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Enerige & Management > IT - Mehr als nur Datensammler
Bild: itestroorig / Fotolia
IT:
Mehr als nur Datensammler
Mit dem Internet der Dinge eröffnen sich für Energieversorger neue Geschäftsmodelle − für die Pfalzwerke auch jenseits der angestammten Branche.
 
Zum Landschaftsbild der Pfalz gehören Weinberge. Das wissen nicht nur die Kenner des Rebensaftes. Dass aber ein Energieversorger sein Geschäftsmodell auf die Hänge ausdehnt, an denen der Riesling gedeiht, ist auf den ersten Blick eher ungewöhnlich. Auf den zweiten Blick ist die Kooperation mit dem Weingut Sankt Annaberg in Burrweiler südöstlich von Kaiserslautern ein durchaus logischer Schritt für die Pfalzwerke.
 
Sensoren im Weinberg können Daten über Temperatur, Niederschlag und Blattfeuchte liefern
Bild: Pfalzwerke

„Wir haben ein sehr flächiges Netzgebiet“, sagt Christoph Raquet. Es beträgt rund 6.000 Quadratkilometer. „Davon haben wir 90 Prozent mit Lorawan erschlossen“, so der Leiter Technologie und Innovation bei der Pfalzwerke AG. Angesichts dieser weitreichenden Abdeckung ist es möglich, Sensoren auch dorthin zu bringen, wo weder andere Kommunikationsnetze noch Stromanschlüsse verfügbar sind. Die Technologie des Long Range Wide Area Network − dafür steht das Akronym „LoRaWAN“ – macht es möglich.

„Der Winzer kann nun in seinen Weinbergen eine Reihe von Parametern überwachen, die den Zustand der Reben beeinflussen“, erklärt Raquet. Dazu gehören die Niederschläge, die Blattfeuchte und natürlich die Temperatur. Es ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, wie sich Energieversorger dank Lorawan neue Geschäftsmodelle erschließen können.

Eine Plattform schafft Mehrwert

So mancher Kunde betritt Neuland, wenn er sich mit Raquet und seinen Kollegen über die Möglichkeiten der noch relativ neuen Technologie unterhält. „Deshalb ist es auch ein sehr beratungsintensives Thema“, sagt Marc Bredenwischer, der den Vertrieb bei der Pfalzwerke Netz AG leitet. Er macht immer wieder die Erfahrung, dass die Kunden − vor allem Kommunen, aber auch Gewerbe- und Industrieunternehmen − bei den ersten Gesprächen noch gar nicht abschätzen können, wie mächtig das Instrument eigentlich ist. Sie kommen häufig mit einer mehr oder weniger konkreten Idee, wo Sensorik eingesetzt werden könnte. Am Ende erstrecke sich die Zusammenarbeit dann nicht selten auf zwei, drei oder noch mehr Anwendungsfälle. Bredenwischer zieht ein Beispiel aus dem Nähkästchen, das zeigt, wie weit die Pfalzwerke derzeit über den üblichen Horizont eines Versorgers hinausblicken: „Eine Kommune wollte zunächst nur die Füllstände von Müllbehältern messen lassen. Jetzt ermitteln wir noch die Zahl der Wanderer auf dem Wegenetz um die Gemeinde.“

Im Gespräch mit Raquet und Bredenwischer taucht immer wieder der Begriff „Mehrwert“ auf. „Wir wollen nicht nur Datensammler sein, sondern Enabler“, bringt Raquet die Grundausrichtung des Geschäftsmodells auf den Punkt. Der eigentliche Mehrwert für den Kunden werde geschaffen, wenn die Daten über eine Plattform aggregiert, integriert, weiterverarbeitet und übersichtlich auf einem Dashboard dargestellt werden. Und eine solche Plattform haben die Pfalzwerke aufgebaut. Der Energieversorger bewirbt sie unter der Bezeichnung „IoTista“ und richtet sich damit an Kommunen, Gewerbe und Industrie sowie Ver- und Entsorger.

Bei einem kommunal geprägten Unternehmen wie den Pfalzwerken ist es naheliegend, dass es für die Gemeinden aus dem Kreis der Anteilseigner eine der ersten Anlaufstellen ist, wenn es um die Nutzung leitungsgebundener Technik geht. In der Industrie sind Energieversorger mittlerweile ebenfalls als Problemlöser über die reine Energieversorgung hinaus geschätzt. Dass auch Netzbetreiber bei der Digitalisierung ihrer Infrastruktur die Dienste eines anderen Energieunternehmens in Anspruch nehmen, mag auf den ersten Blick verwundern. Bredenwischer hält das jedoch für sehr naheliegend. „Zum einen sind wir für eine Reihe von Stadtwerken der vorgelagerte Netzbetreiber und stehen ohnehin in engem Austausch mit ihnen“, sagt der Leiter des Netzvertriebs. „Außerdem haben wir eine langjährige Erfahrung mit Datennetzen.“ Viele, vor allem kleinere Stadtwerke, hätten einfach nicht die Ressourcen, ausreichend Sensorik in ihr Niederspannungsnetz zu bringen und in eine Plattform zu integrieren, um es effektiv überwachen und steuern zu können.

Die Annahme, dass auch kleine Unternehmen in der Lage sein müssten, ihr Netz selbstständig zu betreiben, sei zwar berechtigt. Es gebe aber noch erhebliche Lücken, die mit herkömmlicher Technologie kaum zu schließen seien. Statt Messungen an allen Trafostationen vorzunehmen, sei dies bisher nur an relevanten Knotenpunkten üblich gewesen. Die Lorawan-Technologie erlaube es nun, alle Stationen mit Sensorik auszustatten − mit relativ geringem Aufwand und relativ geringen Kosten. Das ist auch vor dem Hintergrund des neuen Redispatch-Regimes von Bedeutung, das künftig Maßnahmen zur Vermeidung von Netzengpässen stärker auf Prognosen stützt und kleinere Anlagen in den Werkzeugkasten mit einbezieht. „Und außerdem setzen wir Sensorik ein, die uns zusätzliche Informationen gibt, beispielsweise für eine vorausschauende Wartung“, ergänzt Bredenwischer.

Sensorik auch für vorausschauende Wartung

Lorawan, das ist den Pfalzwerke-Spezialisten wichtig zu betonen, ist sicherlich eine sehr prominente, aber nur eine von verschiedenen möglichen Technologien zur Datenübertragung. Und selbstverständlich, wenn es darum geht, Informationen über den Netzzustand zu bekommen, werden in Zukunft die intelligenten Messsystemen mit ihren zertifizierten Smart Meter Gateways eine zentrale Rolle spielen, wie es sich die Mütter und Väter des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende vorgestellt haben.

Dennoch glauben Bredenwischer und Raquet an eine langfristige Koexistenz von intelligenten Messsystemen und „alternativen“ Technologien wie Lorawan. „Aber natürlich bereiten wir uns mit IoTista darauf vor, Daten, die über das Smart Meter Gateway gesendet werden, zu integrieren und mit anderen Netzinformationen zu verknüpfen“, sagt Raquet. Entsprechende Tests mit Netzkunden seien bereits am Laufen. Der Bedarf der Kommunen und Industrie sei derzeit jedoch bei den datenbasierten Anwendungsfällen am größten, die ohne intelligente Messsysteme auskommen beziehungsweise aus regulatorischer Sicht ohne ein Smart Meter Gateway umgesetzt werden dürfen: Parkplatzüberwachung, CO2-Monitoring und Lüftungskonzepte in Schulen, betriebliches Energiemanagement oder die Überwachung von Wärmenetzen.

Wenn auch in der Regel nur im Zusammenhang mit den intelligenten Messsystemen von Datensicherheit und Zertifizierung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gesprochen wird, wird Lorawan keineswegs im „luftleeren Raum“ installiert, wie sich Bredenwischer ausdrückt. „Mit dem hausinternen Know-how aus dem Betrieb der Netzleitwarte und eigener IKT-Infrastruktur unserer Telekommunikationstochter setzen wir die Sicherheitsanforderungen der unterschiedlichen Anwendungen in unserer IoTista-Lösung um, auch wenn die Datensicherheit kaum ein Thema bei Akquisegesprächen darstellt“, sagt der Netz-Vertriebsleiter.

Offensichtlich ist eine Unternehmensgruppe, die einen Energieversorger, einen Betreiber von Nieder-, Mittel- und Hochspannungsnetzen sowie einen Telekommunikationsanbieter unter einem Dach vereint, mit reichlich Vertrauen der Kunden gesegnet. E&M
IoT – Ein weites FeldDie IoT-Plattform der Pfalzwerke ermöglicht in Corona-Zeiten eine besondere Dienstleistung für Kommunen: das CO2-Monitoring und die Überwachung des Raumklimas in Schulen. Für die Grundschule der Gemeinde Gersheim hat die Pfalzwerke Netz AG ein datenbasiertes Corona-konformes Lüftungskonzept entwickelt, das gleichzeitig hilft, Energiekosten einzusparen. Außerdem hat der IoT-Dienstleister das Energiemonitoring in den Liegenschaften der Gemeinde übernommen.

Mit den Stadtwerken Bad Bergzabern haben die Pfalzwerke die Fernauslese der Wärmemengenzähler des Schulzentrums und eines Nahwärmenetzes bereits umgesetzt. Gleichzeitig lassen sich auch Störungen im Netzbetrieb erkennen. Weitere Anwendungsfälle sind in der Umsetzung: Fernauslese von Wasserzählern, Überwachung eines Verteilnetzes und digitale Störmeldung für Heizkessel.
Neben einer Reihe externer Kunden nutzt auch die Pfalzwerke AG selbst die IoT-Plattform der Netz-Tochter − für die automatisierte und digitale Abrechnung mehrerer Nahwärmenetze. Der Überblick über die Belegung von Parkplätzen an Ladesäulen mit tatsächlich ladenden Fahrzeugen ist als weiterer Anwendungsfall pilotiert. 
 

Fritz Wilhelm
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Dienstag, 09.03.2021, 09:34 Uhr

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