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Enerige & Management > Wasserstoff - Nationaler Wasserstoffrat als "Lernkurven-Produktionsmaschine"
Bild: Shutterstock, petrmalinak
WASSERSTOFF:
Nationaler Wasserstoffrat als "Lernkurven-Produktionsmaschine"
Eine erste Bilanz seiner Arbeit zog der Nationale Wasserstoffrat auf den Berliner Energietagen und nutzte die Gelegenheit, seine Positionen noch einmal zu verdeutlichen.
 
Die Aufgabe, die der Nationale Wasserstoffrat hat, stellte Dr. Felix Matthes als Sprecher des Rates gleich zu Beginn seines digital übertragenen Vortrags klar: "Der Nationale Wasserstoffrat ist natürlich keine Nebenregierung, sondern vielmehr eine Lernkurven-Produktionsmaschine". Räte wie der Nationale Wasserstoff (NWR) zwängen Leute in einen intensiven Dialog, die das sonst nicht machen würden.

Mit Vorschlägen und Handlungsempfehlung wolle der Rat den Staatssekretärsausschuss, der sich zentral mit dem Wasserstoffthema beschäftigt, beraten, so Matthes. Mit "aller gebotenen Objektivität" umriss er als Mitglied des Nationalen Wasserstoffrates das bislang Erreichte des Rates auf den Berliner Energietagen am 22. April.

Insgesamt sechs "Produkte" konnte der seit etwa einem halben Jahr bestehende NWR in seinem Plenum bereits beschließen, so Matthes. Mit Produkten subsumierte der beim Öko-Institut beschäftigte Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik die Stellungnahmen und Empfehlungen des Rates. Im Einzelnen waren dies:
  • die Stellungnahme zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft
  • die Stellungnahme zur Weiterentwicklung des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes
  • die Stellungnahme zur Umsetzung der RED II in nationales Recht
  • die Stellungnahme zur Frage der Infrastrukturentwicklung, insbesondere im Pipeline-Bereich (Maßnahme 20 der Nationalen Wasserstoffstrategie)
  • die Stellungnahme zum Wasserstoff für die Luftfahrt in Deutschland
  • die Empfehlung für eine Bottom-Up-Studie zu Pfadoptionen einer effizienten Dekarbonisierung des Wärmemarktes
Zwei Produkte sind laut Matthes aktuell "in der Pipeline" des NWR. Noch in dieser Legislaturperiode wolle der Rat sie veröffentlichen. Zum einen habe er eine Studie in Auftrag gegeben, die die inzwischen sehr unübersichtlich gewordene Studienlage im Wasserstoff-Bereich aufarbeiten soll. Diese Metastudie solle für eine gemeinsame Faktenbasis sorgen, auf der Kontroverses diskutiert werden könne, ohne erneut in Grundlagendebatten abzudriften.

Zum anderen arbeiten die 26 Expertinnen und Experten des NWR an einem programmatischen Grundlagendokument. Dieses soll die unterschiedlichen Positionen, die es im Wasserstoffrat gibt, konsolidieren. Dabei würden keine Gesetzesentwürfe entstehen, aber "wichtige Eckpunkte" dafür, was noch nicht in die Nationale Wasserstoffstrategie gegossen wurde.

Möglichst wenige unterschiedliche technische Grundlagen

Mit Blick auf die niedrigen Wasserstoffmengen, die Deutschland produziert werden können, bekräftigte Matthes die Empfehlung des NWR einen binneneuropäischen Wasserstoffmarkt mit EU-Partnerschaften anzuvisieren. Zur Erinnerung: Die Bundesregierung zielt bis 2030 auf eine jährliche inländische Produktion von grünem Wasserstoff von 14 Mrd. kWh ab, bei einem Gesamtbedarf von 90 bis 110 Mrd. kWh. "Wir wollen so wenig wie möglich unterschiedliche technische Grundlagen haben", erklärte Matthes. Exemplarisch nannte er die unterschiedlich in den Ländern geltenden Beimischungsquoten von Wasserstoff in Erdgasleitungen. 

Matthes bekräftigte die Empfehlung des NWR, den Strom zum Betrieb der Wasserelektrolyse von der EEG-Umlage zu befreien. Als Rückfalloption käme die Aufnahme in die besondere Ausgleichsregelung des EEG in Betracht, die allerdings in mehreren Punkten angepasst werden müsste, um Verzerrungen etwa zulasten kleinerer Elektrolyse-Betreiber zu verhindern. "Die Frage, wie grün der Wasserstoff ist, kann nur auf der Systemebene entscheiden werden, nicht auf der Anlagenebene", betonte Matthes. Der Bedarf, der zusätzlich durch Wasserelektrolyse ins System kommt, müsse gespiegelt werden durch einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien.

Definition des grünen Wasserstoffs im Spannungsfeld

Als große Herausforderung registriert der NWR in Sachen grüner Eigenschaft des Wasserstoffs den Handlungsbedarf, schnell ein Signal an den Markt zu geben. "Jedoch haben wir auch EU-Prozesse, in denen Ähnliches untersucht wird", erklärte Matthes. "Solange wir keine EU-Regelungen haben, sollten wir der Versuchung widerstehen, Regelungen zu erfinden, die den EU-Regelungen möglicherweise widersprechen". Eine Festlegung zu grünem Wasserstoff könne im deutschen EEG erst dann konsistent und zukunftsweisend erfolgen, wenn die europäischen Regeln feststehen. 

Matthes wiederholte außerdem die Empfehlung des NWR, Wasserstoff und seine Derivate im Luftverkehr umfassend zu berücksichtigen. Bei dem Einsatz des Wasserstoffs im Wärmesektor äußerte er sich zurückhaltender. "Die Wärmedebatte wird zum Teil zu pauschal geführt", betonte Matthes. Es gelte zum einen Gebäudewärme und Prozesswärme, zum anderen dezentrale und zentrale Wärmeerzeugung zu unterscheiden. Die Rolle von Wasserstoff in einem klimaneutral versorgten Wärmesektor müsse eine besonders große Vielzahl von Bewertungsaspekten einbeziehen.

Vor diesem Hintergrund will sich der NWR in einer Bottom-Up-Studie alternative Transformationspfade anschauen. Darin sollen regionale Strukturen und Netz-Topologien durchleuchtet werden. Das Ziel ist eine Roadmap für eine dekarbonisierten Wärmemarkt 2050, mit deren Erscheinen Matthes im Frühjahr 2022 rechnet. "Vorher sollten keine Grundsatzentscheidungen für oder gegen den Einsatz von Wasserstoff im Wärmemarkt getroffen werden."
 

Davina Spohn
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