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Quelle: Fotolia / jefunne
KÄLTETECHNIK:
Österreich: Fernkälte im Ausbau
Bis 2027 will die Energiewirtschaft 135 Mio. Euro in die Erweiterung der bestehenden Netze und die Erhöhung der Anschlussdichte investieren, vor allem in den Ballungsgebieten.
 
Insgesamt 135 Mio. Euro investieren die Mitglieder des Fachverbands Gas Wärme (FGW) bis 2027 österreichweit in den Ausbau der Fernkälte. Das berichtete der Obmann-Stellvertreter des FGW und Geschäftsführer der Wiener Netze GmbH, Gerhard Fida, am 9. August bei einer Pressekonferenz in Wien.

Fida erläuterte, die Zahl der Hitzetage in Wien habe sich in den vergangenen 30 Jahren in etwa verdoppelt. Der Bedarf an effizienter Gebäudekühlung und damit an der Versorgung mit Fernkälte steige rasant, und das im gesamten Bundesgebiet: „Zurzeit werden rund 20 % der Büros in Österreich gekühlt. Für die kommenden Jahrzehnte rechnen wir mit einem Anstieg dieses Werts auf 80 %, wie das derzeit schon in Ländern wie den USA und Japan der Fall ist.“ Geplant ist, die bestehenden Fernkältenetze vor allem in den Ballungsgebieten zu erweitern und die Anschlussdichte weiter zu erhöhen.

Im Jahr 2021 verzeichnete der FGW gegenüber 2020 einen Anstieg des Fernkälteabsatzes um rund 4,3 %. Die Leistung der Anlagen erhöhte sich um 11,3 % oder 18 MW, die Länge des Netzes wuchs um 28,5 % auf etwa 32 km.
Rund 80 % der Länge der Kältenetze entfallen auf Wien, ergänzte Alexander Wallisch, der Bereichssprecher Fernwärme im FGW. Zurzeit sind in der Bundeshauptstand Fernkälteanlagen mit einer Gesamtleistung von 200 MW in Betrieb, die 180 Gebäude versorgen. Bis 2030 soll die Leistung auf 350 MW steigen.

Hohe zweistellige Millioneninvestitionen schon bis 2027 geplant

Schon bis 2027 will der stadteigene Energieversorger Wien Energie rund 90 Mio. Euro investieren. Das größte Projekt ist die Fertigstellung des Fernkälterings um die Wiener Innenstadt. Wallisch zufolge wächst die Zahl der Fernkältekunden in Wien jährlich um etwa zehn bis 15 %. Attraktiv ist diese Art der Klimatisierung insbesondere für Großverbraucher, darunter Verwaltungsgebäude von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, aber auch Krankenhäuser und Hotels wie das Palais Hansen Kempinski Vienna, in dem die Pressekonferenz stattfand.

Weniger im Fokus steht dagegen der private Wohnbau. Das in Österreich bislang einzige realisierte Projekt befindet sich in der Berggasse nahe der Wiener Innenstadt. Ähnliche Vorhaben sind Fida zufolge auch in Zukunft denkbar: „Aber 200.000 Wohnungen mit Fernkälte zu versorgen, wird sich eher nicht spielen.“

Voraussichtlich ab dem kommenden Jahr beginnen auch die Stadtwerke der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt mit der Fernkälteversorgung, berichtete der Vorstand des Unternehmens, Erwin Smole. Ihm zufolge sind die Planungen im Endstadium. Vorgesehen ist vorerst, Leitungen mit 1,5 km Gesamtlänge zu verlegen und mithilfe des bestehenden Fernheizkraftwerks rund 20 MW an Kälteleistung bereitzustellen. Etwa 16 bis 18 Mio. Euro werden dafür in den kommenden drei Jahren investiert. Wie üblich werden die Versorgungsverträge auch in Klagenfurt für längere Zeiträume abgeschlossen. Die Laufzeit liegt je nach Kunde zwischen fünf und 20 Jahren.

Kosten: Verallgemeinerungen schwierig

Bleibt die Frage der Kosten. Sie ist derzeit besonders virulent, weil die Wien Energie ihre Fernwärmepreise per 1. September um 92 % erhöht (wir berichteten) und für die Bereitstellung der Fernkälte laut dem FGW im Wesentlichen „dieselben Energiequellen“ dienen, die zur Erzeugung der Fernwärme genutzt werden. Wallisch konstatierte dazu auf Anfrage der Redaktion, die Kosten für die Fernkälte lägen in der Höhe der dezentralen Kältebereitstellung: „Natürlich sind auch wir von den Strom- und Gaskosten abhängig. Die Verträge über die Versorgung mit Fernkälte sind entsprechend indexiert.“ Sie bilden daher die Preisentwicklungen im Strom- und Gasgroßhandel zumindest in gewissem Umfang ab.

Wie dies erfolgt, hängt jedoch von den Details des jeweiligen Vertrags ab, die wiederum von den lokalen Gegebenheiten bedingt sind. Laut Wallisch „sind Verallgemeinerungen daher schwierig“. Zu beachten ist ihm zufolge wenigstens in Wien überdies, dass im Sommer die stadteigenen, mit Erdgas befeuerten, Kraft-Wärme-Kopplungen kaum zur Erzeugung von Energie für die Kältemaschinen eingesetzt werden. Als Wärmequellen dienen statt dessen nicht zuletzt die ebenfalls im Besitz der Stadt befindlichen Müllverbrennungsanlagen.

Angesprochen auf das in Finalisierung befindliche Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWG), konstatierte Fida, es sei „gut, dass die Bundesregierung das Thema Raumwärme endlich anpackt“. Ihm zufolge ist auf politischer Ebene noch der Zeitpunkt des Ausstiegs aus Erdöl und Erdgas bei der Wärmeversorgung umstritten. Weitgehend einig sei sich die Koalition aus Konservativen (Österreichische Volkspartei, ÖVP) und Grünen dagegen, den Betrieb von Gasheizungen mit Biogas über das Jahr 2040 zuzulassen. Ab diesem Jahr soll Österreichs Energieversorgung „klimaneutral“ erfolgen. Fida ergänzte, die Energieunternehmen bräuchten Rechtssicherheit: „Daher wäre es gut, das EWG rasch zu beschließen.“ Grundsätzlich hält es Fida für „begrüßenswert, wenn die Menschen mehr über ihren Energieverbrauch und ihren Umgang mit Energie nachdenken“.
 

Klaus Fischer
© 2022 Energie & Management GmbH
Dienstag, 09.08.2022, 14:51 Uhr

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