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Enerige & Management > Interview - Roll: "Fernwärme verknüpft Märkte"
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INTERVIEW:
Roll: "Fernwärme verknüpft Märkte"
Hansjörg Roll, Vorstand der MVV Energie AG in Mannheim, über die städtische Wärmeversorgung der Zukunft.
 
E&M: Herr Dr. Roll, MVV Energie baut wie andere städtische Energieversorger ihr Fernwärmesystem aus. Passen Fernwärme und Energiewende gut zusammen?

Roll: Ich gehe noch weiter: Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Die Energiewende lässt sich ja, verkürzt gesagt, in zwei Teilen betrachten: Die Integration von Strom aus erneuerbaren Energien ist der eine Teil, die Steigerung der Effizienz im Wärmemarkt der andere. Kraft-Wärme-Kopplung in Verbindung mit Fernwärme verknüpft beide Märkte sehr effizient miteinander. Ohne KWK gibt es keine Wärmewende, und ohne Wärmewende scheitert die Energiewende. Fernwärme aus KWK, wie wir sie in Mannheim seit Jahrzehnten liefern, ist ein unverzichtbarer Teil des Energiesystems der Zukunft. Auch aus diesem Grund investieren wir in den Ausbau der Fernwärme in Mannheim und der Metropolregion Rhein-Neckar.

E&M: Wo liegen die Ziele dieses Ausbaus? Und welche Investitionen sind vorgesehen?

Roll: Wir haben in den vergangenen Jahren insgesamt über 50 Millionen Euro in einen großflächigen Ausbau unseres Fernwärmenetzes investiert. Hinzu kommt die Erweiterung in die Region mit einer über 30 Kilometer langen Leitung bis nach Speyer. Damit haben wir die Infrastruktur geschaffen, um neue Teile Mannheims und der Region mit Fernwärme zu versorgen. Gleichzeitig treiben wir die Verdichtung des Netzes in der Stadt mit kleineren Leitungen und Hausanschlüssen voran. Auch hier liegen die Investitionen im zweistelligen Millionenbereich. Ziel ist, den Marktanteil der Fernwärme von derzeit schon mehr als 60 Prozent weiter zu steigern. Die Nachfrage ist groß.
 
Hansjörg Roll: "Wir investieren in großem Umfang in den Ausbau und in die Verdichtung des Fernwärmenetzes"
Bild: MVV Energie

E&M: Kommt diese Nachfrage eher aus der Industrie oder aus dem Wohnungsbereich?

Roll: Sowohl als auch. Wärme wird ja in beiden Bereichen gebraucht. Verschiedene Anwendungsgebiete bieten zudem die Chance, innovative Wege zu gehen. Zum Beispiel versorgen wir in der Mannheimer Innenstadt eine Kirche mit Wärme aus dem Fernwärme-Rücklauf. Dort gibt es eine Fußbodenheizung, die mit der niedrigeren Temperatur prima zurechtkommt. So erhöhen wir die Energieeffizienz des Systems weiter. Und ganz nebenbei sprechen wir neue Kundenkreise an.

E&M: Haben große fossile Heizkraftwerke, die im Moment - wie auch in Mannheim - das Rückgrat der Fernwärmeversorgung bilden, langfristig eine Zukunft?

Roll: Ja, ganz bestimmt. Alle aktuellen Vorhersagen gehen davon aus, dass wir auch in den nächsten Jahrzehnten nicht ohne fossile Energie auskommen werden. Und wenn wir diese schon brauchen, müssen wir sie optimal ausnutzen. Da ist Kraft-Wärme-Kopplung, wie wir sie in Mannheim betreiben, unverzichtbar. Der neue Block 9 unseres Gemeinschaftskraftwerkes, der im Herbst offiziell in Betrieb gegangen ist, erreicht mit dieser Technik einen Wirkungsgrad von bis zu 70 Prozent. Gleichzeitig ist er auch durch unseren Fernwärmespeicher sehr flexibel steuerbar und damit ein idealer Partner der erneuerbaren Energien. Das ist ein wegweisendes Konzept - auch auf längere Sicht.

„Immer auf die höchstmögliche Effizienz achten“
 
E&M: Aber irgendwann müssen fossile Energieträger in der Fernwärmeversorgung einer großen Industriestadt wie Mannheim ersetzt werden.

Roll: Block 9 hat eine prognostizierte Laufzeit von etwa 40 Jahren und bildet damit eine Brücke hin zu einer Versorgung, die ohne Kohle oder Gas auskommt.

E&M: Und was könnte dann kommen? Solar, Geothermie, Biomasse, Biogas …

Roll: … oder andere erneuerbare Erzeugungsmethoden, die erst noch entwickelt werden. Zum Beispiel sind wir in Gesprächen über eine Kombination aus PV-Strom und Großwärmepumpen, um ein Konversionsgebiet in Mannheim mit Niedertemperaturfernwärme zu versorgen. Unabhängig von der genutzten Technologie müssen wir aber immer auf die höchstmögliche Effizienz achten.

E&M: Kann Abwärme aus Industrieprozessen oder kommunalem Abwasser eine Alternative zur fossil erzeugten Wärme sein?

Roll: Es ist absolut wichtig und sinnvoll, Wärme, die quasi als Nebenprodukt entsteht, nutzbar zu machen. Ein Beispiel dafür haben wir in Ingolstadt: Die Stadtwerke, an denen wir beteiligt sind, speisen Abwärme aus einer Raffinerie in ihr Fernwärmenetz ein. Solche Lösungen nutzen wir also schon heute. Sie sind eine ökonomische und ökologische Ergänzung zu Heizkraftwerken. Dabei sind auch innovative Lösungen gefragt, die die unterschiedlichen Wärmequellen verbinden.

E&M: Das Kraftwerk in Mannheim versorgt auch Heidelberg, Schwetzingen und Speyer mit Wärme. Ist die Belieferung der Nachbarstädte auch ohne zentrale Wärmeerzeugung denkbar?

Roll: Wenn ich ergänzen darf: Zwischen Mannheim und den genannten Städten liegen noch mehr Orte, die von uns Fernwärme erhalten. Jede Erzeugung muss sowohl wirtschaftlich als auch umweltpolitisch sinnvoll und zuverlässig sein. Für die Laufzeit von Block 9 ist es in jeder Hinsicht das Beste, auf die zentrale Versorgung zu setzen. Eine Folgelösung muss natürlich die Versorgung der Region sicherstellen.

E&M: Wie flexibel kann das Fernwärmesystem in Mannheim auf einen effizienzbedingt rückläufigen Wärmeverbrauch reagieren?

Roll: Das ist nicht zuletzt auch eine Frage des Netzes: Wir investieren in großem Umfang in den Ausbau und in die Verdichtung des Fernwärmenetzes. Und überall da, wo wir neue Leitungen legen, ist die Nachfrage groß. Wir gewinnen also ständig neue Abnehmer, so dass wir effizienzbedingte Absatzrückgänge unter dem Strich kompensieren können. Außerdem sehen wir die großen Effizienzgewinne eher bei Neubauten. Die energetische Sanierung im Bestand, vor allem bei großen Wohngebäuden in der Stadt, geht eher langsam voran. Die vorhandene Erzeugungskapazität wird also auch langfristig gebraucht.

„Die Brennstoffzelle hat enorme Fortschritte gemacht“

E&M: BHKW zur dezentralen Wärmeversorgung für Industrieunternehmen, Wohnanlagen oder Stadtquartiere sind eine Alternative zur Fernwärme. Erwarten Sie eine wachsende Nachfrage?

Roll: In Bereichen, in denen Fernwärme verfügbar ist, ist der Anschluss an das Netz sicher die wirtschaftlichste Variante. An anderen Stellen leisten BHKW heute schon gute Dienste. Für Industriekunden und große Wohneinheiten bieten wir solche Lösungen ja auch selbst an. Gerade mit Blick auf den Eigenverbrauch von Strom interessieren sich immer mehr Unternehmen für diese Art der Erzeugung. Deshalb sehen wir da auch neue Marktchancen.

E&M: In diesem Zusammenhang: Sind die seit langem versprochenen und öffentlich geförderten Brennstoffzellen-BHKW schon eine reale Option für eine effiziente Wärmeversorgung?

Roll: Die Brennstoffzelle hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Größere Brennstoffzellen in der Leistungsklasse von bis zu einem Megawatt sind herkömmlichen Technologien in Bezug auf die elektrische Effizienz, die Gesamteffizienz und auf Emissionen schon überlegen. Die Marktreife ist in vielen Bereichen bereits erreicht. Gleichzeitig arbeiten deutsche und europäische Förderprojekte im Moment an weiteren Verbesserungen. Auch wir engagieren uns in dieser zukunftsorientierten Technologie.

E&M: Die Bundesregierung will die KWK-Förderung verlängern und ausweiten. Reichen die derzeitigen Pläne aus, um eine klimaverträglichere Wärmeversorgung voranzubringen?

Roll: Der aktuelle Gesetzesentwurf für das neue KWKG reicht noch nicht. Ein positiver Aspekt ist, dass die KWK-Zuschläge für den Neubau und die Modernisierung städtischer KWK-Anlagen angehoben werden. Gleichzeitig sind da mehrere bittere Pillen enthalten: Sinkende Zuschläge für die kleinen, dezentralen KWK-Anlagen, die Senkung des KWK-Ausbauziels durch eine andere Bezugsgröße, eine zu geringe Bestandsförderung, die Begrenzung der KWK-Förderung bis 2020. Und auch bei der Wärmenetzförderung ist die Gleichstellung CO2-armer Wärme aus erneuerbaren Energien, KWK oder industrieller Abwärme im Gesetzesentwurf nicht vorgesehen.

E&M: Hat die Elektrospeicherheizung mit Ökostrom in Städten eine Zukunft?

Roll: Elektrospeicherheizungen bieten durchaus interessante neue Möglichkeiten. In Zeiten mit viel Wind und Sonne steht Strom im Überschuss zur Verfügung – und zwar dezentral. Auf der anderen Seite gibt es auch dezentrale Verbraucher, die noch dazu gesteuert werden können und eine Verbindung von Strom und Wärme schaffen. Auch in diesem Bereich laufen Forschungen, unter anderem das europäische Projekt Real Value, dessen deutscher Zweig einen Feldtest in Mannheim vorbereitet. Dezentral, intelligent vernetzt, flexibel – das sind Attribute, die über den Erfolg der Energiewende entscheiden werden. Bei Strom wie bei Wärme.
 

Peter Focht
Redakteur
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Mittwoch, 09.12.2015, 09:22 Uhr

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