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Enerige & Management > Photovoltaik - Solarpioniere vor schattigen Zeiten
Bild: privat/Oliver Krischer
PHOTOVOLTAIK:
Solarpioniere vor schattigen Zeiten
Ab Anfang 2021 fallen Zigtausend Ökokraftwerke aus der EEG-Vergütung. Da es bei der Windkraft um Gigawatt geht, interessiert sich derzeit kaum jemand um die betroffenen Solaranlagen.
 
Wer Oliver Krischer in seinem Haus in Düren vor den Toren Aachens besucht, hat sich an den Anblick längst gewöhnt: Das Dach seines Backsteinhauses ist voller Solartechnik, Platz ist dort für zwei große Kollektoren für die Warmwassererzeugung sowie mehr als zwei Dutzend Module zur Stromgewinnung. Auf eine installierte Leistung von gut 5 kW bringt es sein kleines Dachkraftwerk.

Die Solarenergie erntet Krischer bereits seit dem Jahr 2001. „Nachdem wir im Bundestag im Jahr zuvor das Erneuerbare-Energien-Gesetz auf den Weg gebracht hatten, konnte ich gar nicht anders, als mir selbst eine Solaranlage aufs Dach zu schrauben“, erzählt der gebürtige Eifeler, der in jenen Tagen Mitarbeiter von Michaele Hustedt war, der damaligen energiepolitischen Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion.

Seit mehr als 16 Jahren bekommt Krischer, der seit 2009 Hustedts Aufgabe in der parlamentarischen Öko-Riege ausfüllt, jede Kilowattstunde mit rund 48,5 Cent vergütet. Unter dem Strich konnte sich der Grünen-Politiker so im vergangenen Jahr laut eigener Webseite über einen Gewinn von 922,04 Euro freuen. Woran sich für ihn in den kommenden Jahren − abhängig von der Sonneneinstrahlung − bis Ende 2021 nicht viel ändern wird. Dann aber endet nach 20-jähriger Förderungsdauer die EEG-Vergütung: „Was ich danach mit meiner Solaranlage und dem erzeugten Strom mache, weiß ich noch nicht genau“, sagt Krischer.

Nennenswerte Solarmengen erst ab 2025

Eine Situation, mit der er nicht allein dasteht. Mit Beginn des Jahres 2021 beginnt eine Zeitenwende für die deutsche Ökostromwirtschaft. Nach einer Übersicht der Bundesregierung werden allein in jenem Jahr 18 491 Solaranlagen aus der EEG-Vergütung fallen. Hinzu kommen weitere 5 608 Wind- und 426 Biomassekraftwerke. Zigtausende Bundesbürger, die mit viel Idealismus und eigenem Geld die Energiewende angeschoben haben, stehen vor einer Herausforderung: Sie müssen am Markt agieren, was so manchen überfordern dürfte.

„Bei dem sich abzeichnenden Umbruch steht derzeit die Windenergie im Fokus“, weiß Thomas Seltmann, Solarexperte bei der Verbraucherzentrale NRW. „Denn bei der Frage, ob und wie ein Weiterbetrieb der Altanlagen möglich ist, geht es bei der Windkraft gleich im Jahr 2021 um Gigawatt, während sich bei der Photovoltaik die Leistung auf weniger als 100 MW summiert.“

Dass die Windenergie in der Tat im Mittelpunkt der zunehmend an Fahrt gewinnenden Post-EEG-Überlegungen steht, erklärt ein Blick in die bislang vorliegenden Studien und das Anlagenregister der Bundesnetzagentur: Danach ist bis Mitte der 2020er-Jahre der Weiterbetrieb von rund einem Drittel der heutigen Windturbinenleistung unsicher, weil die Förderung ausläuft. Im Solarbereich steht bis dahin eine Leistung von etwa 1 100 MW zur Disposition. „Einen nennenswerten Zubau bei der Solarleistung hat es erst ab 2004 gegeben“, erklärt der Bundesverband Solarwirtschaft dieses Ungleichgewicht. Der eigentliche Solarboom fand dank zahlreicher, üppiger Freiflächenanlagen mit einer jährlichen Neuinstallation von über 7 000 MW noch später statt, und zwar in den Jahren 2010 bis 2012.

Wegfall mit Folgen für nationale Klima- und Energieziele

Auch wenn die vom Wegfall der EEG-Vergütung betroffene Solarleistung bis 2025 überschaubar ist, warnt Frank Peter davor, die Anlagen abzubauen. „Damit Deutschland seine Klima- und Energieziele erreicht, ist es wichtig, dass der Bestand von Wind- und Solarkraftanlagen nicht kleiner wird“, sagt der stellvertretende Direktor der Politikberatung Agora Energiewende.

Das sieht Hermann Albers genauso. Angesichts des Hickhacks zwischen Union und Sozialdemokraten über die in ihrem Koalitionsvertrag vereinbarten Sonderausschreibungen für die Windkraft an Land und die Photovoltaik sei er alarmiert, sagt der Präsident des Bundesverbands Windenergie: „Wenn die neue Bundesregierung den bisherigen Ausbaudeckel für den Windkraftausbau nicht anhebt und es wirklich zu einer massenhaften Zahl von Stilllegungen bei den Altanlagen kommt, wird sich der wirkliche Zubau unter dem Strich marginalisieren.“

Unabhängig von den politischen Zwistigkeiten in Berlin bleibt für weit über 100 000 Besitzer von Solaranlagen, die bis 2025 aus der EEG-Vergütung fallen, die Frage: Quo vadis? Auf die Bundesregierung brauche dabei niemand zu hoffen, sagt der Grüne Krischer: „Das Thema interessiert in diesen Kreisen keinen.“ Er verweist auf die ernüchternde Replik des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage von ihm. „Inwieweit nach Auslaufen des Vergütungsanspruchs ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb möglich ist, hängt von der betriebswirtschaftlichen Situation der einzelnen Anlagen ab“, hieß es im Frühjahr.

Deshalb erwartet Verbraucherschützer Seltmann, dass eine Reihe von Betreibern ihre solaren Ü-20-Anlagen (diese Bezeichnung ist zunehmend im Kommen) auf eine Kombination aus Eigenverbrauch und Batteriespeicher umrüsten: „Das ist am sinnvollsten.“ Rund 70 % des erzeugten Solarstroms könne so im eigenen Haus genutzt werden.

Hinter die Wirtschaftlichkeit setzt Susanne Jung vom Solarförderverein Deutschland (SFV) in Aachen ein dickes Fragezeichen: „Abgesehen von der Tatsache, dass Speicher bis heute nicht wirtschaftlich sind, müssen die Betreiber auf Basis der geringen Börsenstrompreise unter anderem Kosten für Zähler, Versicherung oder Wartung zahlen.“ Ein weiterer, ärgerlicher Posten sei für die Altanlagenbesitzer die EEG-Umlage von 40 % für selbst genutzten Solarstrom − obgleich das Gesetz eine Bagatellgrenze für Anlagen bis zu 10 kW Leistung vorsieht. Bei den meist kleinen Altanlagen sicherlich kein hoher Betrag. Aber unter dem Strich, sagt Jung, werde der Weiterbetrieb der Pionieranlagen eher „zum Nullsummenspiel“: „Das ist kein Anreiz zum Weitermachen.“

Deshalb plädiert sie für ein spezielles Förderprogramm: „Wir können uns gut zehn bis zwölf Cent pro Kilowattstunde für die Solaraktivisten vorstellen, die vor 20 Jahren mit ihren Investitionen und mit Idealismus den Weg für die Photovoltaik bereitet haben.“ Diesen Vorschlag lehnt Joachim Pfeiffer, seit 2014 wirtschafts- und energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, entschieden ab: „Die Solaranlagen waren aufgrund der sehr hohen Fördersätze in den vergangenen zwei Jahrzehnten Gelddruckmaschinen, mit denen die Betreiber risikolos zweistellige Renditen auf Kosten der Allgemeinheit verdienen konnten.“ Pfeiffer sieht die solaren Anlagenbetreiber in der Verantwortung, selbst neue Nutzungs- und Vermarktungsmöglichkeiten für ihren Strom zu suchen.

Derzeit sind die Hoffnungen auf Erlöse durch eine regionale Direktvermarktung oder auf alternative Vertriebswege für den Solarstrom der Ü-20-Anlagen aber eher gering. „Bei wenigen Tausend Kilowattstunden pro Anlage im Jahr sind die Kosten dafür wesentlich höher“, bezweifelt Oliver Hummel, Vorstand der Naturstrom AG, die Wirtschaftlichkeit. Ulrich Haberland, Vertriebsleiter beim bundesweit größten Direktvermarkter, der Statkraft Markets GmbH, empfiehlt den Ü-20-Solariern deshalb vorerst einen anderen Weg: „Diese Anlagen können besser über Peer-to-Peer Plattformen wie Enyway vermarktet werden.“

Der Grünen-Politiker Krischer will weiter an dem Thema dranbleiben: „Ohne ein Konzept für die Post-EEG-Zeit wird eine große Chance vertan, diese Solaranlagen netzdienlich ins System einzubinden. Sollte es keine Initiativen in Berlin geben, plant er, seinen Solarstrom möglichst vollständig zu nutzen: „Im eigenen Haus und den Rest via Batteriespeicher für mein E-Auto.“
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Freitag, 08.06.2018, 09:04 Uhr

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