhergehen, damit die Industrie wettbewerbsfähig bleibe. Dafür solle die Bundespolitik die EEG-Umlage abschaffen und die Stromsteuer auf das europarechtliche Minimum senken. Der Zuschuss auf die Netzentgelte müsse umgesetzt werden, wie im Kohleausstiegsgesetz vorgesehen, forderte Brossardt. Christian Hartel, Vorstandsvorsitzender der Wacker Chemie AG, sagte, seine Branche rechne allein mit einer Verdopplung bis Verdreifachung des Strombedarfs, wenn sie fossile Energiequellen ablöst. Deshalb müssten schnellstens erneuerbare Erzeugung und Netze ausgebaut werden. Nur die sichere und wirtschaftliche Energieversorgung werde die Industrie in Deutschland halten können, warnte er.
 

Susanne Harmsen
Redakteurin
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Dienstag, 12.10.2021, 16:36 Uhr

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