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Enerige & Management > Wasserstoff - "Wasserstoff darf nicht Champagner bleiben"
Bild: iStock, Frank Harms
WASSERSTOFF:
"Wasserstoff darf nicht Champagner bleiben"
Die Ausbauziele der Bundesregierung reichen für den Aufbau einer inländischen Wasserstoffwirtschaft nicht aus, wie Industrievertreter in einer Wasserstoff-Debatte der Grünen aufführten.
 
Unbeantwortet blieb die Frage im Titel des Fachgesprächs "Zukunft Wasserstoff: Vorrang für die Industrie?", zu dem die Grünen am 10. März geladen hatten, nicht lange. "Wir haben zu wenig Wasserstoff, um ihn breit zu verteilen", erklärte Daniela Jansen, Projektverantwortliche Wasserstoff bei der IG Metall.

Vielmehr müsse beim Wasserstoffeinsatz geschaut werden, in welchen Wirtschaftszweigen es bereits Substitute für fossile Energieträger gibt. "Gerade die Stahlindustrie und die Chemieanlagen sind darauf angewiesen, dass der Wasserstoff prioritär für sie bereitgehalten wird."

Das Bedarfs-Dilemma stützte Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, mit Zahlen: Bereits heute bestehe in der Industrie ein Bedarf von etwa 60 Mrd. kWh Wasserstoff, bis 2030 soll dieser laut nationaler Wasserstoffstrategie auf bis zu 110 Mrd. kWh ansteigen. Gleichzeitig plane die Regierung lediglich eine heimische Wasserstoffproduktion von 14 Mrd. kWh. Es drohe eine Lücke, die es schleunigst zu schließen gelte.

"Wir schlagen daher vor, das Elektrolyse-Ziel für 2030 von bislang fünf auf zehn Gigawatt zu erhöhen", so Janecek. Auch bei den Ausbauzielen der Erneuerbaren wollen die Grünen eine Nachjustierung, um die Produktion grünen Wasserstoffs im Land zu erhöhen. 

Industriestandort Deutschland steht auf dem Spiel

Jansen gab ihm recht. Würden die Ausbauziele nicht angehoben, drohe der allerwichtigste Teil der Wirtschaft − die Grundstoffindustrie − nach und nach verloren zu gehen. "Wir sind als Maschinen- und Anlagenbauer in Deutschland mit einem hervorragenden Ruf ausgestattet. Elektrolyseure müssen am besten hier hergestellt werden", so Jansen. Gleiches gelte für grünen Stahl, damit wir unter Kontrolle haben, unter welchen Arbeits- und Umweltbedingungen dieser produziert wird". 

Ohne Erneuerbaren-Ausbau drohe mittelfristig der Verlust an Jobs, da man den Innovations- und den Industriestandort Deutschland nicht auf dem momentan hohen Niveau wird halten können. 

Den Blick weg von der Rationierung des Wasserstoffs lenkte Carsten Rolle, Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik beim Bundesverband Deutsche Industrie (BDI). "Stand heute ist grüner Wasserstoff deutlich teurer als grauer Wasserstoff und fossile Alternativen. Daher ist die Diskussion doch eher, wie viel Förderung, wie viel CO2-Preis und welche Quotenlösungen für welche Anwendungslösungen vorstellbar sind." 

Es werde unterschiedliche Zeitpunkte und Investitionszyklen geben, wann sich welche Branche für welche Mengen entscheide: Die Raffinerien verbrauchen laut Rolle bereits heute große Wasserstoffmengen, die Stahlindustrie steige mittelfristig auf grünen Wasserstoff um und die Chemieindustrie dann Anfang der 2030er Jahre. "Wir brauchen den zügigen Hochlauf des Wasserstoffs, damit dieser nicht der teure Champagner bleibt, sondern Skaleneffekte erzielt werden."

Gemeinsames Vorgehen über Landesgrenzen hinaus

Dabei nahm Rolle nicht nur Deutschland in den Blick, sondern auch das europäische und außereuropäische Ausland, wie Südostasien und Nordamerika. "Wenn es gelingt, die Kosten auf mehrere Schultern zu verteilen, können wir auch schneller vorangehen."

Klar sei, dass grüner Wasserstoff allein schon durch die Flächenrestriktionen für erneuerbare Energieanlagen nicht gänzlich hierzulande produziert werden kann. EU-weite und außereuropäische Partnerschaften zum Import von Wasserstoff und seinen Derivaten, wie Ammoniak und Methanol, seien nötig.
 
Mit dabei beim Online-Fachgespräch der Grünen (von links oben nach rechts unten): Dieter Janecek, Daniela Jansen, Carsten Rolle und Ingrid Nestle.
Bild: E&M

Vor diesem Hintergrund verfolge der BDI den von der EU-Kommission geplanten europäischen Grenzausgleich auf klimaschädliche Einfuhren aus dem Ausland "mit großer Sorge". Insbesondere China hätte darauf empfindlich reagiert, so Rolle. Er mahnte zu einem gemeinsamen Vorgehen mit Augenmaß, um Handelssanktionen zu vermeiden.

Insbesondere Staaten, die vom Export von Öl und Gas leben, müssten auf dem Wasserstoff-Pfad mitgenommen werden, "sonst ist klimapolitisch nicht viel gewonnen". Auch Weltregionen wie Afrika, die günstig grünen Wasserstoff produzieren können, könnten hier neue Exportchancen bekommen. Für diese Handelsbeziehungen gelte es, früh Standards zu setzen − etwa darüber, wie grüner Wasserstoff klassifiziert und zertifiziert wird.

Als wichtige industriepolitische Instrumente, um Jobs in Deutschland zu halten und einen hiesigen Wasserstoff-Leitmarkt zu etablieren, sieht die IG Metall etwa die "Carbon Contracts for Differences" an, mit denen die Bundesregierung energieintensive Industrien bei der klimaneutralen Umstellung ihrer Produktion unterstützen will. Daneben brauche es laut Jansen weitere politische Instrumente, die sich noch mehr der Erforschung und der Effektivität des Wasserstoffs widmen.
 

Davina Spohn
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Donnerstag, 11.03.2021, 13:31 Uhr

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