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Enerige & Management > Stromnetz - Verteilnetzbetreiber vermissen Investitionsanreize
Bild: Fotolia.com, Stefan Redel
STROMNETZ:
Verteilnetzbetreiber vermissen Investitionsanreize
Strom- und Gasverteilnetze stehen vor wichtigen Weichenstellungen. Diskussionen über Veränderungen der Anreizregulierung, der Netzentgeltbildung und Konzessionsvergabe sind angelaufen.
 
Die Debatte über den Ausbau der Energienetze wird im Moment von den Kontroversen um die Nord-Süd-Trassen für große Stromautobahnen dominiert. Dennoch gelingt zunehmend auch den Verteilnetzbetreibern, sich Gehör zu verschaffen. Lokale und regionale Stromleitungen seien nicht mehr nur dafür da, Energie in Richtung Verbraucher zu bringen, betonen sie . Netze würden künftig vermehrt dafür gebraucht, die wachsenden Ökostrommengen aufzunehmen und zu integrieren. Die Verantwortung der Verteilnetzbetreiber wächst, „Neben den Übertragungsnetzbetreibern sind auch sie künftig verstärkt für die Koordination von Systemdienstleistungen zuständig“, sagt deshalb Adolf Schweer, Geschäftsführer der ostdeutschen Mitnetz GmbH zurecht.
 
Verteilnetzbetreiber stehen vor Milliardeninvestitionen für die Aufrüstung ihrer Systeme
Bild: EnBW / Peter Stumpf

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) schätzt allein den Investitionsbedarf für die Anbindung neuer Photovoltaik- und Windkraftanlagen an die Verteilnetze in den nächsten zehn Jahren auf rund 25 Mrd. Euro. Eine genauere Bestimmung und Zuordnung der Ausbaukosten ist indes trotz mehrerer Studien zu diesem Thema schwierig. Das hat auch damit zu tun, dass die Betreiberlandschaft recht unübersichtlich ist: Nach aktuellen Zahlen der Bundesnetzagentur gibt es hierzulande auf der lokalen und regionalen Verteilebene 890 Strom- und 730 Gasnetzbetreiber.

Und die halten den Regulierungsrahmen für ihre anstehenden Milliardeninvestitionen für ungenügend. Die 2009 eingeführte Anreizregulierung sei nur bedingt geeignet, die nötige Investitionsbereitschaft herzustellen, sagt Roger Kohlmann, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDEW.. Sie sei zu stark auf Kosteneffizienz ausgerichtet. Für die Energiewende komme es aber darauf an, mit der Regulierung einen flexiblen Rahmen zu schaffen, „der große, aber nicht beliebige Investitionsspielräume zulässt“, forderte Kohlmann beim „Treffpunkt Netze“ des BDEW Ende März in Berlin.

Durch Regulierungswende Zeitverzug beseitigen

Der Verband hat dazu ein Papier mit Verbesserungsvorschlägen zu Punkten wie Erlösobergrenze, Kapitalkostenkalkulation, Eigenkapitalzinssatz und Effizienzvergleich vorgelegt und fordert, Investitionen in Innovationen wie den Umbau der Netze zu Smart Grids nicht länger zu benachteiligen. „Wir brauchen neben der Energiewende jetzt in der konkreten Umsetzung auch eine Regulierungswende, damit die notwendigen Investitionen getätigt werden“, mahnt auch Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU).

Eine zentrale Forderung der Verteilnetzbetreiber zielt auf die Beseitigung des so genannten Zeitverzugs. Konkret geht es dabei um den Passus der Anreizregulierung, der für Verteilnetzbetreiber bei Investitionen einen verzögerten Kapitalrückfluss über die Netzentgelte jeweils erst in der nächsten Regulierungsperiode vorsieht. Die Unternehmen klagen, dass sie in diesem Punkt schlechter behandelt werden als die vier Übertragungsnetzbetreiber, die schneller an ihr Geld kommen.

Der BDEW schlägt deshalb vor, Verteilnetzbetreibern mit hohem Investitionsbedarf die Möglichkeit zu geben, jedes Jahr per Investitionssicherungsantrag steigende Kapitalkosten ohne Zeitverzug in ihre Erlösobergrenze und damit ihn die Netzentgelte einfließen zu lassen. Die Netzbetreiber müssten sich aber verbindlich für eine Regulierungsperiode auf dieses Verfahren festlegen und dafür auf andere Investitionssicherungsinstrumente wie den Erweiterungsfaktor verzichten. Außerdem soll die Sonderbehandlung auf „echte Problemfälle“ beschränkt werden, so der BDEW.

Wie viele das sein werden und wie groß damit der zusätzliche Aufwand für die Regulierungsbehörden ausfallen würde, ist derzeit nicht zu übersehen. Karsten Bourwieg, Referatsleiter Energierecht bei der Bundesnetzagentur, wies bei der Berliner Veranstaltung darauf hin, dass bisher 80 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugungsanlagen bei 20 Flächennetzbetreibern angeschlossen sind. Was bedeutet, dass der große Investitionsbedarf wohl nicht die Masse der Netzbetreiber betrifft.

Die Bundesregierung hat die Notwendigkeit von Veränderungen bereits eingeräumt. „Die Koalition wird die Rahmenbedingungen für die Verteilernetze investitionsfreundlich ausgestalten, damit Investitionen zeitnah refinanziert werden können. Investitionsbudgets in den Verteilernetzen werden wir prüfen“, heißt es im schwarz-roten Koalitionsvertrag. Bis zum Jahresende soll die Bundesnetzagentur einen Evaluierungsbericht zu bisherigen Erfahrungen mit der Anreizregulierung vorlegen. Im nächsten Jahr könnten die nötigen Änderungen für die nächste Regulierungsperiode ab 2018 erarbeitet werden.

Netzentgelte auf viele Schultern verteilen

Wichtiges Thema der Regulierungsdiskussion wird auch die Struktur der Netzentgelte sein. Netzbetreiber fürchten bei den derzeitigen Entgelten für Haushalte, die sich überwiegend nach bezogenen Kilowattstunden bemessen, um die auf viele Schultern verteilte Finanzierung der Netzinfrastruktur. Ihr Problem ist folgendes: Immer mehr Bundesbürger erzeugen selbst Strom, womit sich ihr Bezug aus dem Netz und die von ihnen zu zahlenden Netzentgelte reduzieren. Das hat zur Folge, dass die Netzentgelte auf immer weniger Nutzer umgelegt werden müssen.

Netzbetreiber und BDEW fordern deshalb eine stärkere Leistungs- oder Fixkostenkomponente in Netzentgelten, die jeder angeschlossene Verbraucher unabhängig von seinem konkreten Strombezug zu zahlen hätte. „Leistung muss sich wieder lohnen“, packte Kohlmann beim „Treffpunkt Netze“ einen alten Bank-Werbespruch noch einmal aus.

Bislang liegt der Fixkostenanteil der Netzentgelte für Verbraucher ohne Leistungszähler, also praktisch für alle Haushalte, nach Berechnungen der Bundesnetzagentur bei etwa 7 Prozent. Da ist Luft nach oben.
Auch für Gasversorger wäre eine geänderte Entgeltsystematik mit höherem Fixkostenanteil hilfreich, wie Klaus-Peter Dietmayer, Geschäftsführer der Erdgas Schwaben GmbH erklärte. Damit ließen sich auch die wegen des erwarteten Verbrauchsrückgangs tendenziell ansteigenden Gasnetzentgelte gerechter verteilen.

Als zunehmend brisant empfinden die Netzbetreibern über alle Regulierungsfragen hinaus das Thema Rechtsicherheit von Konzessionsvergaben, nachdem mehrere Konzessionsvergaben in Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein im letzten halben Jahr von Gerichten wegen Verfahrensfehlern für ungültig erklärt worden waren. Auch hier hofft die Branche auf rasche Klärung des gesetzlichen Rahmens für Netzübernahmen und Konzessionsverfahren, wie Michael Maxelon, Geschäftsführer der neu gegründeten Stadtwerke Stuttgart, in Berlin anmerkte.

„Wir werden das Bewertungsverfahren bei Neuvergabe (zum Beispiel bei der Rekommunalisierung) der Verteilernetze eindeutig und rechtssicher regeln sowie die Rechtssicherheit im Netzübergang verbessern“, heißt es dazu im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Ob die Koalition diese Aufgabe noch im laufenden Jahr angehen will, steht indes in Sternen.
 

Peter Focht
Redakteur
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Donnerstag, 17.04.2014, 09:11 Uhr

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