• An allen Enden fester
  • OGE arbeitet mit Lkw-Herstellern zusammen
  • Verbände fordern mehr Hilfen bei Effizienz-Projekten
  • Vonovia will mehr Mieterstromanlagen bauen
  • Projektplaner von Amprion erhalten eigenes Bürogebäude
  • BEE: Energiewende braucht schnell mehr grüne Stromerzeugung
  • Aufbruch in die E-Luxusklasse mit reichlich Kilowatt
  • Feldversuch in Tamm macht Netze BW fit fürs Elektromobilität
  • Uniper klagt gegen niederländischen Kohleausstieg ohne Entschädigung
  • Netzagentur kürzt Gebotsvolumen um 250 MW
Enerige & Management > Wasserstoff - Krasser: "Der Wasserstoff fällt nicht vom Himmel"
Bild: Fotolia
WASSERSTOFF:
Krasser: "Der Wasserstoff fällt nicht vom Himmel"
Wie sich das oberfränkische Wunsiedel ins Wasserstoffzeitalter aufmachen will, erklären in einem E&M-Gespräch Stadtwerkechef Mario Krasser und sein Berater Heribert Sterr-Kölln.
 
Seit Anfang dieses Jahrtausends hat sich das oberfränkische Wunsiedel zum einem der wenigen Ökoenergienleuchttürme im Freistaat Bayern gemausert. Die Stadtwerke in der 10.000-Einwohner-Kommune, die SWW Wunsiedel GmbH, haben in den vergangenen Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag in erneuerbare Energien investiert, unter anderem in Solar- und Windparks, in Biomasseheizkraftwerke mit angeschlossenen Nahwärmenetzen sowie in die Pelletproduktion und in Batteriespeicher.

Motor dieser Entwicklung ist Geschäftsführer Marco Krasser, der Mitte der 1990er-Jahre als Praktikant seine ersten Schritte im Unternehmen gemacht hat. Der von ihm forcierte „Wunsiedler Weg Energie“ ist zwischenzeitlich mehrfach ausgezeichnet worden.

Dass der Wunsiedler Kommunalversorger nun auch bei der Wasserstoffherstellung vorprescht, ist keine Überraschung. Vor wenigen Wochen gaben die Oberfranken zusammen mit ihren Partnern Siemens Project Ventures GmbH und dem Unternehmen Rießner Gase GmbH die Gründung der „WUN H2 GmbH“ bekannt, die für die Planung, den Bau und Betrieb eines 6-MW-Elektrolyseurs auf Basis des sogenannten PEM-Elektrolyseverfahrens (PEM für Proton Exchange Membrane) verantwortlich zeichnet − einem Verfahren, das im Vergleich zur traditionellen Alkali-Elektrolyse besser mit der stark schwankenden Einspeisung von Wind- und Solarstrom zurechtkommen soll. Vorgesehen ist, die Anlage in zwei Schritten bis zu einer Gesamtleistung von 17,5 MW zu erweitern.

Der Elektrolyseur, der ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben werden soll und damit CO2-frei arbeitet, kann in der ersten Ausbaustufe über 900 Tonnen Wasserstoff pro Jahr herstellen. In der letzten Stufe ist ein Ausbau bis 2.000 Tonnen jährlicher Produktionsleistung geplant. Der Betriebsbeginn der Anlage ist für das zweite Quartal 2022 vorgesehen.

Den so hergestellten Wasserstoff wollen die Projektpartner gezielt in der Region Nordbayern einsetzen. Bislang müssen dort Kunden, die das Gas benötigen, über Lastwagen mit Druckgasbehältern beliefert werden. Die Anlage soll außerdem durch ihre Leistungsaufnahme das Stromnetz flexibler machen. Geplant ist später auch eine öffentliche Wasserstofftankstelle für Lkw und Busse, möglicherweise auch für Pkw. Der in der H2-Produktion anfallende Sauerstoff und die Niedertemperaturabwärme werden nach Angaben der SWW an nahe gelegene Industriebetriebe geliefert.

Über die eigenen Wasserstoffpläne, aber auch über die im Sommer 2020 vom Bundeswirtschaftsministerium vorgestellte Nationale Wasserstoffstrategie sprach E&M mit SWW-Geschäftsführer Marco Krasser und Heribert Sterr-Kölln vom Freiburger Consultingunternehmen Sterr-Kölln & Partner, der die Oberfranken auch über das Tochterunternehmen Endura kommunal seit Jahren bei der Gestaltung ihrer Erneuerbare-Energien-Zukunft berät.
 
E&M: Herr Krasser, Herr Sterr-Kölln, Wasserstoff ist bei Ihnen in Wunsiedel schon weit vor der Veröffentlichung der Nationalen Wasserstoffstrategie ein Thema gewesen. Sehen Sie die Bundesregierung auf dem richtigen Weg ins Wasserstoffzeitalter?

Krasser: Das wäre schön. Dem vom Bundeswirtschaftsministerium erarbeiteten Papier fehlt leider eine übergeordnete Dekarbonisierungsstrategie. Es ist überhaupt nicht in Überlegungen eingebettet, wie bis 2050 hierzulande die Klimaneutralität erreicht werden kann und muss. Das ist ernüchternd.

„Es fehlt eine klare Ausbaustrategie für erneuerbare Energien“

Sterr-Kölln: Die Fachleute aus dem Haus von Wirtschaftsminister Altmaier haben die Ausbaupläne ihrer Nationalen Wasserstoffstrategie in erster Linie auf eine internationale Zusammenarbeit ausgerichtet, das heißt Export von Technologie aus Deutschland und Import von Wasserstoff aus dem Ausland. Die Wasserstoffstrategie hat einen entscheidenden Fehler: Sie unterschlägt die noch lange nicht ausreichend entwickelten Potenziale erneuerbarer Energien hierzulande, die unseres Erachtens bevorzugt für die Wasserstoffherstellung genutzt werden müssen. Was bei der Wasserstoffstrategie fehlt, ist eine klare Ausbaustrategie für erneuerbare Energien vor Ort in Deutschland. Grüner Wasserstoff wird erst dann nachhaltig, wenn dafür erneuerbare Energien aus dem eigenen Land genutzt werden. Für die gewaltigen Mengen, die künftig in der Industrie und im Schwerlastverkehr benötigt werden, führt nichts an einem konsequenten Ausbau regenerativer Energien zwischen deutsch-dänischer Grenze und dem Alpenvorland vorbei.

E&M: Herr Krasser, teilen Sie diese Auffassung?
 
Mario Krasser: „Der Nationalen Wasserstoffstrategie fehlt eine übergeordnete Dekarbonisierungsstrategie“
Bild: SWW Wunsiedel GmbH

Krasser: Zu den wichtigsten Lehren aus der Corona-Pandemie gehört doch auch die Erkenntnis, dass sich Deutschland nicht zu stark von Importen abhängig machen darf. Um Abhängigkeiten nicht ausufern zu lassen, ist es meines Erachtens wichtig, dass wir künftig beim Wasserstoff nicht überwiegend abhängig von Einfuhren aus dem Ausland werden wie beispielsweise bei Erdöl oder auch Erdgas. Durch einen konsequenten Ausbau von heimischen erneuerbaren Energien vermeiden wir auch geopolitische Risiken. Wir haben bei unseren Gesprächen im Bundestag und im Bayerischen Landtag leider auch feststellen müssen, dass Politiker und Ministerialbeamte der irrigen Auffassung sind, dass der Wasserstoff quasi gottgegeben ist − wie eine unerschöpfliche Energiequelle. Es wird viel geredet und gefördert, wenn es um Wasserstofftransportnetze oder -tankstellen geht. Die entscheidende Frage, woher künftig die erneuerbare Energie kommt, aus der Wasserstoff erzeugt werden kann, wird national zu wenig beachtet. Klar sollte jedem sein, dass Wasserstoff nicht vom Himmel fällt. Für mich ist das größte Manko des Wasserstoffplans von Minister Altmeier: Wir haben eine Technologiestrategie vorgelegt bekommen, aber keine Versorgungsstrategie. Das muss schnell geändert werden.

Sterr-Kölln: Was wir nicht brauchen, sind die anhaltenden Debatten um die Farbe des Wasserstoffs: blau, türkis oder sonst wie. Wasserstoff muss künftig überwiegend aus grünen Quellen stammen. Und dafür müssen wir unsere nationalen Möglichkeiten viel, viel mehr nutzen. Der Wasserstoff muss da erzeugt werden, wo es günstige Möglichkeit gibt, regenerative Kraftwerke zu errichten und zu betreiben, und dabei quasi nebenbei einen Beitrag zur Netzstabilisierung leisten können.
 
So könnten die Wasserstoffaktivitäten künftig in den Wunsiedler Energiepark eingebunden werden
Grafik: SWW Wunsiedel GmbH

E&M: So richtig ist diese Einschätzung bei dem Wasserstoffhype, den wir seit Monaten erleben, aber noch nicht angekommen.

Sterr-Kölln: Was ich schlimm finde. Mit der jetzt vorliegenden Wasserstoffstrategie bereitet Deutschland den Weg vor, sich bei dem Energieträger der Zukunft sehr abhängig von ausländischen Importen zu machen. Wir sind dabei, uns nach der Photovoltaiktechnologie, bei der Deutschland in den Jahren 2000 bis 2010 führend gewesen ist, wieder von einer Zukunftstechnologie zu verabschieden und die Chancen für die einheimische Wertschöpfung nicht im möglichen Umfang wahrzunehmen.

E&M: Machen wir uns doch bitte nichts vor, der Ausbau erneuerbarer Energien hierzulande ist alles andere als ein Selbstläufer.
 
Credo von Heribert Sterr-Kölln: „Grüner Wasserstoff wird erst dann nachhaltig, wenn dafür erneuerbare Energien aus dem eigenen Land genutzt werden“
Bild: Unternehmensberatung Sterr-Kölln
 

Sterr-Kölln: Klar, weiß ich um die Widerstände gegen den Windkraftausbau. Bislang hat es aber kaum eine wirkungsvolle Akzeptanzstrategie von Seiten der Politik gegeben. Deshalb muss meines Erachtens neben deutlichen Verbesserungen für die Windindustrie − hier reicht die aktuelle Novellierung des EEG bei Weitem nicht aus − die Photovoltaiknutzung immens ausgebaut werden. Es gibt immer noch zig Millionen Dächer, die für Photovoltaik genutzt werden können. Auch ein maßvoller Ausbau von Freiflächenanlagen kann wesentlich zu einer deutlichen Steigerung der Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien beitragen. In Verbindung mit der dynamischen Entwicklung der Digitalisierung können die regenerativen Energien ein solides Fundament für die künftige Wasserstoffherstellung in Deutschland werden.

„Noch setzen wir auf Ökostrom auf Basis von Herkunftsnachweisen“

E&M: Herr Krasser, können Sie für Ihre geplante Wasserstoffproduktion auf genügend Grünstrom aus dem eigenen Landkreis zurückgreifen?

Krasser: Wir hätten rechnerisch genügend Grünstrom aus unserem, aber auch aus dem benachbarten Landkreis, um unsere Anlage beliefern zu können. Wir können alle diese regenerativen Anlagen jedoch nicht nutzen, da sie eine Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten. Also setzen wir noch auf Ökostrom auf Basis von Herkunftsnachweisen. Und wir setzen darauf, dass wir künftig den Strom aus den Anlagen nutzen können, die aus der EEG-Vergütung fallen. Wir müssen schnellstmöglich ein Post-EEG-System etablieren, das die Erneuerbaren nicht als Nische, sondern als Hauptenergieträger betrachtet.

E&M: Haben Sie in Ihrem Landkreis Kunden für grünen Wasserstoff?

Krasser: Ein hier ansässiger Keramikhersteller hat bereits signalisiert, dass er in grünem Wasserstoff einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz aus Asien sieht. Noch ist der Einsatz von Wasserstoff zu teuer. Aber wir haben mit Rießner Gase GmbH einen erfahrenen Partner, der bereits heute große Mengen an Wasserstoff vertreibt. Dennoch halte ich ein Förderprogramm vonseiten der Bundes- oder der Landesregierung während des Markthochlaufs für durchaus angebracht.
 
Blick auf den heutigen Wunsiedler Energiepark aus der Vogelperspektive
Foto: SWW Wunsiedel GmbH

Sterr-Kölln: Für mich ist Wunsiedel ein gelungenes Beispiel dafür, wie auch kleinere Kommunen Akzente bei der Wasserstoffherstellung und -nutzung setzen können. Das ist enorm wichtig, denn die Energiewende und die künftige Wasserstoffwirtschaft finden dezentral statt. E&M
 
 

Ralf Köpke
© 2021 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 11.02.2021, 08:45 Uhr

Mehr zum Thema