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Enerige & Management > Vertrieb - Sämisch: "Ich erwarte ein paar größere Übernahmen"
Bild: Fotolia.com, Photo-K
VERTRIEB:
Sämisch: "Ich erwarte ein paar größere Übernahmen"
Über die Situation und die Perspektiven bei der Direktvermarktung, national und international, sprach E&M mit Hendrik Sämisch, einem der Geschäftsführer der Next Kraftwerke GmbH.
 
E&M: Herr Sämisch, was waren die wichtigsten Entwicklungen bei der Direktvermarktung von Strom aus EEG-Anlagen im vergangenen Jahr?

Sämisch: Die Marktkonsolidierung hat, schneller als wir es erwartet hatten, bereits im ersten Quartal mit voller Wucht eingesetzt und sich dann fortgesetzt. Es zeigt sich zunehmend, dass sich nur große Portfolios wirtschaftlich vermarkten lassen. Außerdem hat es bei diesen zunehmend einen Wechsel zu werthaltigen Kunden gegeben – insbesondere bei der Windkraft an Land werden die Vertragsabschlüsse immer mehr von der Standortqualität und dem Anlagentyp abhängig gemacht.

E&M: So ganz überraschend kamen die kompletten Übernahmen oder Beteiligungen an einzelnen Direktvermarktern aber nicht.

Sämisch: Das ist richtig. Nur wer alle Prozesse bei der Direktvermarktung beherrscht und ständig optimiert, hat bei dem eindeutig gestiegenen Kostendruck noch Chancen auf Margen. Bei dem damit verbundenen Aufwand ist für mich im Windsektor ein Portfolio von deutlich mehr als 2 000 Megawatt, besser noch 3 000 Megawatt, eine Mindestvoraussetzung. Wer die Direktvermarktung mit kleineren Portfolios nur als Nebengeschäft betreibt, ist sicherlich gut beraten, sich mit einem größeren Partner zusammenzuschließen.
 
Hendrik Sämisch, Geschäftsführer Next Kraftwerke
Bild: Next Kraftwerke GmbH

E&M: Die E&M-Übersichten zur Situation bei der Direktvermarktung weisen in der Regel deutlich über 40 Unternehmen aus. Wie viele davon arbeiten mit White-Label-Dienstleistern zusammen?

Sämisch: Mindestens die Hälfte. Alle großen Direktvermarkter bieten White-Label-Dienstleistungen an oder nehmen sie selbst in Anspruch. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Zahl der wirklichen Full-Service-Direktvermarkter niedriger liegt. Dazu zählen wohl einige größere Energieunternehmen aus dem In- und Ausland, die sich insbesondere 2014 und 2015 mit dem Kauf diverser Portfolios zwar spät, aber sehr engagiert den Marktzutritt erkauft haben. Diese Entwicklung hat es so im vergangenen Jahr nicht mehr gegeben.

"Es wird weiterhin einen gesunden Wettbwerb geben"

E&M: Wann erwarten Sie, dass der Konzentrationsprozess bei den Direktvermarktern hierzulande abgeschlossen ist?

Sämisch: Ich gehe davon aus, dass wir bis Mitte nächsten Jahres noch einige nennenswerte Zusammenschlüsse und Übernahmen sehen werden. Ende 2017 sollten wir dann weitestgehend die Marktstruktur sehen, die mittelfristig Bestand haben wird. Das wird dann ein Markt sein, der aus weniger als einem Dutzend Full-Service-Direktvermarktern bestehen wird. Daneben wird es noch einige Spezialisten und jede Menge Vertriebsmarken geben, aber wir werden eine Struktur mit deutlich weniger Anbietern als heute haben. Wobei es, davon gehe ich aus, weiterhin einen gesunden Wettbewerb geben wird.

E&M: Sind die vielen Portfolio-Swaps, die im vergangenen Jahr zu beobachten waren, darauf ein Vorgeschmack, oder was sehen Sie als Ursache dafür?

Sämisch: Das hängt ursächlich mit der Kostenentwicklung zusammen. Bei dem nach wie vor harten Wettbewerb verdienen einige Direktvermarkter sicherlich nicht das, was sie sich vorgestellt haben und was den internen Vorgaben entspricht. Deshalb gibt es einen klaren Trend zu möglichst kosteneffizienter Direktvermarktung, was zu zahlreichen Swaps geführt hat. Auf Kundenseite gibt es nach wie vor Betreiber von mehreren Windparks, die jedes Jahr ihren Direktvermarkter wechseln, weil sie wissen, dass sie immer noch jemanden finden, der ihnen wegen der Größe ihres Portfolios den Preis bietet, der ihnen vorschwebt.

E&M: Eine Reihe von Direktvermarktern hat sich durch die von ihnen betreuten Windparks zusätzliche Einnahmen auf den Regelenergiemärkten versprochen. Daraus ist nichts geworden. Warum?

"Preise auf den Regelenergiemärkten absolut nicht attraktiv"

Sämisch: Die Preise auf den Regelenergiemärkten sind für Windenergieanlagen derzeit absolut nicht attraktiv. Die Märkte für negative Sekundärreserve und Minutenreserve werfen aktuell so gut wie nichts ab. Die Preise müssen erst wieder anziehen.

E&M: Wann rechnen Sie damit?

Sämisch: Für 2017 erwarte ich keine Belebung, denn einige vor Jahren geplante fossile Kraftwerke werden zusätzlich zu den derzeitigen Überkapazitäten in Betrieb gehen und damit weiteren Preisdruck ausüben. Bevor es nicht zu einer großen Stilllegungswelle älterer Kraftwerke kommt, werden wir keine höheren Preise an den Regelenergiemärkten sehen. In den 2020er Jahren könnte die Welt anders aussehen, da ist es aber noch lange hin.

E&M: Angesichts der sinkenden Margen auf dem deutschen Markt sind mittlerweile einige Direktvermarkter im Ausland aktiv. Next Kraftwerke ist vor gut zweieinhalb Jahren in Österreich tätig geworden. Wie sehen Ihre bisherigen Erfahrungen im Ausland aus?

Sämisch: Das Auslandsgeschäft ist für uns ein wichtiger Teil der mittelfristigen Strategie, deshalb sind wir inzwischen nicht nur in Österreich, sondern auch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Polen tätig. Wir haben in recht kurzer Zeit in diesen Ländern bereits rund 150 Anlagen in unser virtuelles Kraftwerk aufnehmen können und übernehmen für sie je nach Land verschiedene Dienstleistungen von der Direktvermarktung bis zur Regelenergiebereitstellung. Die Integration der erneuerbaren Energien in die Märkte darf und wird nicht an Landesgrenzen Halt machen. Sicherlich kommt gleich die Frage, in welchen weiteren Ländern wir neue Dependancen aufbauen werden. Für uns interessant sind die Länder, in denen die regulatorischen Voraussetzungen stimmen. Viel Bewegung gibt es derzeit in Frankreich, Italien und der Schweiz. In allen EU-Nachbarländern um Deutschland herum tut sich etwas in Sachen Direktvermarktung, überall da sind erste Direktvermarktungsregime bereits etabliert oder in Vorbereitung. Das schauen wir uns genau an.

E&M: Wird 2017 für die Direktvermarkter genauso turbulent wie 2016?

Sämisch: Davon gehe ich aus. Ich erwarte wirklich ein paar größere Übernahmen. Ende des Jahres werden wir eine andere Anbieterstruktur haben. Uns wird es aber weiterhin geben, davon können Sie ausgehen.

Zur Person
Der studierte Volkswirt Hendrik Sämisch, Jahrgang 1981, hat zusammen mit seinem Partner Jochen Schwill 2009 die Next Kraftwerke GmbH gegründet – sozusagen als Spin-off des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln. Schwill und Sämisch zählen neben den beiden Wagniskapitalgebern, dem High-Tech Gründungsfonds und Neuhaus Partners, zu den Gesellschaftern der Next Kraftwerke.
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Dienstag, 24.01.2017, 09:18 Uhr

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