• Zusammenfassung der deutschen Tagesmeldungen vom 21. Februar
  • Strom: Negative Preise
  • Gas: bleibt billig
  • SPD überrascht mit Kohleausstiegs-Plan
  • Mit Flexibilität gegen Netzengpässe
  • Blockchain bringt Energielösung besonderen Nutzen
  • Studie zur Verkehrswende sieht wichtige Rolle für Stadtwerke
  • Eon errichtet Europas größte PV-Dachanlage
  • Uniper gibt Braunkohleverstromung in Europa auf
  • Tecklenburger Land baut Lorawan-Netz
Enerige & Management > Stromnetz - Noch keine neue Verordnung zu abschaltbaren Lasten
Bild: Fotolia.com, Gina Sanders
STROMNETZ:
Noch keine neue Verordnung zu abschaltbaren Lasten
Die bislang geltende Verordnung über Vereinbarungen zu abschaltbaren Lasten wird ein weiteres Mal verlängert. Danach soll eine stärker marktorientierte Fassung folgen.
 
Eine bis zum 1. Juli 2022 gültige neue Verordnung zu abschaltbaren Lasten (AbLaV) soll das bisherige Regelwerk ablösen. Doch das Inkrafttreten der bereits vom Kabinett beschlossenen Novelle wird sich noch etwas verzögern. Denn dafür ist eine veränderte Ermächtigungsgrundlage im Energiewirtschaftsgesetz notwendig. Die parlamentarischen Beratungen hierzu laufen jedoch noch. Deshalb hat die Bundesregierung eine Verordnung zur Änderung der Verordnung beschlossen, die der bisherigen Vorschrift eine Geltungsdauer bis zum 1. Oktober dieses Jahres beschert. Der Wirtschaftsausschuss des Bundestags hat bereits zugestimmt.

Damit kommt es zu einer Verlängerung der Verlängerung. Denn die 2012 eingeführte AbLaV sollte ursprünglich Ende 2015 auslaufen. Allerdings hatte die Koalition zu diesem Zeitpunkt noch nicht das anvisierte marktbasierte Nachfolgemodell ausgearbeitet, so dass die Geltungsdauer der Verordnung bis zum 1. Juli 2016 verlängert wurde. Damit nun keine Regelungslücke entsteht, soll das neue und vermutlich endgültige Verfallsdatum der 1. Oktober 2016 sein.

Nach § 13 Absatz 4a des Energiewirtschaftsgesetzes ist die Bundesregierung ermächtigt, mit Zustimmung des Bundestags und ohne Zustimmung des Bundesrates die Rechtsverordnung zu erlassen.

Künftig sollen die Potenziale zur Flexibilisierung des Stromverbrauchs und damit zur Netzstabilisierung über einen Marktmechanismus erschlossen werden. Nach wie vor gibt es zwei Produktkategorien: sofort abschaltbare Lasten (SOL) und schnell abschaltbare Lasten (SNL). Allerdings sollen nun nicht mehr für jedes Produkt 1 500 MW Gesamtabschaltleistung ausgeschrieben werden, sondern jeweils nur noch 750 MW – und zwar wöchentlich statt monatlich. Ob dieser Kürzung gab es in der Industrie zwar keinen Aufschrei, die Wirtschaftsvereinigung Metalle hatte jedoch bereits Anfang dieses Jahres nach einem ersten Verordnungsentwurf darauf hingewiesen, dass bereits mehr als 900 MW schnell abschaltbare Lasten präqualifiziert seien. Eine Begrenzung der Kapazität würde dann jedenfalls keine Anreize setzen, um insgesamt mehr abschaltbare Lasten als heute zu mobilisieren. Der Verband sprach sich deshalb für die Beibehaltung eines Ausschreibungsvolumens von zwei Mal 1 500 MW aus.

Angesichts einer angebotenen Gesamtkapazität von derzeit rund 500 MW bei schnell abschaltbaren Lasten stellt sich jedoch die Frage, ob überhaupt mehr als 750 MW gebraucht werden.

Geringer wird wohl künftig nicht nur das Ausschreibungsvolumen ausfallen, sondern auch die Zahlung für die Bereitstellung der Leistung. Mehr Markt wünscht sich der Verordnungsgeber und will deshalb den bislang fixen Leistungspreis von 2 500 Euro/MW durch einen maximalen Leistungspreis von 500 Euro/MW ersetzen. Damit würde die jährliche Leistungsvergütung anstatt 30 000 Euro nur noch höchstens 26 000 Euro im Jahr betragen. Falls letztlich das Angebot die Nachfrage überstiege, würde sich bezüglich des Leistungspreises entsprechend eine Merit Order bilden und nur die günstigsten Anbieter erhielten einen Zuschlag. Gleichzeitig soll es eine Merit Order des Abrufs geben, mit einem wie bisher bei 400 Euro/Monat gedeckelten Arbeitspreis.

Während die abgesenkte Vergütung eher zur Einschränkung des Angebots führen könnte, würde eine Senkung der Mindestleistung von 50 MW auf 10 MW eher auf eine Verbreiterung des Angebots hinwirken. Ähnlich könnte sich auch die Vorgabe bemerkbar machen, nach der Verbraucher anbieten dürfen, die maximal über zwei Umspannungen mit der Höchstspannungsebene verbunden sind. Damit kämen gegebenenfalls auch Unternehmen an den unteren Mittelspannungsebenen als Marktteilnehmer in Frage.

Mit den Änderungen hat der Verordnungsgeber auf Kritik unter anderem der Bundesnetzagentur reagiert, die in einem Evaluierungsbericht vom September des vergangenen Jahres attestierte, das Ziel, bislang weitgehend ungenutzte Potenziale abschaltbarer Lasten für den Netzbetrieb zu erschließen, sei der Verordnung nur eingeschränkt gelungen. Gleichzeitig seien deutliche Rückwirkungen auf den Regelleistungsmarkt festzustellen. So hätten etwa Anbieter nach Inkrafttreten der AbLaV ihr Engagement im Regelleistungsmarkt deutlich zurückgefahren. Vor diesem Hintergrund hatten der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) und der Handelsverband Deutschland die AbLaV als „geradezu energiewendeschädlich“ bezeichnet und vor einer Kannibalisierung des Regelenergiemarkts gewarnt. Das dürfte jedoch bei sofort abschaltbaren Lasten kein Argument sein, denn diese werden durch Unterfrequenzauslösung mobilisiert und können innerhalb einer Sekunde vom Netz gehen. Ein entsprechendes Produkt gibt es im Regelleistungsmarkt nicht. Nur die Momentanreserve, bei der Frequenzänderungen durch die Trägheit der rotierenden Massen von Generatoren konventioneller Kraftwerke ausgeglichen werden, kann so kurzfristig wirksam werden.

Der aktuelle Verordnungsentwurf kann durchaus als Versuch einer Synchronisierung von Regelleistungsmarkt und abschaltbaren Lasten gesehen werden. Aus Anbieterkreisen ist jedoch zu hören, die klassischen Regelleistungsprodukte Primärregelleistung, Sekundärregelleistung und Minutenreserve seien grundsätzlich nicht industrietauglich, eine Harmonisierung der Instrumente und vor allem der Marktzugangsvoraussetzungen sei jedoch vorstellbar.

In ihrem letztjährigen Evaluierungsbericht zur AbLaV war die Bundesnetzagentur insgesamt zu dem Schluss gekommen, dass abschaltbare Lasten durchaus einen Beitrag zur Systemstabilisierung im Berichtszeitraum leisten konnten. Bei einer bedarfsgerechten Dimensionierung der Regelleistung sei jedoch ausreichend Kapazität zur Stabilisierung des Netzes vorhanden. Insofern seien abschaltbare Lasten zwar geeignet, aber nicht erforderlich gewesen.
 

Fritz Wilhelm
Stellvertretender Chefredakteur
+49 (0) 6007 9396075
eMail
facebook
© 2020 Energie & Management GmbH
Freitag, 10.06.2016, 13:57 Uhr

Mehr zum Thema