• Strom und CO2 fester, Erdgas wenig verändert
  • Darf ein Grundversorger einfach so aufgeben?
  • Smart City House in Osnabrück ins Leben gerufen
  • Schnellladepark verbindet künftig Berlin und München
  • EU sucht Weg aus dem Energiepreisdilemma
  • Aus Creos und Enovos wird Encevo
  • Die Welt gewinnt Erneuerbaren-Jobs, Deutschland verliert sie
  • Impulse für den Glasfaserausbau
  • BGH fällt kein Urteil im Streit über Solarmodule als Anlageobjekte
  • Stromnetzbetreiber rüsten auf
Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungausgabe - Kommt ein Vogel geflogen
Bild: Fotolia.com, DeVIce
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGAUSGABE:
Kommt ein Vogel geflogen
Vogeldetektionssysteme entschärfen Konflikte zwischen Windkraft und Artenschutz. Anbieter und Anwender berichten über Fortschritte in der Technik − aber kaum bei den Behörden.
 
Kommt ein Vogel geflogen, legen Windenergieanlagen binnen 30 Sekunden eine Pause ein; fliegt er davon, beginnen die Rotoren wieder ihren Kreislauf. An diesem Idealbild arbeiten Entwickler von Antikollisionssystemen (AKS) für jene Fälle, in denen gefährdete Arten und die Riesen der Energiewende sich in die Quere kommen.

In hiesigen Breiten ist es vielfach der Rotmilan, den es vor den rotierenden Flügeln der Turbinen zu schützen gilt. Die gebotene Rücksicht auf Rotmilane führt bis heute mitunter zu stundenlangen oder gar mehrtägigen Abschaltphasen von Windkraftanlagen. Oder sie verhindert Parks in Gänze. Die Suche nach hoch wirksamen Schutzmaßnahmen soll Tier und Turbinen miteinander versöhnen und der Windenergie wichtige Flächen öffnen. Nach ausgiebigen Studien scheint sich nun ein auf Kameras basierendes Detektionssystem herauszukristallisieren, das die hohen Erwartungen an die Vogelerkennung und einen bedarfsgerechten Abschaltmechanismus gleichermaßen erfüllt: Es ist das in den USA entwickelte „IdentiFlight“.

Ritterschlag durch das KNE

Als „reif für die Praxis“ hat Elke Bruns, Abteilungsleiterin beim Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE), Identiflight jüngst nach Abschluss und Auswertung einer Testreihe bezeichnet. Damit könnte Identiflight im Genehmigungsprozess zum entscheidenden Argument für einen Windpark werden, wenn alle anderen Schutzmaßnahmen zur Verringerung des Tötungsrisikos relevanter Vogelarten ausgeschöpft sind. Nehmen die Vogelschutzsysteme ihren Dienst auf und machen so pauschale (und damit lange) Abschaltungen unnötig, können Windparks ihre Ertragseinbußen enorm reduzieren. Das KNE kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Verluste von durchschnittlich 28,6 % auf nur noch 0,4 bis 2,3 % des Jahresertrags sinken können.

So weit, so gut? Dass der Jubel in der Windbranche verhalten ausfällt, mag zunächst irritieren. Identiflight ist zwar aufgrund der Kombination von Weitwinkelkameras und einer Stereokamera, die Position und Art der in die Gefahrenzone fliegenden Vögel sehr genau bestimmt, das technisch ausgeklügeltste System. Auch erfüllt es viele Anforderungen, die das KNE in einer Checkliste für Genehmigungsbehörden formuliert hat, in hohem Maße: mit Werten bis über 90 %. So deckt es eine große Reichweite im 360-Grad-Radius ab, erfasst die Vögel mit ihrer Flugrichtung und unterscheidet zudem die Arten.
 
Nur Stereokameras wie hier am Fuß eines deutschen Windrads können messen, wie weit sich Vögel angenähert haben, ohne etwa eine Taube mit einem Bussard zu verwechseln
Quelle: Bürgerwindpark Hohenlohe GmbH
 
Quelle: Bürgerwindpark Hohenlohe GmbH

Allein, Identiflight ist mit mutmaßlich sechsstelligen Anschaffungskosten auch eines der teuersten Systeme. Je nach Größe eines Parks sind immer gleich mehrere Systeme nötig.

Identiflights Wettbewerber

Zudem legen Testsieger allgemein die Latte hoch für die konkurrierenden Systeme. Diese nennen sich „BirdScan“, „Robin Radar“, „Bird Recorder“, „SafeWind“, „BirdVision“ oder „Bioseco“ und setzen teils (zusätzlich) auf Radartechnik, um einen größeren Bereich um die Windtürme herum beobachten zu können. Sie alle reichen unter dem Strich entweder nicht ganz an die vom KNE empfohlenen Mindestwerte bei Reichweite und Erfassungsqualität heran und rangieren hinter Identiflight oder befinden sich noch in Praxistests.

Johannes Lackmann, Windenergiepionier aus dem Paderborner Land, ficht das nicht an. Der Gründer der „WestfalenWind GmbH“ sieht gewisse Kriterien pragmatischer. Sein Unternehmen vertraut dem französischen System Safe Wind. Es sieht vier Kameras an einem Turm vor und kostet pro Anlage etwa 30.000 Euro. Der Rotmilan werde durch dieses System effizient erkannt und geschützt. Und nicht nur er. „Wir schalten die Anlagen automatisch auch für den Bussard ab“, sagt Lackmann, „also vielleicht unnötig viel, aber gewiss nicht zu wenig.“

Ein Gericht macht den Weg frei

Safe Wind hat auf andere Art den Eignungstest bestanden. Das Verwaltungsgericht Minden hat mittlerweile die vorgelegten Gutachten über die Tauglichkeit des Systems anerkannt und damit Bewegung in ein seit 2016 brach liegendes Repowering-Projekt gebracht. Gegen den Ersatz zehn alter Anlagen in Bad Wünnenberg (NRW) durch acht moderne hatte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) geklagt und dies mit der Gefahr für den Rotmilan begründet. Das Gericht winkte Safe Wind indes als geeignete Auflage durch, der neue Windpark südlich von Paderborn kann kommen.

Und andernorts das erste Landratsamt

Eine weitere Erfolgsmeldung kommt derweil aus dem Nordosten Baden-Württembergs. Die Entwickler von Bird Vision, die Bürgerwindpark Hohenlohe GmbH und ihre Tochter Bird Vision GmbH & Co. KG, dürfen im eigenen Windpark Weißbach ihr System von sofort an einsetzen. Geschäftsführer Markus Pubantz spricht vom „ersten genehmigten Vogelschutzsystem in Deutschland“.

Den Segen durchs Landratsamt Hohenlohekreis hat ein Erprobungsbetrieb erhalten, um die Abschaltzeiten während der anstehenden Feldbewirtschaftung zum Schutz des Rotmilans zu minimieren. Zur Sicherheit kontrollieren Biologen die Abschaltungen an den 21 Anlagen in diesem Jahr noch. Von 2022 an soll das System in Stufen vollautomatisch laufen. Pubantz erhofft sich für sein System auch Absatzmöglichkeiten in der Branche.

Um Abschaltzeiten und hohe Ertragsausfälle zu reduzieren, würde Johannes Lackmann sofort eine Stange Geld in die Hand nehmen. Bis zu 200 Windenergieanlagen im Bestand des Unternehmens könnte das System Safe Wind erhalten. Wenn es denn eine allgemeine Anerkennung dafür gebe und nicht an jedem Windenergiestandort ein Praxistest obligatorisch sei, der im Zweifel auch noch vor Gericht Bestand haben müsse. Was fehlt, ist eine Anerkennung in den Leitfäden der Bundesländer zum Artenschutz oder durch Fachbehörden wie das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV).

Behörden warten auf Rückendeckung

Zumindest in den Entwurf des neuen sächsischen „Leitfadens Vogelschutz an Windenergieanlagen“ haben es die Systeme als regelmäßig zu prüfende Schutzmaßnahme geschafft. „Kreisverwaltungen können als Genehmigungsbehörden eigentlich aus eigenem Ermessen über die Zulassung von Detektionssystemen befinden“, sagt Lackmann, „sie warten aber auf eine Rückendeckung von höherer Stelle. So trifft keiner eine Entscheidung.“ Lackmann wartet bis heute auf eine Einschätzung des LANUV und des Landkreises Paderborn zu den Safe-Wind-Gutachten.

Ein Zertifikat einer offiziellen Prüfeinrichtung könnte in Zukunft die Unsicherheit über die technische Reife von Detektionssystemen beseitigen. Andreas Schneider vom TÜV Nord, der in die Tests von Identiflight einbezogen war, plädiert dafür, zunächst eine Norm für Kollisionsschutzsysteme zu entwickeln: „Ohne eine solche Norm fehlt die Grundlage für eine Prüfung.“ Johannes Lackmann dagegen sieht durch den vermutlich langwierigen Normungsprozess weitere „verlorene Jahre“ für die Energiewende aufziehen, die nicht nötig seien.

Andere Erkenntnisse über Flugverhalten

Ohnehin ist die Frage weiterhin unbeantwortet, welcher Gefahr durch Rotoren Arten wie der Rotmilan oder der Schwarzstorch tatsächlich ausgesetzt sind. Eine umfangreiche Studie aus Dänemark hat zuletzt das Risiko für Kurzschnabelgänse und Kraniche, in einem Windpark in Nordjütland zu Tode zu kommen, nahezu ausgeschlossen. Zu 99,9 % würden die Tiere den Flügeln der Anlagen ausweichen. Der Park hat keine Systeme, die Windräder bei Bedarf abschalten oder durch Geräusche Vögel vergrämen.

Womöglich kommen Antikollisionssysteme aber auch in der Frage des Tötungsrisikos bald zu gesicherten Daten. Schließlich dient die hinter ihnen liegende Software in einigen Fällen auch dem Monitoring, also dem statistischen Erfassen von Flugbewegungen. Damit lassen sich mit der Zeit genauere Aussagen auch über das Flugverhalten zum Beispiel von Rotmilanen in der Nähe von Windenergieanlagen treffen. Die Entwickler von Bird Vision sprechen anhand ihrer Daten von acht Windturbinenstandorten bereits jetzt davon, dass Großvögel drehende Rotorblätter „konkret meiden“.

Erprobungstests, Leitfäden, DIN-Norm, Tötungsrisiko. Um mit Elke Bruns vom KNE zu sprechen: Bei den Detektionssystemen gibt es „noch viel zu tun“. Das KNE als gemeinnützige und vom Bundesumweltministerium finanzierte GmbH geht dabei mit gutem Beispiel voran. Es ist als Kooperationspartner an einem Forschungsprojekt der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) beteiligt, das das Brandenburger Energieministerium mit 1,8 Mio. Euro fördert. Bis 2022 unterziehen die Forschenden dort ein Radarsensor- und ein Kamerasystem ausgiebigen Tests. Womöglich ist bald noch mehr „reif für die Praxis“ als das vom KNE als Klassenprimus bewertete Identiflight-System.
 

Volker Stephan
© 2021 Energie & Management GmbH
Montag, 20.09.2021, 10:05 Uhr

Mehr zum Thema