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Enerige & Management > Kohlekraftwerk - Neue EU-Schadstoff-Grenzwerte für mehr Gesundheit
Bild: Drägerwerk AG & Co. KGaA
KOHLEKRAFTWERK:
Neue EU-Schadstoff-Grenzwerte für mehr Gesundheit
Die EU will Ende April schärfere Emissionsstandards für Kraftwerke festlegen. Vom Votum der deutschen Regierung hängt ab, ob der Gesundheitsschutz für die Bürger verbessert wird.
 
Kohlekraftwerke stoßen nicht nur CO2 aus, das dem Klima schadet. Die Emissionen von Stickstoffoxiden (NOX) und Schwefeldioxid (SO2) sowie Feinstaub und Quecksilber sind gesundheitsschädlich und greifen vor allem die Atemwege an. Zwar ist der Verkehr der größte Emittent, doch stehen die Emissionen von Kohlekraftwerken europaweit an zweiter Stelle. Eine Analyse des Europäischen Umweltbüros, der Health & Environment Alliance (HEAL), Climate Action Network (CAN Europe), Sandbag und des WWF von 2016 kommt zu dem Ergebnis, dass Kohlekraftwerke in Europa jährlich etwa 23 000 vorzeitige Todesfälle verursachen.

Das müsste nicht sein, wenn neue, ambitionierte Grenzwerte für den Schadstoffausstoß verabschiedet würden. „Damit ließen sich europaweit täglich 56 Todesfälle vermeiden“, sagt Julia Glogolewska von HEAL. Vermieden werden könnten zudem zahlreiche Erkrankungen an Bronchitis, Asthma, vor allem bei Kindern, und Millionen durch Krankheit verlorene Arbeitstage sowie Dutzende Milliarden an Gesundheitskosten.

„Die Evolution hat Kraftwerke nicht vorgesehen“, beschreibt der Lungenspezialist Prof. Christian Witt von der Berliner Charité die Verletzbarkeit des menschlichen Organismus durch toxische Stoffe in der Atemluft. Und er stellt zudem aus ärztlicher Sicht klar: „Grenzwerte sind nur eine Krücke. Das Ziel ist, so gut wie gar nichts zu emittieren.“ Durch den Klimawandel werde die Gefährdung noch verschärft, so Witt. „Wir werden, weil die Luft trockener wird, ein größeres Schadstoffproblem kriegen“, sagt der Mediziner, der seit Jahren zu „Urban Heat“ forscht.

Moderne Technik ermöglicht starke Emissionsminderung

Maßgeblich für NOX, SO2 und Feinstaub ist die EU-Richtlinie für Industrieemissionen. Die besten verfügbaren Techniken sind in Merkblättern dazu beschrieben, für Großfeuerungsanlagen im sogenannten LCP BREF. Derzeit liegt der Grenzwert für NOX sowie für SO2 bei 200 mg/m3 Rauchgas, für Feinstaub bei 20 mg. Von der EU-Kommission vorgeschlagen sind nun 130 mg/m3 für SO2 und 175 mg für NOX sowie 8 mg/m3 für Feinstaub.

„Diese Vorgaben kommen wegen Verzögerungen durch Industrie und Mitgliedsstaaten, die strengere Standards ablehnen, mit fast dreijähriger Verspätung zur Abstimmung. Sie werden erst Mitte 2021 eingehalten werden müssen und entsprechen schon heute nicht dem, was Stand der Technik ist“, sagt Christian Schaible, Leiter Industriepolitik beim Europäischen Umweltbüro. Denn mit den besten verfügbaren Techniken (Katalysator) könnten die Stickoxid-Emissionen der Braunkohle-Kraftwerke bereits auf ein Drittel reduziert werden. „In den USA liegt man schon bei 66 Milligramm“, so Schaible. Bei Steinkohle-Kraftwerken sei der der Kat auch schon Deutschland Standard. Problem für die Braunkohle-Anlagen: Die Nachrüstung kostet: Für ein 600 MW-Kraftwerk etwa 80 Mio. Euro, schätzt der Experte.

Das wolle die Bundesregierung, auch mit dem Argument des Kohleausstiegs, den Braunkohle-Anlagen offenbar ersparen, kritisieren die Umweltorganisationen, und den Grenzwert von 175 mg/m3 Rauchgas für NOX ablehnen. Stattdessen werde ein Wert von 190 mg anvisiert, „weil die Braunkohle-Anlagen das noch schaffen“, sagt Tina Löffelsend, Leiterin nationale Klima-und Energiepolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz. Bei 175 mg müsste eine Reihe von Anlagen hingegen nachrüsten.

Auch Emissionen aus Nachbarländern kommen in Deutschland an

Das Bundesumweltministerium (BMUB) erklärte auf Anfrage, die 190 mg im Jahresmittel seien eine Empfehlung des Umweltbundesamtes, die Ressortabstimmung innerhalb der Bundesregierung laufe aber noch. Allerdings würden nun erstmals in der EU für alle Staaten Emissionsanforderungen an Großfeuerungsanlagen etabliert und einander angenähert und es sei „erklärtes Ziel des BMUB“, auch die Emissionen aus Kohlekraftwerken „deutlich zu reduzieren“.

Schaible rechnet damit, dass Bulgarien, Polen, Tschechien und Griechenland gegen die neuen Grenzwerte stimmen werden. Wegen der Stimmengewichtung komme es insbesondere auf Deutschland und Großbritannien an. „Wenn die Bundesregierung nicht zustimmt, ist das ganze Paket gefährdet“, verdeutlicht Löffelsend. Sie stellt klar: „Wir reden hier über die schmutzigsten Anlagen. Und es sind Ausnahmen von den Vorgaben möglich.“ Deutschland sei für die Hälfte aller europäischen Kohle-Emissionen verantwortlich, erläutert WWF-Klimaschutzexpertin Viviane Raddatz. Es sei aber selbst auch die Abgase von Kraftwerken aus den Nachbarländern betroffen, sagt Julia Glogolewska von HEAL. Umso wichtiger seien ambitionierte Grenzwerte auf EU-Ebene, um die Gesundheit der Bürger zu schützen.
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
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Dienstag, 04.04.2017, 17:28 Uhr

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