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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - Wege zur Wende
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
Wege zur Wende
Was läuft bei der Energiewende politisch falsch, wo ist die Ampel auf dem richtigen Weg? Gedanken der Professorinnen Claudia Kemfert, Sabine Löbbe und Barbara Praetorius.
 
Claudia Kemfert:

„Wir brauchen keine LNG-Terminals“
Was für erste Monate für die neue Bundesregierung! Nicht nur weil ohnehin ein Riesenpaket an Aufgaben auf dem Tisch liegt, von dem einige angepackt werden sollten, insbesondere in puncto Klimaschutz. Jetzt kommt ein Krieg hinzu, ein fossiler Energiekrieg, der für Klimaschutz und Energiewende alles verändern kann. Wir benötigen aber keine Laufzeitverlängerungen von Kohle oder Atom, sondern ein Booster-Programm für erneuerbare Energien.

Eine schnelle Energiewende mit Energiesparen und einer Vollversorgung aus erneuerbaren Energien sichert Versorgungssicherheit und Resilienz, da wir von fossilen Importen nicht mehr abhängig und somit nicht erpressbar sind. Ein auf erneuerbare Energien basierendes Energiesystem ist viel preiswerter als ein konventionelles, weil nicht nur die Erzeugungskosten niedrig sind, keine variablen Kosten in Form von teuren Importen fossiler Energien und zudem keine Umwelt- und Klimaschäden entstehen. Erneuerbare Energien sichern Frieden, Freiheit und Demokratie − sie sind Friedensenergien.

„Erneuerbare Energien sind Friedensenergien“

In allen Bundesländern müssen jeweils zwei Prozent der Fläche für Windenergie ausgewiesen und pauschale Abstandsregeln abgeschafft werden. In diesem Zuge müssen auch Genehmigungsverfahren beschleunigt und finanzielle Beteiligungen erweitert werden. Für all das wurden in dem Osterpaket wichtige und richtige Schritte gemacht.

Wir müssen sofort ein Energiesparprogramm starten: die Heizungen um zwei Grad runterdrehen, ein Tempolimit und autofreie Sonntage einführen, den Einbau von Wärmepumpen im Gebäude und Industriebereich beschleunigen oder Inlandsflüge verbieten.

Was wir nicht brauchen, ist ein Tankrabatt oder der Bau eines LNG-Terminals. Letzteres war vor 15 Jahren richtig, heute nicht mehr. Der Bau dauert bis zu vier Jahre, in dieser Zeit muss der Bedarf von Erdgas massiv reduziert werden. Was wir dann brauchen, sind Wasserstoffterminals, in denen grüner Wasserstoff für die Industrie nach Deutschland gebracht wird.

Statt eines sozial ungerechten Tankrabatts wäre ein einkommensunabhängiges Mobilitätsgeld besser, das vor allem emissionsfreie Mobilität fördern sollte. Ohnehin ist es höchste Zeit, die Ladeinfrastruktur schneller auszubauen, eine E-Fahrzeugquote einzuführen, sichere Fahrrad- und Fußwege auszubauen. Eine Abwrackprämie für fossile Autos und Heizungen ist sinnvoll, wenn damit emissionsfreie Gebäude und Mobilität erreicht werden.
Trotz der schweren Krise, die wir derzeit erleben, gibt es Hoffnungsschimmer für eine beherzte Energiewende mit einer Vollversorgung aus erneuerbaren Energien und Energiesparen.
 
Claudia Kemfert ist Wirtschaftswissenschaftlerin und leitet seit 2004 die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Sie ist aktuell Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg, hat an verschiedenen Universitäten gelehrt und war und ist in diversen Gremien Politikberaterin
Quelle: DIW


Sabine Löbbe:

„So selbstverständlich wie das Zähneputzen“
Um die Transformation unseres Energiesystems weiterzubringen, brauchen wir zukünftig das, was wir immer brauchten: bestmögliche Allokationsmechanismen für den Umgang mit knappen Ressourcen. Transformation heißt heute, als global eingebundene Volkswirtschaft klimaneutral zu werden, mit bezahlbarer und kurz- ebenso wie langfristig versorgungssicherer Energie.

Dazu brauchen wir erstens Technologieoffenheit − denn wir wissen heute nicht, mit welchen Lösungen wir uns in 25 Jahren kostengünstig und versorgungssicher klimaneutral versorgen werden. Wir sollten also planwirtschaftliche Ansätze vermeiden und vielmehr den Wettbewerb um „Klimaneutral-Ideen“ unterstützen. Eine entscheidende Basis ist daher zunächst ein CO2-Preis, der die Knappheit unserer Ressourcen deutlich abbildet.

Zweitens sind gekoppelte Lösungen, die erneuerbare Energieerzeugung, Abwärme und Lastverschiebepotenziale lokal beziehungsweise regional optimieren, robuste Elemente dieser Transformation − mit derzeit riesigen Herausforderungen und Widersprüchen: Lieferengpässe von der Trafostation bis zu PV-Modulen und ein leer gefegter Personalmarkt bremsen heute die Marktentwicklung aus. Darüber hinaus werden mittel- bis langfristig auch bei den erneuerbaren Energien Rohstoffe knapp: Kobalt, Naturgraphit und Lithium sind bereits als potenziell kritisch eingestuft. Der derzeitige Rechtsrahmen verhindert mit Bürokratie, Marktzugangshürden, Steuern und Umlagen oft genug den Markthochlauf.

„Wir sollten planwirtschaftliche Ansätze vermeiden“

Das dritte robuste Element der Transformation ist Energieeffizienz. Wir in Reutlingen möchten dazu beitragen, Klimaneutralität zur Selbstverständlichkeit zu machen wie das Zähneputzen. Dazu müssen weiterhin Bürger, Belegschaften und Verwaltungen sensibilisiert werden. Unsere Forschung zeigt: Energieeffizienz muss ein selbstverständlicher Organisationsmodus werden, der mit einem breiten Spektrum an Maßnahmen Energieeffizienzpotenziale ausschöpft − vom Einsatz energieeffizienter Technologie über Energiedatenmanagement bis zum individuellen Handeln der Mitarbeitenden. Vor dem Hintergrund der politischen Verpflichtung zur Klimaneutralität stellt sich für Unternehmen nicht die Frage nach dem Ob, sondern die Frage nach dem Wie. Politik kann da helfen, indem Überregulierung reduziert und Förderprogramme vereinfacht werden.

Wir müssen also für die nachhaltige Transformation immer wieder mit knappen Ressourcen haushalten: Standorte für erneuerbare Anlagen, an denen qualifizierte Menschen knappe Rohstoffe verbauen, Unternehmen, die Anlagen und Systeme planen, finanzieren, bauen, den Kunden verkaufen und betreiben. Nichts Neues, aber jeden Tag eine dringendere Herausforderung!
 
Sabine Löbbe ist Diplom-Kauffrau und seit 2015 Professorin für Energiewirtschaft und Energiemärkte im Reutlinger Energiezentrum für Dezentrale Energiesysteme und Energieeffizienz an der Hochschule Reutlingen. Der baden-württembergische Ministerpräsident Wilfried Kretschmann (Grüne) hat Sabine Löbbe in diesem Jahr in den Klima-Sachverständigenrat der Landesregierung berufen
Quelle: privat


Barbara Praetorius:

„Es fehlt an Personal in den Behörden und an Fachkräften“
Die Ampelkoalition hat sich wichtige Ziele gesetzt: den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen, den Kohleausstieg „idealerweise“ schon bis 2030 schaffen, Energieeffizienz voranbringen, die Industrie modernisieren und dekarbonisieren, Elektromobilität stärken und zugleich den sozialen Zusammenhalt gewährleisten. Der Ukrainekrieg macht drastisch klar, dass importierte fossile Energie weder nachhaltig noch verlässlich noch preiswert ist. Es ist deshalb konsequent, dass die Koalition den Ausbau der erneuerbaren Energien zum überragenden öffentlichen Interesse erklärt hat, und als bedeutsam für die nationale Sicherheit.

Das Osterpaket und die Sommernovelle enthalten wichtige Entscheidungen, um den Ausbau der Erneuerbaren vereinfachen und beschleunigen zu können. Doch langwierige Genehmigungsverfahren sind nicht das einzige Problem: Es fehlt an Personal in den Behörden und an Fachkräften. Auch hier braucht es eine Beschleunigung sofort, zum Beispiel in Form einer dualen Ausbildungsinitiative von Hochschulen und Behörden oder von Berufsschulen und Handwerksbetrieben. Ein Schnelllauf-Ausbildungsprogramm kann entscheidend dafür sein, die ambitionierten Ziele auch zu erreichen.

„Wärmeeffizienz noch viel zielstrebiger voranbringen“

Das gilt gerade auch für den Gebäudebereich, wo die Wärmeeffizienz noch viel zielstrebiger vorangebracht werden muss. Die Solarpflicht für Neubauten, aber auch administrative Erleichterungen für privat genutzte Erneuerbaren-Anlagen auch für kleinste Steckersolargeräte sind überfällig und der Einbau fossiler Heizungen muss enden.

Klimapolitisch überhaupt nicht zu begreifen, ist die angezogene Bremse in der Verkehrspolitik. Warum werden einfache, wirksame Klimaschutzmaßnahmen wie ein Tempolimit nicht durchgesetzt? Deutschland ist das einzige europäische Land ohne generelles Tempolimit auf Autobahnen. Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass schon Tempo 130 jährlich 1,9 Millionen Tonnen an jährlicher Emissionsminderung erbringen würde, bei Tempo 100 wären es sogar 5,4 Millionen Tonnen. Ganz nebenbei senkt der geringere Verbrauch auch die Spritkosten.

Stattdessen die Energiesteuern zu reduzieren und damit mehr Autofahren anzuregen, ist klimapolitisch kontraproduktiv und gibt auch sozialpolitisch völlig falsche Signale. Denn eine Entlastung mit der Gießkanne erreicht eben nicht nur jene, die es wirklich brauchen. Viel gezielter helfen Entlastungen wie die Energiepreispauschale und die Einmalzahlung für Transferleistungsempfänger. Besser hätte man hier noch mal eine Schippe draufgelegt.
 
Barbara Praetorius ist Volkswirtin und Politikwissenschaftlerin. Seit April 2017 ist sie Professorin für Nachhaltigkeit, Umwelt- und Energieökonomie und -politik an der HTW Berlin. Zuvor war sie stellvertretende Direktorin bei Agora Energiewende. Von 2008 bis 2014 leitete sie den Stabsbereich Grundsatz und Strategie beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU). 1992 bis 2008 arbeitete sie als Senior Researcher und Projektleiterin am DIW Berlin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt
Quelle: HTW Berlin/Alexander Rentsch
 

Helmut Sendner
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Donnerstag, 07.07.2022, 09:24 Uhr

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