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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungausgabe - Vom Kraftwerks- zum Plattformbetreiber
Bild: Fotolia.com, Photo-K
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGAUSGABE:
Vom Kraftwerks- zum Plattformbetreiber
Mit dem Wandel der Kraftwerkslandschaft wandelt sich auch Uniper. Zwar dominiert das traditionelle Erzeugungsgeschäft weiterhin, Dienstleistungen rücken aber stärker in den Fokus.
 
Die Aussage ist im jüngsten Geschäftsbericht für 2020 zu finden und auch in der Rede von CEO Klaus-Dieter Maubach zur diesjährigen Hauptversammlung kam sie mehrfach vor: Uniper verfolgt eine Dekarbonisierungsstrategie. Das Ziel, das europäische Erzeugungsportfolio bis 2035 CO2-neutral zu stellen, spiele dabei eine Schlüsselrolle. In Deutschland, so kündigte Maubach an, werde das Unternehmen den Kohleausstieg beschleunigen und bis 2025 die Steinkohleverstromung beendet haben.

Eine Ausnahme soll es geben: Datteln 4. Dieses „moderne und hocheffiziente Kohlekraftwerk“ werde Uniper so lange betreiben, wie es wirtschaftlich möglich und vom Gesetzgeber gestattet ist. Wenn die Anlage schon vor 2038, dem im Kohleausstiegsgesetz genannten Jahr, abgeschaltet werden soll, wäre der Kraftwerksbetreiber jedoch zu „lösungsorientierten Gesprächen bereit“, betonte Maubach gegenüber den Aktionären.

Von einem Rückgang der Emissionen ist das Unternehmen, das zum Fortum-Konzern gehört, allerdings noch weit entfernt, wie dem Bericht für das erste Halbjahr 2021 zu entnehmen ist. In den ersten sechs Monaten betrugen die direkten CO2-Emissionen 24,5 Mio. Tonnen. Im Vergleichszeitraum 2020 waren es noch 20,6 Mio. Tonnen. Eine höhere Kohleverstromung in den britischen Kraftwerken, gestiegene Erzeugungsmengen in den niederländischen Kohle- und Gaskraftwerken und nicht zuletzt der kommerzielle Betrieb von Datteln 4 seien dafür verantwortlich.

Strategieschwenk hin zu erzeugungsnahen Dienstleistungen

Zum einen zeigen die Zahlen, dass die Verstromung fossiler Energieträger noch eine Weile den Strommix prägen wird. Zum anderen werde daran deutlich, wie wichtig es sei, die Fahrweise der Anlagen zu optimieren, um die Emissionen selbst bei wachsenden Erzeugungsmengen im Rahmen zu halten, meint Adam Spalek. Wer das für die eigenen Anlagen hinbekomme, könne sein Know-how natürlich auch anderen Kraftwerksbetreibern anbieten und sich auf diese Weise ein Standbein im Dienstleistungsgeschäft aufbauen, so der Bereichsleiter Energie beim Beratungshaus Publicis Sapient.
 
Das Kohlekraftwerk Datteln 4 will Uniper bis 2038 betreiben 
Quelle: Eon

Genau diesem Strategieschwenk vom reinen Kraftwerksbetreiber zum Anbieter erzeugungsnaher Dienstleistungen hat die frühere Eon-Tochtergesellschaft vor etwa drei Jahren mit der Entwicklung der Plattform Enerlytics einen kräftigen Schub verliehen. Spalek und seine Beraterkollegen waren maßgeblich daran beteiligt.

„Die Kraftwerksbetreiber werden sich in Zukunft breiter aufstellen“, sagt der Bereichsleiter. Und wer wie Uniper eine Dekarbonisierungsstrategie verfolge, werde sich zwangsläufig mehr den Erneuerbaren und dem Dienstleistungsgeschäft zuwenden. Vom Kraftwerksbetrieb zum Betrieb digitaler Plattformen − dies sei ein großer Schritt, aber auch ein logischer. Den Brennstoffeinsatz bei gleichem Output verringern, Emissionen mindern und das Emissionsbudget entlasten sowie die Betriebskosten senken sind die Ziele, die Uniper sowohl im eigenen Kraftwerksbetrieb als auch im Dienstleistungsgeschäft mit Enerlytics verfolgt.

Werte und Muster für den Normalbetrieb sind hinterlegt

Es klingt ein bisschen nach der eierlegenden Wollmilchsau, die einen Kraftwerksbetreiber aller Sorgen entledigt. Spalek versichert jedoch, dass Nutzer der Plattform nachweislich ihre Betriebskosten um bis zu 20 % senken konnten.

Der Schlüssel zum Erfolg sind wie mittlerweile überall in der Energiewirtschaft die dem Optimierungsverfahren zugrunde liegenden Daten. „Wir haben im System eine Datenbank aufgebaut, in der die spezifischen Daten, etwa über das Temperatur- und Schwingungsverhalten, vieler verschiedener Anlagentypen hinterlegt sind“, erläutert Spalek.

Es gehe dabei um Werte und Muster für den Normalbetrieb, um Druck und Temperaturen, um das Verhalten einer Pumpe oder eines hydraulischen Schalters in bestimmten Situationen − Stress- und Schadensszenarien natürlich eingeschlossen.
„Wenn man entsprechende Sensorik in die Anlage bringt und die aktuellen Werte mit den hinterlegten vergleicht, bekommt man ein sehr gutes Bild über den aktuellen Zustand und die Fahrweise der Anlage“, sagt Spalek.

Es lasse sich letztlich auch ermitteln, wann Hardwarekomponenten ausgetauscht werden sollten, wo und wann die nächsten Reparaturen anstehen und wie überhaupt die optimalen Wartungszyklen aussehen. „Gerade das Thema Predictive Maintenance treibt derzeit sehr viele Kraftwerksbetreiber um“, weiß der Berater. Das sei keine neue Erkenntnis und auch die Plattform Enerlytics sei keine ganz neue Entwicklung. „Aber der Einsatz von künstlicher Intelligenz hat den Reifegrad des Systems innerhalb des letzten Jahres und damit seine Vorhersagefähigkeit entscheidend verbessert“, betont Spalek.

Und er schwärmt, die Kombination aus hoch leistungsfähigen neuronalen Netzen und dem über Jahrzehnte gewachsenen Know-how aus dem eigenen Anlagenbetrieb sowie die daraus resultierende Nähe zum Markt hebe das Uniper-Produkt deutlich von anderen Angeboten ab.
 
Adam Spalek
Quelle: Publicis Sapient

Neben den konventionellen Stromerzeugern gehören Betreiber von Wind- und Solarparks sowie von Wasserkraftwerken ebenfalls zur Zielgruppe und auch schon zu den Kunden. Ihre Erneuerbaren-Kapazitäten will Uniper in den nächsten Jahren deutlich ausbauen.

Bei der Hauptversammlung hatte Vorstandschef Maubach von „signifikanten“ Investitionen in diesem Segment gesprochen. Auf absehbare Zeit wird allerdings noch das Geschäft mit Kohle- und Gaskraftwerken dominieren. Da verwundert es nicht, dass Spalek die besonderen analytischen Stärken von Enerlytics im Moment eher in der konventionellen als in der regenerativen Erzeugung verortet − noch, wie er betont.

Die Vermutung, ein Kraftwerksbetreiber könne mit einer solchen digitalen Plattform Konkurrenten im angestammten Markt stärken, kann der Berater durchaus nachvollziehen. Er hält sie aber nicht für einen prohibitiven Faktor beim Ausbau des Dienstleistungsgeschäfts. Denn zum einen werde sich die Verstromung emissionsintensiver Energieträger in den nächsten Jahren vor allem in Indien und China konzentrieren.

Zum anderen gewinne die vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) immer mehr an Bedeutung. Allerdings gelte es die Bedenken potenzieller Kunden auszuräumen, sie könnten einem Konkurrenten sensible Daten zugänglich machen. Hier gebe es schließlich einen strategischen Kniff, der ohnehin bei ähnlichen Konstellationen häufig genutzt wird: die Ausgründung einer eigenen Gesellschaft, die als unabhängiger Dienstleister am Markt auftritt.
 
 

Fritz Wilhelm
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Dienstag, 14.09.2021, 09:15 Uhr

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