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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Print-Ausgabe - Na dann, gute Nacht
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN PRINT-AUSGABE:
Na dann, gute Nacht
In Deutschland gehen Lichter aus, nämlich Blinklichter bestimmter Windräder. Wenn sich ihnen Flugzeuge nähern, müssen sie wieder aufblinken. Das ist die „BNK“ – ein Markt im Rückstau.
 
 
Der erste Windpark, dem die Windenergie und Flugsicherheit GmbH das Nachtblinken abgewöhnt hat: Quarnbek in Schleswig-Holstein mit drei Windrädern am Abend des 23. Septembers 2021
Quelle: Tom-Niklas Wegner

An Weihnachten 2021 werden 19,5 Mrd. Lämpchen deutsche Haushalte erhellen − 0,7 Mrd. mehr als 2020, hat der Grünenergievertrieb Lichtblick in seiner jährlichen Yougov-Umfrage ermittelt. Im Gegenzug werden einige wenige rote Riesenlampen nachts dunkel bleiben. Für fast immer. Sie sind nicht in Vorgärten oder an Balkonen angebracht, sondern auf der Gondel und am Turm von Windrädern, die mindestens 100 Meter hoch sind oder nahe an Flugplätzen liegen. Sie blinkten als letzte Warnung an Flugzeug- und Hubschrauberpiloten und -pilotinnen, dass sie sich einem Hindernis nähern, einem Hindernis, das, wenn es neu ist, im Schnitt 207 Meter in den Luftraum ragt, hat die Deutsche Windguard ermittelt.

Sie blinken dann nur noch, wenn sich ihnen Flugzeuge oder Helikopter auf vier Kilometer nähern, und schalten danach wieder ab. In mindestens 95 % der Nacht kommt kein Silbervogel vorbei. Die Lichtverschmutzung ist Geschichte, genauso die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und der gestörte Schlaf der Nachbarn. Das sah gerade der Bundesverband Windenergie (BWE) so und forderte noch 2015, als die ersten solchen „bedarfsgerechten Nachtkennzeichnungen“ (BNK) in Betrieb gingen, deren flächendeckende Einführung bei Neuanlagen. Er lehnte bloß eine Pflicht ab.

Der Bund griff die Forderung nach BNK aus verschiedenen Lobbys auf und verankerte sie im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2017 erstmals. Die Anschaltsysteme wurden zur Voraussetzung, um weiter die EEG-Marktprämie zu bekommen, die die Differenz zwischen den tatsächlichen Spotmarkterlösen in der Direktvermarktung und den Fördersätzen ausgleicht. Diese Regel bezog auch den Bestand ein; dessen Betreiber bekamen nur ein Jahr länger Zeit, bis Anfang 2021.

Zwischenzeitlich öffnete sich aber das Wirtschaftsministerium (BMWi) den Forderungen der Windbranche, auch die Transponder-BNK anzuerkennen, die die Transpondersignale von Flugobjekten empfängt. Die war mit 30.000 Euro billiger als der damals übliche Aktivradar für 100.000 Euro pro Windpark.

Doch es dauerte neun Monate, bis das Verkehrsministerium (BMVI) die „Allgemeine Verwaltungsvorschrift zur Kennzeichnung von Luftfahrthindernissen“ (AVV) für Transponder-BNK öffnete. Kurz danach hätten wenigstens die neuen Windmühlen schon BNK haben müssen. Aktivradar erschien zu teuer und bei der Transpondertechnologie waren weder die Genehmigungsverfahren bei den Landesluftfahrtbehörden und der Deutschen Flugsicherung eingespielt noch bei den immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsbehörden der Länder, die bei jeder BNK mitzureden haben. Neue Baumusterprüfstellen mussten erst mal zertifiziert werden.

Die neuen Anbieter brauchten von den Windturbinenherstellern IT-Schnittstellen zur Befeuerung, mussten sich Luftfahrttechnik-Know-how besorgen, die Produktion hochfahren und, und, und − die Bundesnetazgentur hatte ein Einsehen und verschob die Umsetzungsfrist zweimal, zuletzt im November 2020. Damals waren erst 1.400 der 29.000 Windräder auf dem deutschen Festland umgerüstet. 13.000 hatten es noch vor sich, die anderen brauchten keine BNK. Seitdem gilt: Onshore-Windräder müssen nun für die Marktprämie vom 1. Januar 2023 an abdunkeln, Offshore-Mühlen ein Jahr später.

„Es ist nicht davon auszugehen, dass es noch mal eine Verlängerung gibt“, warnt Ingo Lange. Der Geschäftsführer des Windparkentwicklers, Betreibers und Zulieferers Protea Energy kann sich allenfalls vorstellen, dass die Bundesnetazgentur letztlich die Marktprämie schon durchwinkt, wenn der immissionsschutzrechtliche BNK-Antrag gestellt ist. Die Behörde jedenfalls sieht keine Veranlassung zu irgendetwas, teilte sie im Juli E&M mit.

„Im Prinzip müssten sich alle Windmüller bis Ostern 2022 für einen BNK-Anbieter entschieden haben“, schätzt Lange. Für ihn ist es jetzt schon sicher, dass nicht alle in Frage kommenden Gondeln rechtzeitig in die Verdunklung gehen. Er selbst ist mit der Tochtergesellschaft Protea Tech zum BNK-Anbieter geworden, nachdem er von den Etablierten die Angebote für seine eigenen acht Windräder gesehen hatte. Protea Tech sei mittlerweile gut ausgelastet, sagt Lange E&M: „Jetzt erteilt uns jeden Tag einer einen Auftrag. Als wir frisch die Baumusterprüfung hatten, passierte erst mal nichts“ (zu den Anbietern siehe Kasten).
 
Der Auftragsbestand des BNK-Anbieters Lanthan Safe Sky hat sich in den jüngsten zwölf Monaten „etwa verachtfacht“, erklärt Geschäftsführer Mitja Klatt
Quelle: Lanthan Safe Sky

Beim selbsterklärten Transponder-BNK-Marktführer Lanthan Safe Sky hat sich die Auftragspipeline im rollierenden Jahr „etwa verachtfacht“, erklärte Geschäftsführer Mitja Klatt im November gegenüber E&M. Und Thomas Herrholz, Geschäftsführer der Enertrag-Tochter Dark Sky sagt: „Bereits heute liegen die Installationstermine in Q3/Q4 2022.“ Die Bereitstellung der BNK-Schnittstellen durch die Windturbinenhersteller werde sich als der „Flaschenhals“ erweisen. Vor einem Jahr habe Dark Sky noch keinen Transponder-BNK-Auftrag gehabt, nun reiche der Auftragsvorlauf „etwa bis Mitte 2022“. Die BNK-Anbieter arbeiten jetzt schon am Anschlag.

Ein gewisses Verständnis für die Zurückhaltung vieler anderer Windparkbetreiber hat Protea Techs Ingo Lange: Sie seien schon von ihrem Tagesgeschäft absorbiert und beschäftigten sich eher mit der Umsetzung des regulatorisch brisanteren Redispatch 2.0. Ebenso die Serviceunternehmen, die im Auftrag der BNK-Anbieter Sensoren an jeder Gondel oder zentral an erhöhten Punkten im Gelände oder an Mobilfunkmasten anbringen und VPN-Tunnels auf 3 bis 5 Gigabyte pro Tag aufrüsten müssen.
 
„Vom Hocker gefallen“ ist Ingo Lange − hier vor einem seiner acht Windräder − nach eigenen Angaben, als er die Angebote der etablierten Anbieter bedarfsgerechter Nachtkennzeichnungen (BNK) las. Der Geschäftsführer des Windparkentwicklers Protea Energy gründete kurzerhand einen eigenen BNK-Anbieter: Protea Tech
Quelle: Protea
 
Doch es sei auch mit Post-Corona-Lieferschwierigkeiten zu rechnen, da BNK-Steuerungen selbstverständlich Halbleiter und Kunststoffgranulate benötigen. Die Preise hätten schon angezogen. Lange: „Vor zwölf Monaten hätten Windparkbetreiber wohl die Hälfte gezahlt.“ Der Protea-Tech-Chef verrät, was er insgesamt verlangt: 10.000 Euro für einen Windpark aus einem bis 27 Windrädern. Das spielt keine Rolle, weil bei der von ihm angewendeten „zentralen Multilateration“ ein Empfänger für 40 Kilometer Umkreis reicht. Maximal koste seine BNK 25.000 Euro, jeweils ohne eine neue Befeuerung, die er selbst nicht anbietet, aber auch nicht für zwingend notwendig hält. Der Service(O&M)-Vertrag schlage mit etwa 100 Euro pro Windrad und Monat zu Buche.

Wie viele BNK umgesetzt sind, das ist eine Blackbox. Die Lage sieht eher düster aus, wie von E&M eingeholte Angaben aus den vier windleistungsstärksten Ländern nahelegen: In Niedersachsen waren bis Oktober nur 144 BNK genehmigt, weitere 143 Anträge lagen der Landesluftfahrtbehörde vor. Bei 93 fehlte noch die standortbezogene Prüfung. Die Fachagentur Windenergie an Land geht aber davon aus, dass in dem Land 3.340 Windenergieanlagen eine BNK brauchen.

Nicht besser in Schleswig-Holstein, das je nach Statistik insgesamt 3.000 bis 3.600 Windenergieanlagen hat: Von 2018 bis 2020 hatte die dortige Luftfahrtbehörde für nur 69 Windräder BNK freigegeben, 2021 bis Oktober für weitere 121. Sieben Anträge wurden noch geprüft.

Das Land ist übrigens das einzige der 16, dem eine reine Anzeige bei der Immissionsschutzbehörde nicht ausreicht. Das von dem Grünen Jan Philipp Albrecht geführte Energiewendeministerium ordnete Ende 2020 in einem drei Seiten langen Brief an das zuständige Landesamt LLUR an, dass die Änderungsgenehmigungen beibehalten werden müssten. Protea Tech hat die 16 unterschiedlichen BNK-Länderverfahren auf ihrer Website dargestellt (bnk-wind.de/bnk-verfahrensablauf).

Der Flickenteppich der Länder verteuert so länderübergreifende Umstellungen.
Weder die Luftfahrtbehörden in NRW noch in Brandenburg konnten Genehmigungszahlen liefern. Die Gemeinsame Obere Luftfahrtbehörde Berlin-Brandenburg entschuldigte sich mit „verringertem Personalbestand (...), der (...) mit (...) BNK voll ausgelastet ist“. Sechs Anträge habe man vorläufig abgelehnt − das weiß man immerhin.

Der Rückstand bei der BNK im Januar 2023 ist also absehbar. Erzielt direkt vermarkteter Windstrom dann auch noch ähnlich hohe Spotmarktpreise von grob 11 Cent pro kWh wie diesen September und Oktober, dann können Betreiber ohne BNK auf den Verlust der Marktprämie pfeifen (Näheres siehe Seiten 64 bis 66). Es würde halt die Akzeptanz der Windkraft heben, wenn in der Republik bald mehr Lichter ausgingen.

Und weltweit. Die regulierte BNK ist bisher ein rein deutsches Thema. Sie entwickelt sich aber zum Exportartikel: Lanthan Safe Sky hat im November den ersten holländischen Windpark abgedunkelt. Dark Sky plant ebenfalls eine Expansion ins Ausland. Ingo Lange von Protea sagt: „BNK wird auch in Frankreich, Österreich, Schweden und den USA zum Standard.“ Na, dann bonne nuit! Gut's Nachterl! God
natt! Good night!

Von Windturbinenbauern unabhängige Hersteller bedarfsgerechter Nachtkennzeichnung (BNK)
Quelle: E&M-Abfrage, Unternehmens-Websites, eigene Recherchen
 
Unternehmen Sitz Technologie Luftfahrtexpertise von? standortbezogene Nachweise Windräder live Projektpipeline
Dark Sky (Enertrag-Tochter) Neubrandenburg MV Aktivradar, Transponder   Radar: Brandenburg, Schleswig-Holstein.
Transponder: Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, NRW
Radar 120 in Schleswig-Holstein + Brandenburg + 150 im Widerspruchsverfahren in Brandenburg; Transponder 7 in Schleswig Holstein + Mecklenburg-Vorpommern Auftragsvorlauf bis Mitte 2022
Deutsche Windtechnik Bremen HB Transponder Funke Avionics     zuletzt Juni 2021 Zuschlag der EWE über 110 Anlagen
Lanthan Safe Sky Walldorf BW Transponder Garrecht Avionik („Air Avionics“) >50 in allen Ländern „kurz vor Genehmigung“ 6, bis Ende 2021 <12 >100 Kunden, tausende Anlagen unter Vertrag, Genehmigungen in >10 Ländern
Parasol (Dirkshof-Tochter) Reußenköge SH Passivradar Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik (FHR)     zuletzt September 2021 Vertrag mit Energiepark Schlei-Ostsee
Protea Tech (Protea-Energy-Tochter) Filderstadt BW Transponder Sero Systems in vier Ländern; Windparks für Quadra Energy umgerüstet 1 Vertrag mit Energiekontor über alle Bestands- und Neuanlagen
Quantec Sensors Isernhagen NS Aktivradar
(Schwesterfirma Lightguard: Transponder)
Radar: Terma A/S     Oktober 2021 Zuschlag der EnBW über ihre 200 Bestandsanlagen
Windenergie und Flugsicherheit (WuF) Sehestedt SH Transponder Unternehmensgründer war Bundeswehrfluglotse; Jetvision   3 (Windpark Quarnbek, Schleswig-Holstein, seit September 2021) u. a. Vertrag mit Projektierer Denker & Wulf über 450 Anlagen
 

Georg Eble
Redakteur
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Mittwoch, 01.12.2021, 18:56 Uhr

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