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Bild: JiSign, Fotolia
STUDIEN:
Technologiemix statt nur Strom
Eine von der Deutschen Energie-Agentur vorgelegte Studie kommt zu dem Schluss, dass eine technologisch breit angelegte Energiewende kostengünstiger ist als nur auf Strom zu setzen.
 
Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) empfiehlt, die Energiewende neueren Erkenntnissen anzupassen und zu beschleunigen. „So wie wir die Energiewende gegenwärtig angehen, fehlt irgendetwas“, sagt Andreas Kuhlmann. „Es gibt gute Gründe, die Gestaltung der Energie-und Klimaschutzpolitik neu zu betrachten“, so der Dena-Chef. Er finde es "beschämend", dass sich die CO2-Emissionen seit 2014 praktisch nicht verändert hätten.

Grundlage seiner Empfehlung ist die „Leitstudie Integrierte Energiewende“, die Kuhlmann Ende Mai vorstellte. Experten der Dena, von 60 an der Studie beteiligten Unternehmen und Institutionen sowie Wissenschaftler hatten in 18-monatiger Arbeit Wege für den Umbau der Energieversorgung in Form von Szenarien definiert und mit Zielen für 2030 und 2050 berechnet.

Harald Hecking, wissenschaftlicher Hauptgutachter der Studie, machte deutlich, dass eine Beschleunigung angesagt ist, wenn die Klimaziele erreicht werden sollen. Selbst eine „ambitionierte“ Fortsetzung des im Referenzszenario erfassten bisherigen Vorgehens würde die CO2-Emissionen nur um 62 % reduzieren, stellte der Geschäftsführer des Kölner Beratungsunternehmens EWI Research & Szenarios nüchtern fest.
 
Andreas Kuhlmann mahnt zur Eile bei der Energiewende
Bild: Dena

Die gute Botschaft der Studie lautet, dass die Klimaziele mit heute verfügbaren Instrumenten zu schaffen sind. Eine Minderung der Treibhausgasemissionen um 80 bis 95 % sei „grundsätzlich erreichbar“, so Hecking. Dafür seien jedoch verstärkte Anstrengungen nötig.

So müssten für eine Reduzierung um 95 % die erneuerbaren Erzeugungskapazitäten bis 2050 auf bis zu 325 000 MW anwachsen und damit gegenüber heute mehr als verdreifacht werden. Die Menge des erzeugten Stroms müsste sich sogar mehr als vervierfachen. Bis zu 8 500 MW erneuerbarer Erzeugungsleistung müssten laut Studie bis 2050 jedes Jahr dazukommen − bisher sieht der Gesetzgeber für die beiden wichtigsten Erzeugungstechniken Onshore-Windkraft und Photovoltaik nur 5 400 MW jährlich vor.

Mehr Erneuerbare und Netzausbau erforderlich

Für ein effizientes erneuerbares Stromsystem sind laut Studie auch umfangreiche Ausgleichseffekte innerhalb Deutschlands und Europas erforderlich. Dafür müsse über die Netzentwicklungsplanung hinaus in das Übertragungs- und das Verteilnetz investiert werden. Außerdem sei es „höchste Zeit“, sich um Speicher zu kümmern, so Kuhlmann.

Als weitere Grundvoraussetzung für das Erreichen der Klimaziele gilt eine deutliche Verbesserung der Effizienz in allen Energieverbrauchssektoren. Die Dena-Leitstudie rechnet mit einer notwendigen Reduzierung des Endenergieverbrauchs bis 2050 gegenüber 2015 um bis zu 64 % im Gebäudesektor, um bis zu 52 % im Verkehr und um bis zu 18 % in der Industrie.

Als dritte und neue Säule der Energiewende definiert die Dena-Studie den Einsatz synthetischer, erneuerbarer Kraft- und Brennstoffe, die aus Strom produziert werden. Wasserstoff und darauf aufbauende Energieträger wie Methan und synthetische Öle machten es möglich, regenerativen Strom zu speichern und zu handeln. Sie sollen die Lücke schließen, die nicht durch Energieeffizienz oder direkte Nutzung des Stroms abzudecken sind.

Für den Bedarf an synthetischen Energieträgern im Jahr 2050 gibt die Studie eine Spannbreite zwischen 150 und 908 Mrd. kWh an. Deutschland sollte bis 2030 etwa 15 000 MW Kapazitäten für die Herstellung von erneuerbarem Wasserstoff aufbauen.

Je höher die Klimaziele gesetzt würden und je diverser die eingesetzten Technologien seien, desto mehr synthetische Energieträger würden gebraucht, stellte Hecking fest. Nur auf Strom als Energieträger zu setzen, werde keinesfalls von Erfolg gekrönt sein, ergänzte Kuhlmann. Er sei „felsenfest davon überzeugt, dass es nur mit Elektrifizierung nicht geht“.

Je breiter der zum Einsatz kommende Mix an Technologien und Energieträgern sei, desto robuster und kostengünstiger sei die Energiewende zu gestalten, weil sie stärker auf bestehende Infrastrukturen aufbauen könne und auf mehr Akzeptanz stoße, so die Studie.

Die Transformationspfade mit breitem Technologie- und Energieträgermix seien für die Zeit bis 2050 um bis zu 600 Mrd. Euro kostengünstiger als solche, die verstärkt auf strombasierte Anwendungen setzen, zeigt die Studie. Diese Kostenunterschiede seien eindeutig zu belegen, sagte Kuhlmann. Die höchsten Investitionen erforderten der Energiesektor und die Sanierung bestehender Gebäude.

Auch CCS und Energieimporte erforderlich

Die Dena-Studie bricht auch endgültig mit der Vorstellung, Deutschland könne bei der Energiewende ohne Energieimporte auskommen. „Wir werden deutlich unabhängiger, aber wir werden nicht autark“, sagte Kuhlmann. Auf jeden Fall für die benötigten synthetischen Brenn- und Kraftstoffe werden laut Studie Importe erforderlich sein.

Auf Skepsis stoßen dürfte die Aussage, in der produzierenden Industrie könne das CO2-Minderungsziel von 95 % nicht ohne „innovative Prozesse“ wie die Abscheidung und Ablagerung von CO2 aus Industrieprozessen (CCS), die ohne fossile Energieträger nicht zu bewerkstelligen seien, auskommen, wie Hecking klarstellte.

Trotz einer Reihe deutlicher Bewertungen verzichtet die Dena-Leitstudie auf die Festlegung eines klaren Pfades zum Erreichen der Klimaziele. Das hat mehrere Gründe. Die Energiewende müsse offen bleiben für vielfältige Technologieoptionen, die sich möglicherweise erst noch ergeben könnten, begründete Kuhlmann dieses Vorgehen.

Auch das noch fehlende Datum für den Kohleausstieg erschwert eine Festlegung auf den einen Transformationspfad. Die Studie und geht davon aus, dass die Kohleverstromung bis 2030 um die Hälfte zurück- und bis 2050 komplett aus dem Markt geht, weil neue Rahmenbedingungen die Vermeidung von CO2-Emissionen belohnen.

Ferner hat die Untersuchung anhaltend unterschiedliche Auffassungen darüber aufgedeckt, ob und in welchem Umfang künftig Gaskraftwerke zur Absicherung der erneuerbaren Stromerzeugung für den Fall von Dunkelflauten erforderlich sind. Kuhlmann zeigte sich für die Dena überzeugt, dass dies nötig sei, räumte aber ein, dass die betroffenen Akteure dies sehr unterschiedlich einschätzen. Er empfahl der Bundesregierung deshalb, dazu einen „Dialogprozess“ zu initiieren.

Für die Festlegung eines sicheren Energiewendepfades wäre ferner ein konkretes Klimaziel nötig. Bisher hat der Gesetzgeber noch keine eindeutige Entscheidung getroffen, ob 80 oder 95 % CO2-Minderung bis 2050 anzustreben sind. Kuhlmann plädierte dafür, dies möglichst bald festzulegen und sich dabei „am oberen Rand“ zu orientieren. „Wenn wir in Deutschland nicht endlich neuen Schwung aufnehmen, droht das Scheitern“, warnte er abschließend.
 

Peter Focht
Redakteur
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Montag, 04.06.2018, 09:41 Uhr

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