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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - Nach Tiefstständen sind Höchststände gefragt
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
Nach Tiefstständen sind Höchststände gefragt
Von historisch niedrigen Füllständen bei den Erdgasspeichern in Deutschland war den Winter über mehrfach die Rede. Doch wie geht es jetzt weiter? Die Aktivitäten sind vielschichtig.
 
Von nie dagewesenen Tiefstständen bei den Speichern war schon ab Mai 2021 die Rede, von besorgniserregenden in den vergangenen Monaten. Die Hoffnung, dass die Temperaturen nicht zu sehr ins Minus rutschen, musste über den Winter reichen. Glück gehabt. Aktuell wird eingespeichert, die Füllstände kamen Mitte März schon wieder auf 25 %. Doch normal ist anders: In den vergangenen Jahren lag der Schnitt in diesem Zeitraum bei 45 %.

Wie geht es jetzt weiter vor dem Hintergrund der Unsicherheiten, die der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine mit sich bringt? Aktuell fließt viel Erdgas in die unterirdischen Lagerstätten. Es wurden sogenannte Long Time Options ausgeschrieben und dem Marktgebietsverantwortlichen (MGV) 1,5 Mrd. Euro zur Verfügung gestellt, um Anreize zur Absicherung des nächsten Winters zu schaffen. Aber auch mit Änderungen im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) will die Bundesregierung für volle Speicher sorgen. Sie schreibt folgende Füllstände vor:
  • 1. August: 65 %
  • 1. Oktober: 80 %
  • 1. Dezember: 90 %
  • 1. Februar: 40 %
Dabei sollen Betreiber von Gasspeichern verpflichtet werden, den Nutzern der Gasspeicher, die Kapazitäten gebucht haben, sie aber nicht wahrnehmen, diese zu entziehen. Die Kapazität soll in diesem Fall dem Marktgebietsverantwortlichen Trading Hub Europe (THE) zur Verfügung gestellt werden − wenn erkennbar ist, dass die vorgegebenen Füllstände nicht eingehalten werden.

Branche hält Eingriffe für nicht zielführend

Eine Regelung, die in der Branche für Missstimmung sorgt. Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), zu der sich die Speicherbetreiber zusammengeschlossen haben, kommentiert den Gesetzesvorschlag so: „Der vorgesehene gesetzliche Eingriff zur Vorgabe von Mindestfüllständen in Gasspeichern und der Entzug von gebuchten Kapazitäten stellt einen marktwirtschaftlichen Betrieb der Gasspeicher und vor allem das Ziel der gewünschten Mindestfüllstände grundsätzlich in Frage.“ Man nehme damit den Speicherkunden schlichtweg die Möglichkeit, kurzfristige Preisschwankungen zu nutzen, und werde am Ende das Gegenteil von vollen Speichern bewirken, erklärte er gegenüber E&M. Bleschke erwartet eher, dass es zu einem starken Rückgang der Speicherbuchungen käme.

Ines empfiehlt deshalb eine „Weiterentwicklung“ des geplanten Gesetzes. Die zentrale Idee: Der MGV solle dazu verpflichtet werden, die gewünschten Füllstände durch Ausschreibung sogenannter Strategic Storage Based Options (SSBO) sicherzustellen. Werden die vorgegebenen Mindestfüllstände trotz Nutzung der SSBO absehbar nicht erreicht, könnte der MGV selbst Gas beschaffen und nicht genutzte Kapazitäten zur Einspeicherung übernehmen. Bleschke: „Über eine Umlage der Kosten des MGV werden sämtliche Marktakteure finanziell in die Pflicht genommen. Es entstünde ein effizientes Solidarsystem zur Wintervorsorge.“

Doch auch wenn die Rahmenbedingungen irgendwann klar definiert sein sollten und eine gewisse Übereinstimmung hergestellt wäre, bleibt die Frage, ob und wie sich überhaupt genug Gas für das Befüllen der Lagerstätten beibringen lässt. Zumindest hier scheint es Konsens zu geben: Flüssigerdgas (LNG) wird entscheidend sein. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfachs (DVGW), erklärte gegenüber E&M: „LNG-Importe spielen eine zentrale Rolle. Die 27 europäischen Terminals waren im letzten Jahr zu 39 Prozent ausgelastet. Es gibt europaweit eine Regasifizierungskapazität von 247 Milliarden Kubikmetern.“

Hoffnungsträger LNG

Auch die Bundespolitik hat das Thema LNG in den Fokus genommen. In Brunsbüttel und Wilhelmshaven sollen Terminals errichtet werden. In Brunsbüttel wollen die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie die Energieunternehmen Gasunie und RWE zusammenarbeiten, wobei der Bund über die KfW einen Anteil von 50 % an dem Projekt übernimmt. Die Anlage soll für eine Regasifizierungskapazität von 8 Mrd. Kubikmeter im Jahr ausgelegt werden. Ein Terminal für grüne Energieimporte ist ebenfalls vorgesehen: Es soll ab 2026 jährlich rund 300.000 Tonnen Ammoniak als wettbewerbsfähigstes Wasserstoffdevirat an Land bringen.

In Wilhelmshaven wird ein ähnliches Vorhaben aus dem Boden gestampft. Alles zusammengenommen, so heißt es seitens der Bundesregierung, könnten 20 % des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland gedeckt werden. Gleichzeitig gibt es für den Standort Pläne für ein schwimmendes LNG-Terminal, das schon für den Winter 2023 startklar sein könnte. Auch von einem dritten Terminal ist die Rede und von Importmöglichkeiten von 25 Mrd. Kubikmetern allein in Wilhelmshaven. Was schon fast die Hälfte der Importe aus Russland ausmachen würde.
Der verstärkte Einsatz von Biomethan könnte darüber hinaus zur Abfederung von Versorgungsengpässen beitragen (Seite 7). Dazu, so fordert Linke, müsse in Deutschland ein ambitionierter Hochlauf organisiert werden. Ausreichendes Potenzial gebe es jedenfalls hierzulande. Anzustreben sei ein Zielwert von rund 8 Mrd. kWh jährlich in den Startjahren. Dies bedeute auch ein Umswitchen der stromerzeugenden Biogasanlagen in Einspeiseanlagen.

Der beschleunigte Hochlauf von Wasserstoff − Erzeugung, Transport und Verteilung hin zu den Anwendungen − ist für Linke ein weiterer Ansatzpunkt. Er sollte nach seiner Ansicht vorzugsweise entlang der bestehenden Lieferwege für Erdgas erfolgen. „Gemeinsam mit den Gasversorgern bereitet der DVGW bereits intensiv die Umstellung von Transport- und Verteilnetzen sowie Anwendungen auf Wasserstoff vor − Wasserstoff, der perspektivisch auch aus grünem Strom sowie biogenen Stoffen gewonnen werden kann und insbesondere in nicht zu elektrifizierenden Sektoren wie Wärme und Industrie Erdgas ersetzen wird.“

Sofortiger Gasstopp würde wohl nicht zu Engpässen führen

Trotz des Anteils von rund 55 % an der deutschen Gasversorgung sind sich Fachleute weitgehend einig, dass selbst ein sofortiger Stopp der Lieferungen aus Russland derzeit noch nicht zu Engpässen führen würde. Gleichzeitig laufen Verhandlungen mit anderen Lieferanten wie Norwegen und den Niederlanden auf Hochtouren, um deren Kontingente zu erhöhen. Bundeswirtschaftsminister Roland Habeck (Grüne) hat eine langfristige Energiepartnerschaft mit Katar vereinbart, die über LNG-Lieferungen hinaus eine Kooperation bei erneuerbaren Energien umfasst. Mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ist eine Zusammenarbeit bei grünem Wasserstoff geplant.

Aurora Energy Research hält es für möglich, dass selbst ganz Europa den nächsten Winter ohne Erdgas aus Russland überstehen würde. Möglichst volle Speicher bis dahin seien allerdings erforderlich. Was keine billige Angelegenheit werden dürfte: Um auf 90 % zu kommen, rechnen Analysten des Beratungsunternehmens EU-weit mit Kosten von 60 bis 100 Mrd. Euro. Starke staatliche Eingriffe seien erforderlich. 

Auch Vorbereitungen für den schlimmsten Fall sind im Gange. Sollte es zu einem lang anhaltenden Versorgungstopp aus Russland über den Sommer und bis in den nächsten Winter 2022/2023 kommen, könnten zumindest die geschützten Kunden − das sind die Letztverbraucher − weiter versorgt werden, ist man beim DVGW überzeugt. Wen man beliefert, wenn das Gas knapp wird, steht also fest: Haushaltskunden haben Vorrang. Also träfe eine Drosselung Industrieunternehmen. Welche, darüber hat die Bundesnetzagentur bereits Gespräche geführt: mit Ministerien, Verbänden und offenbar auch schon mit einzelnen Firmen.
 
Kavernenspeicher im niedersächsischen Harsefeld
Quelle: Storengy

 
 

Günter Drewnitzky
Redakteur
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Freitag, 08.04.2022, 08:53 Uhr

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