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Enerige & Management > Windkraft Offshore - Rispens: "Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren"
Bild: diak / Fotolia
WINDKRAFT OFFSHORE:
Rispens: "Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren"
Für Jan Rispens, den Geschäftsführer des Erneuerbare Energien Clusters Hamburg, sind die Verzögerungen bei der Novelle des Wind-auf-See-Gesetzes nicht länger hinnehmbar.
 
Am 7. April 2020 um 17 Uhr hätte die HOW 2020, die Hamburg Offshore Wind Conference, beginnen sollen. Wegen der Corona-Krise ist diese Veranstaltung, wie so viele in diesen Tagen, abgesagt worden. Über die unbefriedigende Situation für die deutsche Offshore-Windbranche sprach E&M mit Jan Rispens, Geschäftsführer bei der Erneuerbare Energien Clusteragentur Hamburg, einem der Mitveranstalter der HOW.
 
E&M: Herr Rispens, können Sie nachvollziehen, warum die Bundesregierung seit einem halben Jahr die in ihrem Klimaschutzpaket angekündigte Erhöhung des Ausbaudeckels für die Windenergie um 5.000 auf 20.000 MW bis zum Jahr 2030 immer noch nicht gesetzlich umgesetzt hat?

Rispens: Für mich ist das ein Unding. Wir hatten uns im vergangenen Herbst wirklich darüber gefreut, dass uns die Anhebung des Ausbauziels auf See nach vierjährigem Lobbying gelungen ist. Gerade jetzt in der Corona-Krise und der sicherlich folgenden wirtschaftlichen Rezession wäre die Bundesregierung wirklich gut beraten, die notwendige Gesetznovelle schnell umzusetzen. Es wird wahrscheinlich nicht die Luftfahrt, die Automobilindustrie oder die Tourismuswirtschaft sein, die nach der Krise für neue Arbeitsplätze, Aufträge und Umsätze sorgt: die erneuerbaren Energien und die Offshore-Windenergie können sich zu einem wichtigen Konjunkturmotor entwickeln, um aus der Krise zu kommen.

E&M: Halten Sie die avisierte Seewindleistung von 20.000 Megawatt bis 2030 – Stand heute – noch für möglich?
 
Jan Rispens: "Mit dem heutigen Wind-auf-See-Gesetz ist das 20.000-MW-Ziel bis 2030 nicht zu schaffen."
Bild: EEHH

Rispens: Ja, aber wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, am besten keinen Tag mehr. Die Hochseewindparks sind mit einem langwierigen Vorlauf verbunden. Um die zusätzlichen 5.000 Megawatt einigermaßen zeitgerecht umzusetzen, sind die Voruntersuchungen der ins Auge gefassten Flächen oder die unverzichtbaren Ausschreibungsverfahren notwendig. Auch die entsprechenden Netzanschlussverbindungen von der See ins Binnenland müssen geplant, genehmigt und gebaut werden. All das kostet Zeit. Wir hoffen deshalb auch, dass die zuständigen Behörden, das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sowie die Bundesnetzagentur, im Zuge der Anhebung des Ausbauziels auf 20.000 Megawatt, zeitnah das zusätzliche Personal für diese zusätzlichen Aufgaben erhalten werden.

E&M: Apropos langwieriger Vorlauf: Der Oersted-Konzern bewertet das hierzulande gewählte Zentrale Modell für den weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie als zu bürokratisch und inflexibel, um wirklich mehr Windturbinen vor der deutschen Küste zu errichten. Wie bewerten Sie diese Kritik?

Rispens: Für mich ist klar, dass mit dem heutigen Wind-auf-See-Gesetz das 20.000-MW-Ziel bis 2030 nicht zu schaffen ist: Anpassungen sind unbedingt zeitnah notwendig. Um 20.000 Megawatt erreichen zu können ist die Schaffung gewaltiger Infrastrukturen notwendig. Das muss alles viel schneller werden. Zudem brauchen wir eine Lösung für die künftige Vergütung der neuen Offshore-Windparks. Nach dem jetzigen Gesetz kann der Höchstpreis der nächsten Auktionsrunde nur bei null Cent liegen. Das ist kein Anreiz für die Investoren, die Milliarden Euro stemmen müssen. Wie ein großer Teil der Offshore-Windbranche bin ich der Auffassung, dass Deutschland sich bei der künftigen Vergütung an dem britischen Contract-for-Difference-Modell orientieren sollte. Dieses Modell bietet in guten wie in schlechten Zeiten an der Strombörse eine gute Absicherung für die Betreiber, dass sie mit ihren sehr großen Investitionen keinen Schiffbruch erleiden. Das CfD-Modell hilft auf jeden Fall die Finanzierung von Offshore-Windparks weniger konjunkturanfällig zu machen, es schafft einfach mehr Planungssicherheit über den Kapitalrückfluss. Umgekehrt sorgt das CfD-Modell in Zeiten mit sehr hohen Strompreisen an der Strombörse dafür, dass die Stromkunden nicht über Gebühr belastet werden. Das Modell wirkt in beiden Richtungen stabilisierend.

E&M: Müsste die Bundesregierung auch nicht ihre Anstrengungen forcieren, künftig Strom aus Offshore-Windparks für die Wasserstoffherstellung zu nutzen?

Rispens: Wasserstoff zählt in der Tat zu den großen Zukunftsthemen der Offshore-Windbranche. Andere Länder wie beispielsweise die Niederlande sind bei diesem Thema schon bedeutend weiter. Hierzulande ist die Nationale Wasserstoffstrategie immer noch überfällig. Bei den heutigen Abgaben und Steuern auf Ökostrom in Deutschland wird niemand in die notwendige Wasserstoffinfrastruktur investieren, es rechnet sich einfach nicht. Und nach wie vor ist bei uns nicht klar, welche Flächen in Nord- und Ostsee speziell für die Wasserstoffproduktion reserviert sein sollen und wie das Planungs- und Genehmigungsverfahren ablaufen soll. Die Bundesregierung muss daher schnell einen überzeugenden Plan vorlegen, wie in den geplanten Reallaboren der Energiewende Wasserstoff wirtschaftlich attraktiv mit Grünstrom produziert werden kann und Offshore-Windparks dabei eingebunden werden. Ansonsten verschlafen wir dieses Zukunftsthema.

Die HOW-Organisatoren bieten via Internet Videobotschaften von den Hauptrednern der diesjährigen Konferenz an. Diese Videobotschaften sind auf der Internetseite des Branchennetzwerks Erneuerbare Energien Hamburg    abrufbar.
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Dienstag, 07.04.2020, 16:49 Uhr

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