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Enerige & Management > Interview - Petersen: "Unsere Branche muss sich emanzipierter zeigen"
Bild: Fotolia, wellphoto
INTERVIEW:
Petersen: "Unsere Branche muss sich emanzipierter zeigen"
Grünem Wasserstoff droht durch den Zertifikatehandel ein Reputationsverlust und blauer Wasserstoff wird keine Nachfrage finden. Warum das so ist, erklärt Ove Petersen im E&M-Gespräch.
 
E&M: Herr Petersen, in einem offenen Brief haben Sie sich kürzlich an das Bundesumweltministerium gewandt. Darin befürchten Sie, der Bezug von Grünstrom für die künftige Wasserstofferzeugung könnte durch Zertifikate nachgewiesen werden. Was stört Sie daran?

Petersen: Das Bundeswirtschaftsministerium hat hier ein Vorschlag gemacht, der sehr weit weg ist von einer sinnvollen und energiewirtschaftlichen Steuerung. Der Elektrolyseur soll ja Wasserstoff produzieren und das vornehmlich mit Strom aus Erneuerbaren. Durch Zertifikate lässt sich das nicht sicherstellen. Wer die Netzengpasssituation nicht noch forcieren und Geschäftsmodelle für Altanlagen, die aus der EEG-Förderung fallen, aufbauen will, muss die Produktion grünen Wasserstoffs und die Erzeugung grünen Stroms zeitlich miteinander verknüpfen. 

E&M: Technisch ist da ja bereits möglich, oder?

Petersen: Ja, ohne Weiteres. Grüner Strom lässt sich 15-Minuten-scharf abrechnen, so wie das eben auch die EU jetzt andenkt. Bei dem Vorschlag des Wirtschaftsministeriums wird die Wasserstoffproduktion und die Erzeugung von grünem Strom voneinander entkoppelt. Die Erzeugung grünen Wasserstoffs wäre dann nicht glaubwürdig und daher auch laut Paragraf 93 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes rechtswidrig. Mit monatsbilanziellen Zertifikaten lässt sich die glaubhafte Erzeugung von grünem Wasserstoff nicht bewerkstelligen. Netzengpässe würden sich nur weiter verschärfen.

Zur Person

Der diplomierte Agraringenieur Ove Petersen, Jahrgang 1974, führte nach dem Studium das landwirtschaftliche Familienunternehmen weiter und gründete 2009 GP Joule mit seinem Studienfreund Heinrich Gärtner, basierend auf ihren ersten unternehmerischen Erfahrungen im Bereich der Planung und Realisierung von PV-Freiflächenanlagen. Er leitet das Unternehmen in Reußenköge (Schleswig-Holstein) als einer von vier Geschäftsführern. GP Joule ist ein Systemanbieter für integrierte Energielösungen mit rund 360 Mitarbeitern.

E&M: Sie plädieren klar für grünen Wasserstoff. Das heißt, keine Kompromisse, auch nicht beim Einsatz von blauem Wasserstoff, bei dem ja das anfallende CO2 in der Erde verpresst werden soll? 

Petersen: Blauer Wasserstoff beruht mit Methan auf einer fossilen Energiequelle. Hier wird tatsächlich nur bilanziell kein CO2 ausgestoßen. Wir haben bei der Förderung von Methan aber auch Methanschlupf. Und es ist auch überhaupt nicht sicher, wie das CO2 gespeichert werden kann. Wenn überhaupt, ist blauer Wasserstoff nur für eine kurze Übergangsphase eine Lösung. Da die Nachfrage nach ‚CO2-reduziertem‘ Wasserstoff jedoch erst in den nächsten Jahren steigen wird, ist es sehr fraglich, ob sich große Investitionen in eine fossile Infrastruktur wirklich lohnen. Die Lernkurve für die ‚echte‘ grüne Wasserstofferzeugung aus Wind- und Solarstrom ist dagegen sehr steil. Außerdem werden wir die begrenzten CO2-Lagerstätten als Bereiche brauchen, in denen sich der CO2-Ausstoß nicht vermeiden lässt. Die Produktion von Wasserstoff gehört nun gerade nicht dazu.

E&M: Der Nationale Wasserstoffrat spricht sich dafür aus, bei der Definition des grünen Wasserstoffs die EU-Regelung abzuwarten. Erst dann könne eine Festlegung im deutschen Gesetz konsistent erfolgen. Wie sehen Sie das?

Petersen: Das halte ich grundsätzlich für in Ordnung, da wir in der EU-Sichtweise unsere Argumentation − keine Netzengpässe verstärken und die 15-Minuten-scharfe Abrechnung − bestätigt sehen. Doch auch die angestrebte EU-Verordnung hat einen gefährlichen Passus: nämlich die Festsetzung, dass zwischen der Inbetriebnahme von Elektrolyse und den Wind- und Solaranlagen nicht mehr als zwölf Monate vergangen sein dürfen, wenn der Wasserstoff bei der Treibhausgasquote angerechnet werden soll. Im Endeffekt soll das eine Steuerung sein, dass möglichst wenig Wasserstoff kurzfristig in die Mobilität geht. Aber dafür die alten Windkraftanlagen aus dem Markt für grünen Wasserstoff rauszunehmen, halten wir für fatal.

E&M: Bedeutet die viertelstundenscharfe Abrechnung grünen Stroms keinen enormen Bürokratieaufwand, der grünen Wasserstoff teurer machen wird?

Petersen: Nein, das ist mit sehr wenig Aufwand möglich. Die betroffenen Anlagen werden ja viertelstündlich bilanziert. Die Zeitreihen liegen also vor, das müsste man nur noch zertifizieren lassen oder gleich im Herkunftsnachweis abbilden. Wir bei GP Joule streben an, dass hier nicht nur auf einem Blatt Papier ein System aufgebaut wird, sondern dass es auch in die Praxis umsetzbar ist und es eben nicht zu höheren Netzausbaukosten und zur CO2-lastigen Energieerzeugung kommt. Wir sind für eine dezentrale Wasserstofferzeugung und dafür, dass auch die Abwärme genutzt wird, die beim Elektrolyseprozess entsteht. Es muss incentiviert werden, dass es dafür auch einen KWK-Bonus gibt.

E&M: Wenn wir jetzt von reinem grünem Wasserstoff sprechen, heißt das, er verträgt keine Beimischung ins Erdgasnetz?

Petersen: Die Beimischung wird nur vorübergehend von Bedeutung sein. Aber auch für den reinen Wasserstofftransport sind die Gasnetze interessant. Sie sind vorhanden und wir müssen keine zusätzlichen Netze bauen. Man kann darin sehr effizient von Nord- nach Süddeutschland oder eben in Europa transportieren.

E&M: Was sagen Sie zu den großen Industriezentren, die eine zentrale Wasserstoffwirtschaft aufbauen wollen?

Petersen: Das entspricht der herkömmlichen Denkweise, ist aber nicht effizient. Wenn ein Konzern in Mitteldeutschland eine Raffinerie oder Wasserstoffproduktion plant, müssen dorthin auf Kosten der Allgemeinheit Stromleitungen verlegt werden, um die Elektrolyse mit Energie zu versorgen. Mit Sicherheit wird nicht die Abwärme genutzt. Es wird einfach ein Gasprodukt bereitgestellt, das höchstwahrscheinlich nicht einmal netzdienlich produziert wird. Die dezentrale Erzeugung des Wasserstoffs ist viel effizienter. Man kann ihn dann sehr flächensparend im vorhandenen Gasnetz transportieren.

E&M: Welche Rolle wird der Import grünen Wasserstoffs spielen? Die Bundesregierung will ja 80 Prozent des Bedarfs durch Import abdecken.

Petersen: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass importierter grüner Wasserstoff bei uns tatsächlich konkurrenzfähig auf den Markt kommen kann. Der Transport allein ist schon wahnsinnig teuer. Mit importiertem Wasserstoff wird auch nur ein weiterer Gassektor aufgebaut, in dem Sektorkopplung keine Rolle spielt. Wenn Sie in Marokko einen Elektrolyseur bauen, werden Sie dort nicht die Abwärme nutzen können. Auch nicht die Systemdienlichkeit fürs Netz, weil in Marokko das Stromnetz nur für die Elektrolyse aufgebaut wird.

E&M: Auf Europaebene wird es ja nicht nur grünen Wasserstoff geben, sondern auch blauen etwa aus Norwegen. Ist der eine Konkurrenz zum grünen Wasserstoff?

Petersen: Ich denke, dass der blaue Wasserstoff nicht nachgefragt werden wird. Schauen Sie sich die großen digitalen Unternehmen wie Google, Amazon und Co. an: Bis vor Kurzem waren sie schon bilanziell zu 100 Prozent erneuerbar, demnächst wollen sie es auch physisch sein. Daran wird man sich in Zukunft messen müssen.

E&M: Wie viel Potenzial schreiben Sie den Erneuerbaren in Deutschland zu?

Petersen: Wir sind der Meinung, dass wir 100 Prozent Erneuerbare in allen Sektoren hinkriegen. Das wird auch die günstigste Möglichkeit sein, in Zukunft wirtschaftsfähig zu bleiben. Andere Länder werden es uns vormachen, wie etwa die USA und China. Sie bauen jetzt schon ihre Erneuerbaren stark aus. Viele haben verstanden, dass die Erneuerbaren das Wirtschaftswunder der Post-Corona-Zeit sein können. Unsere Politik jedoch hängt immer noch in der Spur der alten fossilen Wirtschaft. Da müssen wir sie schnellstmöglich herausholen und ihr zeigen, wie 100 Prozent erneuerbare Energien sektorübergreifend möglich sind. Hier sollte sich unsere Branche emanzipierter zeigen.

E&M: Wenn Sie Bundeskanzler wären, was würden Sie zuerst anpacken, um den Erneuerbaren-Ausbau voranzutreiben?

Petersen: Ich würde ordentlich Geld in Bildung und Entwicklung stecken. Wir reden hier von komplexen Systemen und wir brauchen gute Leute, die uns in den nächsten Jahren in der Entwicklung weiterhelfen. Energiepolitisch ist es in meinen Augen längst überfällig, Netzentgelte und Energieabgaben zu reformieren. Sie sollten gleich ausgerichtet werden in allen Energiesektoren. Dann schaffen wir es auch, Energie schlau in unseren Netzen zu nutzen − ohne Eintrittsbarrieren, die hohe Kosten verursachen.
 
Ove Petersen: „Wir sind für eine dezentrale Wasserstofferzeugung und dafür, dass auch die Abwärme genutzt wird, die beim Elektrolyseprozess entsteht.“
Bild: GP Joule
 

Davina Spohn
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Donnerstag, 10.06.2021, 09:02 Uhr

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