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Enerige & Management > Gas - Vorlaufzeit bei Gasmangellage könnte kurz ausfallen
Quelle: Euroforum
GAS:
Vorlaufzeit bei Gasmangellage könnte kurz ausfallen
Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, ging bei einer Gastagung auf den Wunsch der Industrie nach einer Vorwarnung bei Gasengpässen ein.
 
„Ich weiß nicht, ob wir in diesem Winter eine Gasmangellage bekommen, ob wir keine bekommen, oder ob wir in Wellen auftretende Mangellagen bekommen“, so der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller auf der Handelsblatt-Jahrestagung Gas am Dienstag, 27. September, in Berlin. Falls sich eine solche Mangellage abzeichne, sei ihm von der Industrie der Wunsch nach einer Vorwarnzeit zugetragen worden. Dies sei schwierig, weil sich die Mangellage „erst auf den letzten Metern“ abzeichne, so Müller. Eine Vorwarnzeit von 24 Stunden sei sicher machbar, so der Bundesnetzagentur-Chef. Manche Branchen forderten aber frühere Vorabinformationen. Das ist dann laut Müller schwerer umsetzbar.

Eine Rolle spielt dabei auch der Zeitpunkt, an dem der Mangel sich manifestiert. Stellt sie sich erst Ausgangs des Winters ein, können unter Umständen längere Vorwarnzeiten leichter zu bewerkstelligen sein. Eine zweite Forderung der Industrie sei, eventuell bereits erbrachte Vorleistungen der Unternehmen beim Sparen von Gas zu berücksichtigen. Auch das sei eine vernünftige Forderung, betonte Müller. Anderenfalls würden diejenigen bestraft, die von sich aus Schritte unternommen hätten, um ihren Gasverbrauch zu senken. Mit vollen Speichern könne man sich Zeit kaufen, bis es zur Ausrufung der Mangellage kommt. Das Gleiche gilt auch für das neue von Trading Hub Europe konzipierte und nun bereitstehende Regelenergieprodukt, das laut Müller geeignet ist, eine Gasmangellage „um Tage zu verzögern oder womöglich ganz zu verhindern.“

Neue Gasbezugsquellen und LNG-Terminals

Um die Gasmangelkrise zu bestehen, müssen neue Gasbezugsquellen erschlossen werden. Deutschland setzt dabei in hohem Maße auf LNG. Bis zum Winter 2023/24 könnten fünf schwimmende Importterminals unter der Regie des Bundes einsatzbereit sein. Hinzu kommen laut dem Behörden-Chef bis zu drei private Terminals. Nötig, um auch nur über den kommenden Winter zu kommen, seien zudem Gaseinsparungen in Höhe von mindestens 20 % im Vergleich zu den Vorjahren. In der Industrie ergibt sich der Einspareffekt aus einer Mischung aus technischer Innovation, Fuel Switch und demand destruction also Produktionseinstellungen. Wie viel der letztgenannte „bittere“ Faktor zu den Einsparerfolgen beitrage, ist laut Müller auch von den Industrieverbänden derzeit kaum abschätzbar.

Neben der Industrie müssen aber auch 20 Mio. gasbeheizte Haushalte Gas sparen. Eine erste Untersuchung der Bundesnetzagentur für den Zeitraum Ende August/Anfang September hat noch keine bedeutenden Effekte zu erkennen gegeben. Das scheine sich aber nun geändert zu haben, so Müller weiter. Genaue Zahlen will die Behörde innerhalb der nächsten zwei Tage vorlegen.

Zu den aktuellen Druckverlusten bei den Pipelines Nord Stream 1 und 2 wollte sich Müller nicht im Detail äußern und verwies auf die dänischen und schwedischen Behörden. Die Beschädigungen seien nicht auf deutschem Hoheitsgebiet erfolgt.

"Die Situation hat sich definitiv verbessert"

Hoffnungsvoller als noch vor acht Wochen ist der Geschäftsführer von Trading Hub Europe (THE), Torsten Frank, dass Deutschland den Winter einigermaßen glimpflich übersteht. „Die Situation hat sich definitiv verbessert.“ Die Speicher-Füllstände seien erfreulich hoch. Gas werde eingespart. Die Zeichen seien sehr positiv, trotzdem könne es - vielleicht auch nur regional - zu Problemen kommen. Wie schnell und wie stark Ausspeicherungen über den Winter hinweg von THE vorgenommen würden, werde in Abstimmungen mit den Behörden und dem Ministerium entschieden. Das Gesetz lasse hier Spielräume, auch wenn es sich auf den ersten Blick nicht so darstelle. Terminverkäufe durch die THE werden derzeit vorbereitet. Frank sprach sich für eine stärker marktlich geprägte Speicherbefüllung im kommenden Jahr aus.

Egbert Laege steht als Treuhänder und Geschäftsführer der Sefe (Securing Energy for Europe), vormals Gazprom Germania, vor dem Problem, zugesagte russische Gasmengen durch teuer am Markt gekauftes Gas ersetzen zu müssen, um seine Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Hierfür hat Sefe von der KfW einen Kredit bekommen, aber die Preisentwicklung war so steil, dass Sefe trotzdem Zahlungen über die Gasumlage beantragt hat. Zu der Liquiditätsknappheit beigetragen haben laut Laege auch die Margin Calls an den Energiebörsen. Bislang müssen diese Mittel von den Handelsteilnehmern aufgebracht werden. Der ehemalige Vorstand der Energiebörse EEX könnte sich vorstellen, dass auch das Clearing unter einen staatlichen Schutzschirm schlüpfen könnte, um die Marktteilnehmer zu entlasten.

Durch die Treuhand-Lösung sei Sefe trotz schwebender Eigentumsfrage nun stabil aufgestellt, betont Laege. Das Unternehmen bezieht Pipeline-Gas aus Europa und LNG aus USA und anderen Regionen. Man verhandele derzeit über langfristige LNG-Lieferungen jenseits von zehn Jahren, so der Geschäftsführer. Für ein global aufgestelltes Unternehmen sei auch die fortschreitende Dekarbonisierung in Europa und der damit einhergehende absehbar verminderte Gasverbrauch nicht problematisch, da die Mengen auch in anderen Weltregionen abgesetzt werden können. Sefe will deswegen auch die Unternehmensstandorte London und Singapur erhalten.
 

Claus-Detlef Grossmann
© 2022 Energie & Management GmbH
Dienstag, 27.09.2022, 16:23 Uhr

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