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Enerige & Management > Regenerative - Offshore-Wind hat den Blues
Bild: Fotolia.com, zentilia
REGENERATIVE:
Offshore-Wind hat den Blues
Wie es hierzulande mit der Windkraftnutzung auf See weiter geht, hängt in hohem Maße von den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen ab. Derzeit erlebt die Offshore-Windindustrie eine Hängepartie, die mittlerweile an die Substanz geht.
 
Das Dröhnen der kleinen Propellermaschine geht auf die Ohren. Eine Erlösung, als das Ziel nach gut einer Flugstunde irgendwo in der Nordsee in Sicht ist: Aus gut 400 Metern Höhe wirken die knallgelb lackierten, so genannten Transition Pieces wie die Köpfe von Spargelstangen. Die über Wasser zu sehenden Stahltürme bilden die Abschlussstücke von drei massiven Stahlbeinen, die einer Offshore-Windturbine sicheren Stand am Meeresgrund geben sollen. Insgesamt 65 dieser dreibeinigen Halterungen für die riesigen Meerwind-Propeller sind schon in dem Baufeld für den geplanten Hochseewindpark Global Tech I verankert, weitere 15 folgen in den kommenden Wochen. Auch die ersten drei Windturbinen - noch ohne Flügel - sind in der vorletzten Oktoberwoche bereits errichtet..
 
Quo vadis Offshore-Windenergie? Die Betreiberfirmen hoffen auf neuen politischen Rückenwind aus Berlin, weil es ansonsten für viele Firmen ganz düster werden wird
Bild: Paul Langrock

Abgeschlossen werden die Bauarbeiten - gut 180 km nordwestlich von Bremerhaven entfernt - erst sein, wenn im kommenden Spätsommer alle 80 geplanten Windturbinen Strom ins Netz einspeisen. Vom bisherigen Baufortschritt zeigt sich Marie-Luise Wolff-Hertwig angetan: „Wir kommen gut voran.“

"Global Tech I ist ein sehr werthaltiges Projekt"

Die Vorstandschefin der Darmstädter HSE AG outet sich als Fan von Global Tech I. Neben der Schweizer Axpo und den Münchner Stadtwerken zählen die Südhessen mit jeweils 24,9 Prozent zu den drei großen Gesellschaftern dieser maritimen Windfarm: „Trotz des verspäteten Netzanschlusses sind die wirtschaftlichen Parameter für das Projekt positiv“, sagt Wolff-Hertwig, „dank einer jüngsten Studie wissen wir, dass Global Tech I ein sehr werthaltiges Projekt ist.“

Dennoch wird sich die HSE-Chefin in nächster Zeit nicht zu einer weiteren Offshore-Beteiligung durchringen. Sie spricht von „immensen Investitionskosten“ für einen Regionalversorger. Rund 400 Mio. Euro hat HSE in den Hochseewindpark investiert, die größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte.

Diese Zurückhaltung bei der Windkraftnutzung ist derzeit in den meisten Führungsetagen der deutschen Energieversorger zu spüren. „Die Situation ist paradox“, klagt Ronny Meyer, Geschäftsführer des Industrie-Netzwerkes WAB. „Wir bauen endlich im großen Stil, wobei wir zeigen, dass die Industrie die Technik weit vor der Küste beherrscht und wie gefordert auch die Kosten senkt. Was aber fehlt, sind die Folgeaufträge.“

In der Tat wird derzeit in Nord- und Ostsee bei gleich sieben Offshore-Windvorhaben mit Hochdruck gewerkelt. In Stand-by-Haltung, das heißt im Notbetrieb dank Dieselversorgung, drehen sich derzeit die 30 Mühlen im EWE-Projekt Borkum Riffgat. TenneT könnte bei gutem Wetter das fehlende Seekabelstück noch vor dem Weihnachtsfest auf dem Nordseegrund verlegt haben, ist aus Kreisen des Regionalversorgers zu erfahren.

Dass ein Fadenriss nach der ersten Ausbauwelle droht, hat aus Sicht der Offshore-Wind-Protagonisten vor allem ein Mann zu verantworten: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU). „Seine Ideen von der Strompreisbremse, die auch eine rückwirkende Kürzung der Einspeisevergütung vorsahen, hat Investoren aus dem In- und Ausland nachhaltig abgeschreckt“, ärgert sich WAB-Mann Meyer noch heute über den „Anti-Energiewende-Vorstoß“.

Vor Ort in Bremerhaven bekommt Meyer zu spüren, wie die Offshore-Windbranche zu darben beginnt. „Kurz vor Weihnachten werden wir die Arbeiten für den letzten Tripod, der für das Projekt Global Tech I bestimmt ist, abgeschlossen haben“, sagt René Surma, Vertriebsleiter bei WeserWind, wo die stählernen Gründungsfundamente gefertigt werden. „Danach heißt die Parole überwintern, weil wir aktuell keinen Folgeauftrag haben.“

Das Warten auf die zweite Ausbauwelle

Nebenan beim Turbinenhersteller Areva Wind ist die Stimmung auch schon besser gewesen. Offiziell heißt es, dass die Projektpipeline rund 1 000 MW umfasse. Darunter fällt beispielsweise die Lieferung für die beiden deutschen Vorhaben Wikinger und Deutsche Bucht, deren Baubeginn allerdings erst für das Jahr 2016 vorgesehen ist.

Repower Systems, die zweite große Windschmiede in der Stadt an der Unterweser, hat in diesem Jahr keine einzige Offshore-Windturbine produziert, die Fertigung lebt von den Onshore-Maschinen, die hier ebenfalls montiert werden. Demnächst werden mehrere 6M gefertigt, so eine Unternehmenssprecherin, und zwar „für einen Auftrag an Land.“

Allzu gerne sähen die Verantwortlichen bei WeserWind und Areva, wenn es endlich grünes Licht für die Hochseewindfarm MEG Offshore I gäbe. Ihre Chancen auf einen Auftrag stünden nicht schlecht, heißt es. Nur, die Finanzierung für das Projekt der insolventen Windreich-Gruppe soll erst Ende des Jahres stehen, vorausgesetzt, es finden sich genügend Investoren.

Eine zweite Ausbauwelle auf See werde es nur geben, „wenn es Verlässlichkeit bei den Förderbedingungen gibt, die über eine Wahlperiode hinausreicht“, sagt Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Stefan Wenzel (Die Grünen), „das geht am besten mit einer parteiübergreifenden Lösung, weil auch die neue Regierung eine Mehrheit im Bundesrat braucht.“

Von den laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen Union und Sozialdemokraten erhofft sich der Grünen-Politiker ein wichtiges Signal für potenzielle Investoren: „2017 läuft das Stauchungsmodell aus, das optional eine erhöhte Vergütung von 19 Cent pro Kilowattstunde über acht Jahre gewährt. Ohne eine Verlängerung und die Sicherung der jetzigen Konditionen wird niemand in neue Offshore-Windparks investieren.“

Auch Wenzel sieht durch die derzeitige Hängepartie Arbeitsplätze und Investitionen gefährdet, was sich in Cuxhaven beobachten lässt. In der Seehafenstadt wird gerade für 60 Mio. Euro das Offshore-Terminal erweitert. Keiner weiß so recht, für wen eigentlich. Nach dem Aus für Cuxhaven Steel Construction, ein Tochterunternehmen der Bard-Gruppe, ist von den erhofften Offshore-Investoren nur die Ambau GmbH verblieben. Das Unternehmen fertigt Windkrafttürme. „Das Land Niedersachsen hat im Vertrauen auf die bisherigen politischen Aussagen aus Berlin 200 Millionen Euro in Infrastruktur und Ansiedlungen investiert. Wir haben gemeinsam mit der Agentur für Arbeit für fünf Millionen Euro 350 Schweißer qualifiziert und damit begonnen, für den Strabag-Konzern Personal auszubilden, der sich eigentlich bei uns ansiedeln wollte“, zeigt sich Hans-Joachim Stietzel, Leiter der Cuxhavener Wirtschaftsförderung, geknickt. Strabag hat aber ihre Offshore-Pläne angesichts der unsicheren Lage auf Eis gelegt.

Wie es mit der Offshore-Förderung insgesamt und mit dem Stauchungsmodell im Speziellen weitergeht, darüber rätseln die Auguren. Es wird keine fachliche, sondern eine politische Entscheidung geben, ist aus dem Umfeld des Bundesumweltministeriums zu vernehmen. Die Windkraftnutzung auf See unterliegt der Forderung nach Kosteneffizienz, heißt es aus SPD-Fraktionskreisen.
Das klingt nicht unbeeinflusst von der seit Monaten in der Windbranche laufenden Debatte, dass die Offshore-Windenergie ohnehin viel zu teuer sei. „Fakt ist, dass eine in Süddeutschland produzierte Kilowattstunde Windstrom immer günstiger ist und sein wird als eine Kilowattstunde vom Meer“, sagt beispielsweise Matthias Willenbacher. Der Gründer und Vorstand der juwi Holding AG setzt voll auf die Onshore-Windenergie: „Es gibt an Land viel mehr Windkraftstandorte als wir für die Energiewende brauchen.“

Quo vadis Offshore-Windenergie? Die in der Offshore-Stiftung organisierten großen Betreiberfirmen hoffen auf neuen politischen Rückenwind aus Berlin: „Wir brauchen schnell ein Signal, wie es weitergeht. Am besten bis Ende März nächsten Jahres, weil es ansonsten für viele Firmen und Zulieferer wirklich ganz düster werden wird.“
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Montag, 04.11.2013, 09:41 Uhr

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