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Enerige & Management > Bilanz - Stadtwerke Osnabrück nach Jahrzehnten wieder in roten Zahlen
Quelle: Fotolia / ldprod
BILANZ:
Stadtwerke Osnabrück nach Jahrzehnten wieder in roten Zahlen
Die Preisexplosion an den Energiemärkten verleidet den erfolgsverwöhnten Stadtwerken Osnabrück die Bilanz für 2021. Um mehr als zehn Mio. Euro Schulden zu stemmen, hilft die Stadt aus.
 
Wenn die Stadtwerke Osnabrück Mitte eines jeden Jahres mit ausgestreckter Hand auf die Konzernmutter zugehen, übergeben sie darin in der Regel einen Überweisungscheck in Höhe von 3 Mio. Euro. In diesem Sommer ist es anders. Dann hält der Versorger die Hand auf, um von der Kommune finanzielle Hilfe beim Abtragen eines Schuldenbergs zu erbitten. Mit zehn bis 20 Mio. Euro sind die Südniedersachsen 2021 ins Minus gerutscht.

Als Grund gibt ein Sprecher des Unternehmens gegenüber unserer Redaktion vor allem die Preisexplosion an den Energiemärkten im vierten Quartal an. Bis dahin, so der Sprecher, habe sich das Ergebnis im erwarteten Rahmen auf die „schwarze Null“ zubewegt. Ein mit der Stadt abgeschlossener Vertrag dämpfe nun die Verluste der Stadtwerke etwas. Bei der Übernahme der traditionell defizitären Bäder von der Kommune hatten beide Seiten vor mehr als 20 Jahren vereinbart, dass die Stadt im Bedarfsfall im Umfang des bei den Bädern angefallenen Fehlbetrags einspringt.

"Zehren von unserer Substanz"

Dieser Fall ist nun eingetreten. Der Versorger kann nicht nur den üblicherweise anfallenden Gewinnanteil von 3 Mio. Euro nicht an die Kommune weiterreichen. Angesichts der Verluste im niedrigen zweistelligen Bereich, so der Stadtwerke-Sprecher, komme die Kommune nun vielmehr mit einer „höheren, einstelligen Millionensumme“ speziell für das Minus der Bädersparte auf. Für die fehlenden Millionen, die die Stadt Osnabrück nicht übernehme, müssten die Stadtwerke selbst aufkommen. „Wir haben Substanz und zehren nun von ihr“, so der Sprecher.

In Osnabrück sind die Beteiligten nach Jahrzehnten mit Stadtwerke-Gewinnen entsprechend irritiert. Nach einer kurzfristig einberufenen Sondersitzung des Stadtwerke-Aufsichtsrates am 28. März sollte der Finanzausschuss der Stadt nur einen Tag später in nicht-öffentlicher Sitzung über die Folgen des außergewöhnlich schlechten Geschäftsergebnisses unterrichtet werden. Auch für die Vorstände des Versorgers seien die Zahlen „äußerst unerfreulich und unschön“, so der Sprecher. Die Stadtwerke Osnabrück machen ihre Jahresbilanzen üblicherweise Anfang Juli öffentlich. Bis dahin seien genaue Zahlen nicht zu erwarten.

4.000 Haushalte ersatzweise von Billiganbietern übernommen

Es herrscht vorsichtiger Optimismus, dass das Minus ein einmaliges Phänomen bleibt. Der Stadtwerke-Sprecher schätzt, dass die Risiken für das laufende Geschäftsjahr besser zu kalkulieren seien. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres habe der Versorger für 4.000 zusätzliche Haushalte spontan Strom und Gas zu hohen Preisen nachordern müssen, weil er ersatzweise an die Stelle der vom Markt verschwundenen Billiganbieter wie Stromio, Gas.de oder anderen getreten war.

Der Krieg in der Ukraine könne nun zwar weitreichende Folgen für die Energiebeschaffung haben. Die Stadtwerke bereiteten sich und ihre Großkunden aber seit geraumer Zeit im Sinne der Notfallpläne der Bundesnetzagentur auf das Szenario ausfallender Energiemengen vor. Dazu arbeiten Mitglieder aller Abteilungen in einem interdisziplinären Kernteam zusammen.

Auch hätten andere Aspekte das Geschäftsjahr 2021 belastet. Rückstellungen für die Beteiligung am verlustreichen Trianel-Kraftwerk in Lünen konnten und können die Stadtwerke wegen der unsicheren Versorgungslage nicht auflösen, weil der Kohlemeiler womöglich doch noch eine kurzfristige Renaissance erlebt. Dazu macht der öffentliche Nahverkehr pandemiebedingt weiter höhere Verluste als normal. Und schließlich verschlechterte das Schuldenjahr 2021 auch die Möglichkeit, im Querverbund Steuervorteile zu heben.
 

Volker Stephan
© 2022 Energie & Management GmbH
Dienstag, 29.03.2022, 15:41 Uhr

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