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Enerige & Management > Interview - Kuhlmann: "Ich sehe die dena als Agentur für angewandte Energiewende"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Kuhlmann: "Ich sehe die dena als Agentur für angewandte Energiewende"
Andreas Kuhlmann ist seit Juli 2015 Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (dena). E&M sprach mit ihm über die neue Ausrichtung der Dena-Energiewende-Arbeit.
 
E&M: Herr Kuhlmann, Sie wollen die dena neu aufstellen. Warum und wie?

Kuhlmann: Die Dena muss sich nicht neu erfinden. Aber: Die Energiewende schreitet voran, Herausforderungen ändern sich und insofern ist auch der Wechsel in der Geschäftsführung eine Gelegenheit, neue Akzente zu setzen. Ich sehe die dena vor allem als „Agentur für angewandte Energiewende“.

E&M: Was heißt das genau?

Kuhlmann: Statt nur über die Probleme, sollten wir wieder mehr über die Möglichkeiten und Potenziale, über Lösungsansätze und das Gelingen von Projekten reden. Innovationen und die Kopplung verschiedener Bereiche stehen im Vordergrund. Dazu dienen unsere Plattformen, etwa zu Power-to-Gas oder Systemdienstleistungen, oder die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz. Wir widmen uns intensiv systemischen Fragestellungen der Energiewende. Unterschiedliche Akteure aus unterschiedlichen Sektoren zusammenzubringen, auf gemeinsame Handlungsoptionen zu vereinen und innerhalb dieser Gruppe einen gemeinsamen Spirit und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, das ist bewusstseinsbildend und kann der Politik wichtige Impulse geben.

Außerhalb des Alltagsgeschäftes und der Ausgestaltung von unmittelbar anstehenden Gesetzen brauchen wir Raum für übergreifende Fragestellungen und die Realisierung ganz konkreter Projekte. Angewandte Energiewende eben. Hier hat die dena ein Alleinstellungsmerkmal, auf das wir sehr stolz sind. Dafür bekommen wir übrigens viel positives Feedback. Den Erfolg erkennt man auch daran, dass das Drittmittelgeschäft der dena kontinuierlich wächst und deutlich über fünfzig Prozent unseres Budgets ausmacht.

 
Andreas Kuhlmann: "Wir sollten wieder mehr über das Gelingen von Projekten reden"
Bild: dena



E&M: Gerne wird aber in der Energiewende-Diskussion weiterhin über die Probleme der Vergangenheit lamentiert.

Kuhlmann: Wo es Fehler gab, sollte man die auch sachlich aufbereiten. Aber alle die, die sich in der Energiepolitik immer noch die alten Geschichten von anno dazumal um die Ohren schlagen, sollten vielleicht mal einen gemeinsamen Urlaub auf einer Hallig machen, damit sie sich da ordentlich aussprechen können. Energiewende und Energiepolitik haben sich weiterentwickelt, und wir müssen jetzt schauen, wie wir die nächsten Jahre, die zweite Phase der Energiewende, gestalten.

"Integrated Energy beschreibt, worauf es jetzt ankommt"

E&M: Energiewende als lernendes System?

Kuhlmann: Das ist es wirklich. Wer glaubt, dass man Energiewende im Jahr 2000 mit dem Punkt A beginnt und dann 2050 mit Punkt B abschließt und die beiden Punkte einfach nur mit einer geraden Linie verbinden kann, der irrt. Energiewende findet in Phasen statt. Es ist wichtig, sich darüber im klaren zu sein. In der ersten Phase ging es darum, erneuerbare Energien aus der Nische zu holen und zur tragenden Säule des Strommixes zu machen. Das ist geschafft. Phase eins ist vorbei. Nun stehen andere Dinge auf der Agenda.

 E&M: Wie wird dem bei der dena Rechnung getragen?

Kuhlmann: Die vier Säulen der dena werden in Zukunft folgende sein: Energieeffizienz, intelligente Energiesysteme/systemische Fragen, Stakeholder-Dialoge und Internationalisierung der Energiewende. Außerdem sagt Minister Gabriel, die dena solle auch Think Tank sein. Das ist ein großes Wort. Wir wollen dem durch unsere Arbeit gerecht werden und freuen uns, wenn wir so wahrgenommen werden.
Für die konkrete Arbeit in der dena heißt zweite Phase der Energiewende auch, dass wir mehr bereichsübergreifend zusammenarbeiten. Im BMWi redet man derzeit viel über Sektorkopplung. Bei der Hannover Messe wird im kommenden Jahr „Integrated Energy“ im Fokus stehen. Wir arbeiten hier mit der Messe konzeptionell zusammen. „Integrated Energy“ beschreibt das, worauf es jetzt ankommt, sehr gut. Es gibt eine Vielzahl von Einzelkomponenten aus unterschiedlichsten Sektoren, die für die Energiewende wichtig sind. Wie wir die miteinander so effizient und vernünftig wie möglich verknüpfen können, das wird die Frage der zweiten Phase der Energiewende sein. Technologien wie die Digitalisierung werden dazu einen sehr wichtigen Beitrag leisten.

E&M: Sie haben ja auch schon eine Plattform zur Digitalisierung angekündigt.

Kuhlmann: Die Plattform heißt „Digitale Energiewelt“. Mit diesem vielleicht etwas merkwürdigen Begriff wollte ich deutlich machen, dass es nicht nur um die Energiewirtschaft geht. Es geht um die Welt hinter dem Zähler, vor dem Zähler und rund um den Zähler und vieles mehr. Wir werden das Thema sektorübergreifend bearbeiten. Die klassische Energiewirtschaft ist in der zweiten Phase der Energiewende nur noch ein Player von mehreren. Das ist noch nicht überall angekommen, aber bei der Digitalisierung wird das mit Wucht deutlich. Wir wollen ein gemeinsames Verständnis für das Thema entwickeln und Handlungsoptionen aufzeigen.

E&M: Wo sehen Sie den größten Anpassungsbedarf beim Regulierungsrahmen?

Kuhlmann: Nehmen wir mal den Bereich Verkehr: Wer glaubt, dass wir mit dem gegenwärtigen steuerpolitischen Rahmen und bei den niedrigen Ölpreisen eine Verkehrswende hinbekommen, verkennt die Realität. Da besteht dringender Handlungsbedarf. Ein anderes Beispiel: Wir reden oft über Smart Grids. Ich glaube, dass wir so etwas wie selbst fahrende Netze entwickeln müssen. Alle reden über selbst fahrende Autos, aber nicht über die Regulierungsprobleme, die damit verbunden sind. Bei selbst fahrenden Netzen reden alle über Regulierungsprobleme, aber niemand über das selbst fahrende Netz. Das sollten wir ändern. Ich bin aber, mit Verlaub, skeptisch, dass wir mit der jetzigen Novellierung der Anreizregulierung den Rahmen so setzen, dass alle Akteure sagen: Jetzt geht’s aber los mit den Smart Grids.

E&M: Vielleicht reicht es ja nicht aus, für die neuen Anforderungen immer nur die alten Instrumente zu modifizieren?

"Darauf einstellen, dass weitere größere Veränderungen erfolgen"

Kuhlmann: Was die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode alles angepackt und auf den Weg gebracht hat, ist schon immens! Aber ich frage mich: Was machen wir eigentlich in der nächsten Legislaturperiode? Für die jetzige war die Politik durch die langen Debatten im Vorfeld recht gut vorbereitet. Mein Eindruck ist, dass gegenwärtig viele meinen, mit all den Gesetzen, die nun auf den Weg gebracht wurden, muss doch jetzt erst mal wieder Ruhe sein. Aber die aktuellen Gesetze und Instrumente werden uns bei den energiepolitischen Zielen nicht lange weiterbringen. Die nächste Legislaturperiode geht über das Jahr 2020 hinaus – es ist Zeit, sich darauf vorzubereiten. Niemand wird behaupten, das Strommarktgesetz werde das Klimaproblem im Stromsektor lösen. Trotzdem wird jetzt das Gefühl vermittelt, dass es danach keine größeren Eingriffe mehr geben sollte. Wir werden uns aber darauf einzustellen haben, dass hier weitere größere Veränderungen erfolgen. Die Alternative wäre wohl eine Debatte über die Zielerreichung.

E&M: Glauben Sie beim Thema Gebäude, dass, nachdem keine steuerliche Förderung zustandekam, die Ausweitung der Förderung über MAP und KfW ausreicht?

Kuhlmann: Es ist zu früh, das Spiel abzupfeifen. Immerhin: Im Vergleich zur letzten Legislaturperiode ist viel erreicht: Energieeffizienz ist jetzt Kernziel der Energiewende und hat oberste Priorität. Wir haben einen nationalen Aktionsplan Energieeffizienz und ein Aktionsprogramm Klimaschutz mit vielen Maßnahmen. Auch wenn das nicht alles so schnell umgesetzt wird wie geplant, darf man jetzt nicht so tun, als sei alles schon gescheitert. Ich finde es gut, dass das Bundeswirtschaftsministerium im kommenden Jahr eine Kommunikationsoffensive zum Thema Energieeffizienz vorhat. Da geht noch mehr als manche denken.

E&M: Denken Sie mehr an die Industrie oder an die privaten Haushalte?

Kuhlmann: Ich sehe bei der Industrie aktuell großes Interesse. Viele haben erkannt, dass Energieeffizienz auch Innovationstreiber ist. Unternehmen sehen, dass es sich lohnt. Für die energetische Sanierung müssen wir noch mehr mit „aufsuchender“ Energieberatung arbeiten, über Quartiersansätze nachdenken. Ich erhoffe mir Schwung von der Kommunikationskampagne des BMWi. In Zeitungen liest man oft über Probleme, aber in Wirklichkeit sind die allermeisten, die eine Sanierung gemacht haben, damit sehr zufrieden. Auch in der Start-up-Szene tut sich einiges zu diesem Thema. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

E&M: Wir wollen die Energiewende ja internationalisieren. Die dena ist seit Jahren auch im Ausland aktiv. Wie geht es da weiter?

Kuhlmann: Wir wollen uns fokussieren und vielleicht auch neue Prioritäten setzen. Zwei Beispiele: Wir haben in China nach einer längeren Anlaufzeit eine ganze Reihe spannender Projekte, etwa im Bereich der Gebäudeeffizienz. Viele Städte bitten uns, eine Klima- und Energiemanagement-Studie für sie zu erstellen. In der Provinz Hebei kümmern wir uns um systemische Fragestellungen. Auch aus der Industrie kommen mehr und mehr Nachfragen. Neu ist die deutsch-französische Energieplattform, dazu werden wir 2016 etwas präsentieren. Es ist sicher für die Unternehmen spannend, Kooperationen auszutesten und zu zeigen, dass man Energiewende auch in internationaler Partnerschaft angehen kann. In der Ukraine werden wir jetzt mithelfen, eine Roadmap für Energieeffizienz zu entwickeln. Das Land wird mit Projektideen überschüttet, aber tausend Modellprojekte bringen weniger als eine vernünftige Roadmap, an der man sich orientieren kann. Sie sehen also, ob national oder international: Der dena werden die Projekte nicht ausgehen. Es bleibt spannend.
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
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Freitag, 18.12.2015, 10:41 Uhr

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