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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - "Wasserstoff echt nordisch"
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
"Wasserstoff echt nordisch"
Eigentlich nichts Besonderes, aber immer noch die Ausnahme: ein Omnibus, der direkt mit Wasserstoff aus Windstrom vor Ort gespeist wird. Steigen Sie mit ein!
 
Niebüll, Klanxbüll, Flensburg, Schleswig, Husum. Das sind die Stationen, die das Unternehmen Autokraft GmbH am Standort Niebüll mit einem Fuhrpark von 13 Bussen im Linienverkehr ansteuert. Es sind landschaftlich keine atemberaubenden Strecken, aber immerhin: Nördlicher geht es in Deutschland kaum. So führt die Bundesstraße 199 von Niebüll gen Osten ziemlich parallel zur deutsch-dänischen Grenze, die kaum zu erkennen ganz in der Nähe verläuft.

„Richtig cool“, sagt eine Schülerin hinter ihrer Corona-Schutzmaske und unter einem Kopftuch. „Das wusste ich ehrlich gesagt gar nicht“, offenbart sie im hinteren Teil des Linienbusses. „Dabei fahre ich die Strecke von meiner Schule in Niebüll zu mir nach Hause fast jeden Tag.“ An der Haltestelle Hörup steht sie auf, steigt aus, dreht sich um. Liest den Schriftzug auf der Außenhaut des Busses: „Wasserstoff echt nordisch“.

Die Rede ist von einem der beiden ersten Wasserstoffbusse in Schleswig-Holstein, die seit rund einem Jahr im Liniendienst von Niebüll nach Flensburg verkehren. Ziemlich unauffällig offenbar, zumal Mitfahrenden kaum Unterschiede zu fossil betriebenen Bustypen auffallen. Und auch der Busfahrer an diesem Tag, Heiko Carstensen, ruft nicht bei jeder Station „hipp, hipp, hurra, wir fahren mit Wasserstoff!“ ins Mikrofon. Nein, Busfahrer Carstensen sitzt unaufgeregt und konzentriert in seiner Fahrerkabine des „H2.CityGold“ vom Hersteller Caetano.

Der 58-Jährige macht seinen Dienst, wortkarg, und versprüht ein bisschen das unnahbare Timbre aus einer bekannten Werbung einer nicht minder bekannten Bierbrauerei im Norddeutschen. „Der Bus ist gut. Keine Frage. Ich mag ihn fahren. Der lässt sich aber nicht so leicht lenken, weil die Brennstoffzellen auf dem Dach sind, daher gibt es einen anderen Schwerpunkt im Vergleich zu herkömmlichen Bussen“, ist Carstensen immerhin zu entlocken, während er durch die landwirtschaftlich geprägte Landschaft zwischen Nord- und Ostsee fährt: vorbei auch an vielen Windparks, Biogasanlagen und Photovoltaikfreiflächen.

Im hohen Norden fahren Busse von Caetano aus Portugal

Da er einen klimaneutralen Bus fährt, für den er eine Extraschulung erhielt, liegt die Frage nahe: Ist die Energiewende auch für ihn privat ein großes Thema? Ja, schon, aber leider sei er nicht an einem Windpark beteiligt, immerhin habe er Solarthermie auf seinem Eigenhaus montiert. Und angesichts der rasant steigenden Energiepreise spekuliert er auf den Bau einer eigenen PV-Anlage, deren Strom vielleicht irgendwann mal eine Wärmepumpe antreibt. Doch sei das ganz schön teuer, so Carstensen.

Nach einer knappen Stunde Fahrt ist der Bus in Flensburg an der dortigen Zentralomnibusstation (ZOB) angekommen. Die letzten Fahrgäste steigen aus. Neben vielen Schülern und Schülerinnen, die ihre Tickets fast ausschließlich kontaktlos mit ihrem Mobiltelefon kommunizieren, ist auch eine ältere Dame darunter. „Die Karten werden immer teurer“, schimpft sie und freut sich aber, dass sie zumindest heute im Wasserstoffbus mitgefahren ist. Tatsächlich ist der Preis nicht ohne: Für die 43 Kilometer von Niebüll nach Flensburg müssen die Mitfahrenden im Niederflurbus mit insgesamt 40 Sitzplätzen und einem Rollstuhlplatz regulär 9,10 Euro berappen.

 
Auf seinem Dach verbergen sich die Brennstoffzellen bei diesem Wasserstoffbus
Quelle: Jörg Böthling
 

Aber wie die Preisgestaltung auch sein mag, nach einer halben Stunde am Flensburger ZOB neben vielen Dieselbussen und vor dem „Black House“, einem Imbiss mit Kaffeeautomat und vorgefertigten Eier- und Fleischsalatbrötchen, geht es wieder in Richtung Westen. Von woher an diesem sonnigen Tag − noch vor dem unsäglichen Beginn des Ukraine-Krieges − am frühen Nachmittag ein zunehmender Wind aufbraust. Was sich gut an den sich schneller drehenden Flügeln der vielen Windenergieanlagen erkennen lässt.

Auf der Rückfahrt, im Bus. Jessy und ihre 13-jährige Tochter Bo steigen zu. Jessy besitzt kein Auto, ist auf den öffentlichen Nachverkehr angewiesen. „Wir wohnen in einem kleinen Ort auf der Geest, wo kein Bus vorbeikommt. Wir müssen, wenn wir nach Leck oder Niebüll wollen, erst einmal zur Haltestelle kommen“, bedauert Jessy das Fehlen eines feingliedrigeren öffentlichen Nahverkehrs. Auch Mutter und Tochter wissen nicht, dass sie mit einem Wasserstoffbus unterwegs sind. „Wenn das so ist, finden wir das natürlich toll, das ist doch gut fürs Klima, oder?“

Auf der Höhe der Kleinstadt Leck steigen Lea und Giuliana ein. Die beiden jungen Frauen gehören zu den wenigen, die wissen, mit welchem Mobil sie unterwegs sind. Sie fahren morgens mit dem Dieselbus, am Nachmittag mit dem Wasserstoffbus. „Der Bus mit Wasserstoffantrieb ist leiser und irgendwie angenehmer als der mit Dieselantrieb“, meint Lea. Sie findet, dass Diesel schädlicher ist, und fühlt sich im Wasserstoffbus einfach besser. Nicht zuletzt deshalb, „weil man selbst als Mitfahrerin einen Beitrag für eine nachhaltige Mobilität leistet“, so die 15-Jährige.
Nach knapp einer Stunde lenkt Busfahrer Carstensen sein rund 800.000 Euro teures Gefährt auf den Niebüller Betriebshof der Autokraft GmbH, einer 100-prozentigen Tochter der Deutschen Bahn. Seine Schicht ist zu Ende.

Gutes Zusammenspiel zwischen Windstrom und H2-Bussen

So übernimmt Teamleiter Bernd Arens an diesem Tag das Tanken. Vorbei an der benachbarten Autowaschstation, wo metapherschwanger ein Fahrzeug der Offshore-Windenergieservicefirma Offtec mit der Aufschrift „Respect the Elements“ steht, steuert er den Bus auf die neu errichtete Wasserstofftankstelle im Gewerbegebiet von Niebüll zu. Arens, der privat (noch) mit Diesel fährt, zieht nach einem Jahr Erfahrungen ein rundum positives Fazit mit den Wasserstoffbussen.

Dabei hätte es auch „Kinderkrankheiten“ gegeben, wie der gelernte Fernmeldetechniker frank und frei erzählt. So gab es beispielsweise anfänglich nervende, hochfrequente Töne, die die Elektromotoren von Siemens abgegeben haben; aber das Problem habe man inzwischen durch neue Abkapselungen abgestellt. Auch die Reinigungskraft moniert, der raue Fußboden im Bus sei schwer zu putzen, und schlägt vor, dass sich die Entwickler da noch mal etwas Besseres ausdenken sollten.

Dies sind alles Aspekte, die an die Adresse des portugiesischen Herstellers Caetano aus Porto gehen. Dagegen passt das räumlich enge Zusammenspiel zwischen erneuerbarem Strom aus Windenergie und dem mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellenbus ziemlich gut. So steht direkt unterhalb des Windparks Bosbüll, nur ein paar Kilometer von der Tankstelle in Niebüll entfernt und etwas versteckt hinter einem riesigen Schweinestallkomplex, ein 450-kWh-Elektrolyseur, der grünen Wasserstoff produziert. Und zwar immer dann, wenn das Stromnetz an seine Kapazitäten kommt und die Windenergieanlagen eigentlich aus dem Netzbetrieb gesteuert werden müssten.

Statt stillzustehen laufen die Windmühlen weiter und machen Power-to-Gas: welches unter anderem via großen Gasflaschen direkt zur Tankstelle gelangt, wo es entweder in die Tanks der Linienbusse oder in die noch wenigen Wasserstoffautos gelangt. Lokale Wertschöpfung pur. Das klingt alles schlüssig und naheliegend, aber dennoch war zähe, mühsame Projektierarbeit über Jahre erforderlich, die federführend von der „eFarming GmbH & Co. KG“ aus Reußenköge, einem Tochterunternehmen der GP Joule, geleistet worden ist. Und ohne öffentliche Förderung wäre dieses wohl beispielgebende ÖPNV-Projekt bis heute nicht schon auf der Straße.

Dabei passen Busstrecken und Tankinfrastruktur bestens zusammen. „Die Busse legen pro Tag eine Strecke von 300 bis 350 Kilometer zurück, danach sind ungefähr 75 Prozent des Wasserstoffs in den fünf mit 350 bar Druck gefüllten Tanks verbraucht“, erklärt Arens, während er den Zapfen auf den Tankstutzen setzt. Gewöhnlich befinden sich nach den Routen also noch rund sieben Kilogramm Wasserstoff im Tank, der bis oben hin gefüllt etwa 36 Kilogramm fassen kann. Nach einigen Minuten sind die Tanks schon wieder voll.

So ist das Befüllen dieses klimaneutralen „neuen“ Busses letztlich beruhigend unspektakulär. Neue, „fossilfreie“ Mobilität ist also möglich, was aber nicht heißt, dass eine hinsichtlich erneuerbaren Energien sehr affine Region wie Nordfriesland schon jenseits der fossilen (Kriegs-)Welt wäre. Leider nicht − aber immerhin.
 
Bislang einmalig: Im Norden gibt es H2-Busse im Linienverkehr
Quelle: Jörg Böthling

 
 

Dierk Jensen
© 2022 Energie & Management GmbH
Freitag, 13.05.2022, 09:15 Uhr

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