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Enerige & Management > Kernkraft - Weichen für befristeten Weiterbetrieb gestellt
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim. Quelle: EnBW
KERNKRAFT:
Weichen für befristeten Weiterbetrieb gestellt
Bundeswirtschaftsministerium und die Betreiber der Kernkraftwerke Isar 2 und GKN II haben sich über ein Prozedere für den möglichen Weiterbetrieb nach Jahresende verständigt.
 
Das Gemeinschaftschaftskernkraftwerk Neckar II (GKN II) in Neckarwestheim (Baden-Württemberg) von EnBW und das bayerische Kernkraftwerk Isar 2 von Eon sollen länger laufen. Für das Kernkraftwerk Isar 2 bei Landshut bedeutet das, wie es in einer Mitteilung des Energiekonzerns Eon heißt, dass die Anlage zeitnah in einen Kurzstillstand geht, um eine Revision der Druckhaltervorsteuerventile durchzuführen. Nach dem Wiederanfahren könne die Anlage mit dem bestehenden Reaktorkern bis voraussichtlich März 2023 weiterlaufen.

Die Bundesregierung will bis spätestens Anfang Dezember über den tatsächlichen Abruf entscheiden. Sollte es zu einem Abruf kommen, würde Isar 2 nach Angaben von Eon im nächsten Jahr Markterlöse für rund 2 Mrd. kWh durch die Stromproduktion erzielen. Diesen möglichen Erlösen seien die durch die Verlängerung entstehenden, zusätzlichen Kosten gegenüberzusetzen.

Eon will mögliche Erlöse aus dem Weiterbetrieb für die Energiewende verwenden. Sollte es keinen Abruf geben, soll der Bund alle Kosten, die für die Vorbereitung eines Weiterbetriebs angefallen sind, ersetzen.

Eon-CEO Leonhard Birnbaum erklärte dazu, man freue sich über diese Einigung, verwies aber gleichzeitig auf die Herausforderungen: „Bekanntermaßen bereiten wir seit Jahren den Rückbau von Isar 2 nach dem 31. Dezember 2022 vor. Sozialpläne sind gemacht, Dienstleister unter Vertrag – wir sind bereit, all dies noch einmal anzupacken.“

Reaktorkern von GKN II wird neu sortiert

Wie EnBW als Betreiber des Kernkraftwerks GKN II bei Heilbronn dazu mitteilte, soll der Meiler auf jeden Fall am 31. Dezember heruntergefahren werden. Sollte die Bundesregierung bis dahin entschieden haben, dass der Block weiterbetrieben werden soll, will man den Reaktorkern mit den teilverbrauchten Kernstäben neu zusammensetzen. Mit diesem Optimierungsschritt soll es möglich sein, nach dem anschließenden Wiederanfahren 1,7 Mrd. kWh zu produzieren. Auch hier sollen Gewinne in die Energiewende investiert und – falls es nicht zum Einsatz des Kraftwerks kommt – ein Verlustausgleich durch den Staat erfolgen.

Georg Stamatelopoulos, EnBW-Vorstand für nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur: „Die jetzt getroffene Vereinbarung mit der Bundesregierung ist für uns als Energieunternehmen einerseits in der Umsetzung sehr anspruchsvoll. So werden wir alle vorbereiteten Maßnahmen für den zum Jahresende geplanten Ausstieg hin zu einem zuverlässigen und sicheren Weiterbetrieb in einer Einsatzreserve umstellen müssen.“

Andererseits werde man den Beitrag für die Sicherheit der Energieversorgung in Deutschland immer nach besten Kräften leisten und könne auf ein extrem professionelles und erfahrenes Team setzen. Die getroffene Vereinbarung nannte er eine faire Regelung.

Fehlender Atomstrom in Frankreich

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) begründete den Schritt hin zu dieser Regelung der Einsatzreserve unter anderem mit den zahlreichen Ausfällen bei den Atomkraftwerken in Frankreich, die eine Unsicherheit bei der europäischen Energieversorgung im Winter darstellen. Der Weiterbetrieb der beiden deutschen Kernkraftwerke diene der Netzstabilisierung. Das dritte Kernkraftwerk, Emsland werde wie vorgesehen zum 31. Dezember abgeschaltet. Voraussetzung für die rechtssichere Umsetzung der Einsatzreserve ist eine Änderung im Atomgesetz.

CDU-Bundesvize Michael Kretschmer nannte den vereinbarten Weiterbetrieb zu kurzfristig. Die Kernkraftwerke sollten generell weiterlaufen, besonders wegen der hohen Energiepreise, sagte der sächsische Ministerpräsident am 28. September, im Deutschlandfunk. Auch die FDP will eine längere Laufzeit der Reaktoren. „Die innerhalb der Ampelkoalition nicht abgestimmten Vorstellungen des Wirtschaftsministers bleiben hinter dem zurück, was in der angespannten Lage auf dem Strommarkt notwendig ist“, sagte FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler.

Aus Sicht der Grünen-Fraktion im Bundestag ist der Weiterbetrieb keine Abkehr vom Atomausstieg. „Wir kaufen keine neuen Brennstäbe“, unterstrich die parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion, Irene Mihalic.

Kritik von Kernkraftgegnern

Umweltorganisationen und Atomkraftgegner kritisierten den nun sehr wahrscheinlichen Weiterbetrieb scharf. Man warne vor einer Vorentscheidung, erklärte der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Sascha Müller-Kränner. Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace, sagte: „Die Strommangellage in Frankreich durch Abschaltung zahlreicher AKWs zeigt, wie unzuverlässig Atomenergie ist.“ Er schlug im Fall von Stromengpässen „stundenweises gezieltes und vereinbartes Abschalten von großen industriellen Verbrauchern und intelligentes Lastmanagement“ vor.

Das Eckpunktepapier zum vorläufigen Weiterbetrieb der Kernkraftwerke   steht als PDF zum Download bereit.
 

Günter Drewnitzky / Susanne Harmsen
© 2022 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 28.09.2022, 11:36 Uhr

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