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Enerige & Management > Europaeische Union - Strombosse streiten mit Regulierungsbehörden
Bild: Fotolia.com, kreatik
EUROPAEISCHE UNION:
Strombosse streiten mit Regulierungsbehörden
Die europäische Elektrizitätswirtschaft fordert eine investitionsfreundlichere Regulierung. Die Regulierer sehen dafür keine Notwendigkeit.
 
Der Spitzenverband der Branche, Eurelectric, und der europäische Verband der Verteilnetzbetreiber, EDSO, legten in Brüssel eine Untersuchung der Wirtschaftsberater Deloitte über den Investitionsbedarf in den Verteilnetzen vor. Danach müssen die lokalen und regionalen Versorger (DSOs) in den nächsten zehn Jahren zwischen 375 und 425 Mrd. Euro in die Verteilnetze investieren, das wären 50 bis 70 % mehr als im abgelaufenen Jahrzehnt. In diesem Zeitraum müssten alleine Windräder und Solaranlagen mit einer Kapazität von 360.000 MW zusätzlich an das Netz angeschlossen werden.

Grundlage der Berechnungen, die auf Daten aus zehn EU-Staaten basieren, ist das bisherige Ziel der EU, die Treibhausgase bis 2030 um 40 % (gegenüber 1990) zu reduzieren. Die geplante Anhebung auf 55 % würde zu einem zusätzlichen Investitionsbedarf von 8 % über die zehn Jahre führen.

Die Studie geht von einem deutlichen Wachstum der Stromnachfrage bis 2030 aus: Die Zahl der Wärmepumpen soll auf 40 bis 50 Mio. steigen, 50 bis 70 Mio. E-Autos sollen 2030 auf dem europäischen Straßennetz fahren und die Industrie benötige 335 Mrd. kWh mehr Strom als heute. Gleichzeitig seien 470.000 MW Erzeugung aus erneuerbaren Energien an das Netz angeschlossen. Weitere 40.000 MW sollen zum Eigenverbrauch privater Haushalte beitragen und wären nicht ans Netz angeschlossen.

Die gesamte Nachfrage nach Strom würde um 1,8 % pro Jahr steigen auf 3.520 Mrd. kWh (hochgerechnet auf die EU plus GB). Für Deutschland geht Deloitte von einem Zuwachs um 3,2 % pa auf 725 bis 768 Mrd. kWh aus. Als Spitzennachfrage für Deutschland 2030 veranschlagt Deloitte 123.000 MW, 44.000 MW mehr als 2017. Den höchsten Zuwachs beim Verbrauch vermutet die Studie im Verkehrssektor (+11 % pa), gefolgt von der Industrie (+1,6 % pa), dem Handel (+0,9 % pa) und der Wohnungswirtschaft (+0,6 % pa).

Überalterung der Netze größtes Problem

Der größte Investitionsbedarf ergebe sich allerdings nicht aus den neuen Aufgaben, die auf die DSOs zukämen, sondern aus der Überalterung der bestehenden Netze. 30 % der Anlagen seien älter als 40 Jahre und müssten in den nächsten Jahren ersetzt oder saniert werden. Für die Modernisierung veranschlagt Deloitte 25 % des Investitionsvolumens von 400 Mrd. Euro, 23 % für die Integration der erneuerbaren Energien, 1 9% für die Elektrifizierung von Gebäuden und der Industrie, jeweils 8 % für die elektrische Mobilität, für Smart Meter und die Netzstabilität, 7 % für die Digitalisierung und Automatisierung, 2 % für Stromspeicher.

Die Investitionen würden zwar zu einem Kostenanstieg um 1,5 % pa führen, dem stünden jedoch erhebliche „gesellschaftliche Vorteile“ gegenüber. Dazu rechnet Deloitte den Rückgang der CO2-Emissionen, Einsparungen beim Energieverbrauch und dem Import fossiler Brennstoffe, gesündere Luft, eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherung von 440.000 bis 620.000 Jobs in der Branche.

Allerdings könne die „Investitionslücke“ der Branche nicht im Rahmen der bestehenden Regulierung geschlossen werden, sagte der Generalsekretär von Eurelectric, Kristian Ruby, bei der Vorstellung der Studie am 14. Januar in Brüssel. Probleme in der nationalen und europäischen Regulierung sieht Eurelectric unter anderem bei der Planung, Verzögerungen bei der Erteilung von Genehmigungen, beim Zugang der DSOs zu Fördermitteln der EU, der Kostenkalkulation und der Tarifstruktur. Der Ausbau der „smarten Infrastruktur“ werde vielfach von Widersprüchen in den Vorschriften behindert.

Widerspruch von den Regulierern

Dem widersprach die Vorsitzende des Rates der Europäischen Regulierungsbehörden (CEER), Annegret Goebel. Der in den letzten Jahren entstandene Regulierungsrahmen gebe den Unternehmen den Spielraum, um ihre bestehenden und neue Aufgaben zu erfüllen, die sich aus der Entwicklung der Branche ergäben. Sie widersprach insbesondere dem Vorwurf, die Regulierer orientierten sich an der Vergangenheit und vernachlässigten die Dynamik der Entwicklung.

Goebel stellte auch den von Deloitte ermittelten Investitionsbedarf infrage. So seien Kompensationseffekte aus der Digitalisierung in der Studie nicht ausreichend berücksichtigt. Nicht alle Probleme, die sich aus einem höheren Stromverbrauch ergeben, müssten durch den Ausbau der Infrastruktur gelöst werden. 

Goebel räumte ein, dass höhere Investitionen nötig seien. Dafür müsse aber „das regulatorische Rad nicht neu erfunden werden“. Eine engere Zusammenarbeit mit den DSOs hält sie nicht für nötig. „Wir brauchen die DSOs nicht, um zu wissen, um welche Herausforderungen wir uns kümmern müssen.“
 

Tom Weingärtner
© 2021 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 14.01.2021, 14:45 Uhr

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