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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Ausgabe - Polizeifreie Türme
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN AUSGABE:
Polizeifreie Türme
Die Windbranche kritisiert die langen Genehmigungszeiten für Schwerlasttransporte. Ein Zulieferer hat eine ganz andere − unternehmerische − Lösung gefunden.
 
„Schwerlasttransportgenehmigungen müssen in Deutschland massiv beschleunigt werden“, heißt es in der gemeinsamen Mitteilung des Bundesverbands Windenergie (BWE) und des Anlagenbauerfachverbands VDMA Power Systems zu den Leistungszahlen der deutschen Onshore-Windenergie im ersten Halbjahr. „Sonst“, warnen die Verbände, „sind Lieferketten und Ausbauziele gefährdet.“

Bereits im vergangenen November forderte der VDMA Power Systems in einem speziell dem Transport von Windkraftkomponenten gewidmeten Papier, dass die Länder Koordinierungsstellen einrichten. Die sollen Anträge daraufhin „vorprüfen“, welche Behörden zuständig und ob die Unterlagen vollständig sind. Die Hersteller sollen sich zuvor schon im digitalen brancheneigenen „Verfahrensmanagement für Großraum- und Schwertransporte“ (Vemags) Szenarien für Transporte anschauen, konkrete beantragen, Unterlagen hochladen und Genehmigungen entgegennehmen können.

Dazu müssten alle Länder, Kommunen und die Autobahn GmbH tagesaktuell Baustellen, Engpässe, Tonnagebegrenzungen oder Sperrungen in eine künftige bundeseinheitliche Datenbank eingeben und sich georeferenziert mit Vemags verbinden. Klingt nach vernünftigen Vereinfachungen, ohne das Sicherheitsniveau zu senken. Aber auch nach einem typisch deutschen Digitalisierungsprojekt wie der Lkw-Maut, der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) oder der Verbandsübergreifenden IT-Plattform der Zukunft (VÜI).

Gefordert: ein IT-Projekt wie die Gesundheitskarte

Rotorblätter, Maschinenhäuser und Turmelemente brauchen Schwertransporte, das bedeutet im Zweifel: Genehmigungen und Gebühren verschiedener Behörden nach willkürlich und unterschiedlich langen Verfahren, kostenpflichtige Umbauten an Straßen, Spezial-Lkw und Begleitfahrzeuge, Polizei, Fachkräfte mit Nachtzuschlag. Das macht jede genaue Kostenkalkulation unmöglich. 
 
In solchen nächtlichen Schwerlasttransporten müssen alle Windrad-Turmelemente zum Parkstandort geliefert werden − wie hier im schleswig-holsteinischen Hörup (Archivbild von 2004). Nicht so bei Max Bögl
Quelle: AN Windenergie

Eigentlich. Naturgemäß stark betroffen ist der Beton- und Infrastrukturhersteller Max Bögl. Umso mehr, als er seine Windradbetonturmteile von Bayern und Schleswig-Holstein aus auch international verschifft, etwa über den Hafen Kiel zu finnischen Onshore-Windstandorten. Das Familienunternehmen mit seiner Tochter Max Bögl Wind AG fand eine unternehmerische Antwort auf diese Herausforderung. Ohnehin nutzte Bögl den Fadenriss bei der deutschen Windkraft seit 2018 und die Covid-Delle, um an seinen Spezialbetontürmen zu tüfteln.

​Warum halbieren, wenn auch dritteln geht?

Das Ergebnis war der „Hybridturm“ der zweiten Generation: Die 17 bis 19 übereinanderzustapelnden, 3 m hohen Ringe aus stahlbewehrtem Beton sind nicht mehr in Halbschalen unterteilt, sondern in Drittelringe. Die wiegen je nach späterer Position nur noch 3 bis 4 t und eignen sich trotzdem auch für neuere, leistungsstärkere Windturbinen mit Naben in bis zu 190 m Höhe. Bögl-Türme tragen seit fünf Jahren im ostwürttembergischen Windpark Gaildorf die höchsten in Betrieb befindlichen Windkraftanlagen der Welt − höher auch als offshore. Die Naben liegen in Höhen von bis zu 178 m. Die vier Turbinen von GE sind bis zur Rotorblattspitze 246,5 m hoch.

Im Windpark Gaildorf pilotiert Bögl übrigens auch eine weltweit einmalige Wasserbatterie: Die Fundamente der 3,4-MW-Turbinen fungieren als Oberbecken eines Pumpspeicherkraftwerks, das bis zu 16 MW leisten kann und 70.000 kWh speichert.
 
Drittel- statt Halbschalen, effiziente Lackierung: der „Hybridturm Bögl 2.0“ für Onshore-Windenergieanlagen beim Zusammenfügen der Elemente
Quelle: Max Bögl Wind AG

Die Drittelringe 2.0 lassen sich seither auf normale Lkw verladen. Sie werden erst am Windparkstandort zu Ringen gefügt. Für deren Bewegung braucht Bögl keine Schwertransportgenehmigung mehr und wird damit flexibler. Und: Die Polizei darf Verkehrssünder aufspüren oder schlicht Überstunden abbauen, statt in langweiligen Begleitungen bei mäßigem Tempo Nachtarbeitsstunden anzusammeln. Nur noch für den Turmabschluss aus 60 t Stahl mit einem Durchmesser von 20 m braucht es einen Sondertransport, denn er muss schon im Werk zusammengeschweißt werden.

Im Frühjahr 2020 errichtete Bögl in Sachsen-Anhalt den ersten Hybridturm 2.0, der seither ein Gehäuse des saarländischen Herstellers Vensys trägt. Schon die Halbschalen der ersten Generation waren eine Innovation des Betonspezialisten. So mancher Wettbewerber stellt Turmringe ganz aus Stahl her. Stahl ist bei gleichem Volumen gut dreimal so schwer wie Beton. Das patentierte Turmringsystem mit Drittelschalen kommt beim Bürgerwindpark „Weißer Turm“ im nordbayerischen Kreis Rhön−Grabfeld auf 141 m. Dort sollten im August (nach Redaktionsschluss) zehn Nordex-Anlagen N117-2.4 ans Netz gehen.

Letzter Schrei ist seit Juli eine neue Lackierung auf Polyharnstoff-Basis. Der Beton lässt sich damit direkt nach dem Entschalen, obwohl er noch eine Restfeuchte aufweist und noch warm sein kann, zweimal spachteln und lackieren. Die Epoxidharz-Grundierung zwischen der Spachtelmasse und dem Lack entfällt. Nach insgesamt einer Stunde ist der Lack aus dem Haus Frei Lacke aus Bräunlingen-Döggingen im Schwarzwald bereits angetrocknet. Nach dem Finishing lagern die Betonteile im Außenbereich des Bögl-Werks, ohne dass ihnen Wind und Wetter etwas anhaben könnten.

„Wir bedienen jeden Anlagenhersteller, der in Europa auf dem Markt ist, und sind mit ihm mindestens in der Typenprüfung“, sagt Jürgen Joos, kaufmännischer Leiter (CFO) Wind bei Max Bögl, E&M. Von der zweiten Generation habe man bisher im ostbayerischen Werk Sengenthal am Hauptsitz 250 Türme hergestellt. Künftig werde das Bögl-Werk in Osterrönfeld am Nord-Ostsee-Kanal Turmsysteme für höher gelegene Naben liefern.

Aus der Senvion-Not eine Bögl-Tugend

Auch mit dem Turbinenhersteller Senvion war Bögl im Geschäft gewesen. Der war aber im April 2019 pleitegegangen. Max Bögl war davon „massiv betroffen“, erinnert sich Joos. Unter anderem fehlten dem Windpark „Farve Wind“ bei Wangels in Ostholstein durch die Pleite zunächst die sieben Senvion-Gondeln vom Typ 3.4 M114. Für diese 3,2-MW-Anlagen hatte der Bauherr nur einen Monat zuvor die immissionsschutzrechtliche Genehmigung bekommen: 93 m Nabenhöhe, 114 m Rotordurchmesser. Und diese Genehmigung ist an den Typ gebunden. Betonlöwe Bögl hing da mit drin. Warum, ist unklar, denn die Türme kamen letztlich von einem Stahlhersteller.

Da bot Co-Liquidator Micha Schulz Bögl zehn fertig montierte Anlagen 3.4 M114 zum Verkauf an. Bögl fackelte nicht lange − um den eigenen Schaden zu begrenzen, wie Jürgen Joos von Bögl ausführt. Erst mehr als drei Jahre später, seit Mai bis Juni 2022, sind sieben davon mit derselben Typenbezeichnung „in Betrieb“, so das Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur. Wieso das so lange dauerte, darüber will sich der Bauherr, ein ortsansässiger Berater und Coach, gegenüber E&M nicht äußern.
 
Jürgen Joos ist der Chief Financial Officer Wind bei Max Bögl
Quelle: Max Bögl

Es lag jedenfalls nicht an Bögl: Derselbe Anlagentyp ist jetzt einer Max-Wyn GmbH als „Hersteller von Windenergieanlagen“ zugeordnet. Die Fachagentur Windenergie an Land hatte dies entdeckt. Max-Wyn entpuppt sich als Tochter, die Max Bögl Anfang 2021 gegründet hatte. Geschäftszweck laut Handelsregister: „Vermarktung von Windkraftanlagen − Projektierung und Errichtung von Windkraftprojekten im In- und Ausland − sowie alle artverwandten Geschäfte“.

Die anderen drei Senvion vulgo Max-Wyn 3.4 M114 werden nach Joos' Worten von Frühjahr 2023 an den „Adlerhorst“ gehen. So heißen unzählige Windparks; gemeint ist der in Ahrenviöl bei Husum. Und dann sei Schluss. Max-Wyn sei ein „endliches Geschäft“. Selbstverständlich steige der Max-Bögl-Konzern nicht in die Produktion von Windturbinen ein. Bögl habe auch nicht vor, weitere Anlagen oder geistiges Eigentum von Senvion zu kaufen. Entsprechende Anfragen seien durchaus von Projektentwicklern an Bögl herangetragen worden. Dies sei aber „rechtlich und grundsätzlich unmöglich“, so der CFO Wind. Joos hat bei der Tochter Max-Wyn auch Prokura. Schon im Herbst 2019 hatte Siemens Gamesa das geistige Eigentum von Senvion, das Servicegeschäft und ein Rotorblattwerk in Portugal aufgekauft. 

Die zehn Senvion-Windenergieanlagen, die an Bögl gingen, ließen sich keineswegs einfach so aufstellen, berichtet Joos. Vielmehr waren sie ursprünglich für den nordamerikanischen Markt ausgelegt: 60 Hz statt 50 Hz, andere Klimazone. Die Umbauten schaffte Max Bögl respektive Max-Wyn nicht zuletzt mithilfe eines angeworbenen ehemaligen Produktionsleiters von Senvion. Der Umrichter stammt von ABB. Ein kleiner Projektentwickler sei ebenfalls Partner gewesen, so Joos.
Der pressescheue Betreiber des Windparks „Farve Wind“ plant übrigens sein achtes Windrad, so das Marktstammdatenregister. Natürlich keine 3,2-MW-Senvion, woher auch? Nein, eine 5-MW-Mühle vom Typ Siemens Gamesa SG 5.0-132. Nabenhöhe: 109 m. Sollte sie dereinst auf dem neuen Turmsystem von Bögl ruhen, braucht es für dessen Anlieferung nur noch einen einzigen Schwertransport.
 

Georg Eble
Redakteur
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Dienstag, 27.09.2022, 09:01 Uhr

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