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Enerige & Management > IT - Licht und Schatten bei der Digitalisierung
Bild: Fotolia, Nmedia
IT:
Licht und Schatten bei der Digitalisierung
Das Bundeswirtschaftsministerium hat ohne große Begleitmusik das aktuelle Digitalisierungsbarometer veröffentlicht. Neben sonnigen Abschnitten gibt es auch dunkle Wolken.
 
Mit rund fünf Monaten Verspätung hat das Bundeswirtschaftsministerium das diesjährige Digitalisierungsbarometer für 2020 veröffentlicht, das die Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young erstellt hat. Durch den späten Erscheinungstermin haben nun auch einige aktuelle Entwicklungen Eingang gefunden, die 2021 für Aufsehen gesorgt haben.

Die Entscheidung der Bundesnetzagentur am 9. März dieses Jahres, nach einem Ausschreibungsverfahren der 450 Connect GmbH den Zuschlag zu geben und damit einem 450-MHz-Netz für die Energiewirtschaft den Weg zu ebnen, sehen die Autoren des Barometers sowohl aus technischer als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht positiv.

„Diese Entscheidung kann, was die langfristige Digitalisierung der Branche angeht, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, sagt Mathias Kaniut, Direktor Digitale Infrastruktur Energiewirtschaft bei Ernst & Young, im Gespräch mit der Redaktion. Die Branche hat damit zum einen eine ideale Grundlage für die Kommunikation in Smart Grids etwa durch die Anbindung von intelligenten Messsystemen. Zum anderen wird sie über eine schwarzfallfeste Funklösung in Krisensituationen verfügen.

Positiv ist den Beratern auch der weiterhin zügige Rollout sogenannter moderner Messeinrichtungen aufgefallen. Waren es 2019 noch 2,5 Mio. verbaute Einheiten, schlagen für 2020 insgesamt 5,8 Mio. Geräte zu Buche, was rund 11 % des Bestands entspricht. Damit haben die grundzuständigen Messstellenbetreiber ihre gesetzliche Rollout-Pflicht, die eine Quote von 10 % bis zum 1. Juli 2020 vorschreibt, insgesamt erreicht. Und auch bei individueller Betrachtung habe die Bundesnetzagentur keine säumigen Unternehmen festgestellt, heißt es im Barometer.
 
Masterplan „Digitalisierung der Energiewende“ vorgeschlagen
 
Für Euphorie gibt es allerdings keinen Anlass. Denn die neuen Geräte sind „nur“ digitale Zähler, die per se nicht intelligent sind. Das werden sie erst durch Zusatzgeräte und -dienste. Zwar haben verschiedene Stadtwerke und Metering-Dienstleister bereits Module entwickelt, um Mehrwerte auf Basis der modernen Messeinrichtungen zu ermöglichen. Ob die Endkunden dies jedoch auch honorieren, wird derzeit noch in Pilotprojekten untersucht. Skepsis ist angebracht. Denn erfahrungsgemäß nehmen Endkunden angebotene Verbrauchstransparenzfunktionen nur selten in Anspruch und haben grundsätzlich nur verhaltenes Interesse an den digitalen Zählern und Zusatzdiensten. Dies ergab eine Umfrage der Barometer-Autoren unter Messstellenbetreibern aus den Reihen der kommunalen Unternehmen.

Mehr öffentliche Aufmerksamkeit wird dagegen den intelligenten Messsystemen zuteil. Deren Rollout hat Anfang 2020 offiziell begonnen und ist auch nicht allzu sehr durch die Corona-Pandemie ins Stocken geraten. Kaniut und seine Kollegen hatten zunächst erwartet, dass die Bestandsaufnahme für 2020 ein „reines Covid-Barometer“ werden würde. Doch weit gefehlt: „Die Pandemie hatte auf den Fortschritt der Digitalisierung in der Energiewirtschaft allenfalls im Frühjahr des vergangenen Jahres einen spürbaren Einfluss“, sagt er.

Für mehr Verunsicherung im Markt hat der Eilbeschluss des Oberverwaltungsgerichts (OVG) für Nordrhein-Westfalen in Münster vom 4. März 2021 gesorgt. Dieser hatte dazu geführt, dass für einige Messstellenbetreiber die Pflicht zum Rollout intelligenter Messsysteme ausgesetzt wurde. Vor diesem Hintergrund zeige sich deutlich der Handlungsbedarf bei der rechtssicheren Umsetzung der regulatorischen Vorgaben. Allerdings erscheint den Barometer-Autoren das Zeitfenster bis zum Ende der Legislaturperiode für eine kurzfristige Änderung des Rechtsrahmens sehr klein, auch wenn das BMWi bereits eine Anpassung des Messstellenbetriebsgesetzes in die laufende EEG-Novelle eingebracht hat.

Eine andere Baustelle: Die Ausgestaltung des § 14a EnWG. Sie soll die Nutzung steuerbarer Verbrauchseinrichtungen für die Stabilisierung der Netze regeln und damit beispielsweise die Grundlage für eine Reihe digitaler Geschäftsmodelle rund um die Elektromobilität schaffen. Das von der Beratungsgesellschaft BET dafür entwickelte Konzept der Spitzenglättung hatte bereits Eingang in den entsprechenden Verordnungsentwurf gefunden, wurde dann vom BMWi aber wieder zurückgezogen – mutmaßlich nach Intervention der Automobilwirtschaft.
 
Neue Kosten-Nutzen-Analyse für 2023 avisiert
 
„Es ist ein gutes Modell, vor allem verursachergerecht“, erläutert Kaniut und berichtet von einem grundsätzlichen Konsens aller Beteiligten auf der Arbeitsebene, die im Beirat des Digitalisierungsbarometers die Spitzenglättung diskutiert haben. „Dann haben wir es aber nicht geschafft, das große Ganze auf die Entscheiderebene zu transportieren“, merkt er selbstkritisch an. Dennoch müsse bei diesem Thema und anderen Fragen im nächsten Barometer ein Fortschritt im Rechtsrahmen erkennbar sein. Das sei für die Verkehrs-, aber auch die Wärmewende von entscheidender Bedeutung.

Um künftig zu vermeiden, dass trotz intensiver Abstimmung letztlich doch Ressort- und Sektorinteressen wichtige Entscheidungen blockieren, schlagen Kaniut und seine Kollegen einen „Masterplan Digitalisierung der Energiewende“ vor. „Es gibt bisher noch keine Gesamtübersicht zu den Zielsetzungen der Energiewende, deren Notwendigkeit und das Zusammenspiel einzelner Maßnahmenbündel. Eine ganzheitliche ‚Digitalisierungskarte‘ könnte das leisten“, sagt der EY-Manager. Notwendigkeiten aufzuzeigen, eher als Konsequenzen – das wäre aus seiner Sicht verständnisfördernd.

Ursprünglich sollten bis 2021 jährliche Digitalisierungsbarometer den Fortschritt dokumentieren. Angesichts der aktuellen Gesamtbewertung mit 44 von 100 Punkten erscheint die geplante Verlängerung der Reihe bis zum Berichtsjahr 2022 als logische Konsequenz. Den Abschluss soll dann 2023 eine neue Kosten-Nutzen-Analyse zur Smart-Meter-Infrastruktur aus Verbrauchersicht bilden.
 
 

Fritz Wilhelm
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