• Gas: Preise geben nach
  • Strom: Wenig Wind und Sonne treiben den Day Ahead
  • Deutschlands Weg in die Wasserstoffwirtschaft
  • E-Bus-Testphase in Würzburg angelaufen
  • DIW gegen zusätzliche Erdgas-Infrastruktur
  • BEM für mehr Wettbewerb an der Ladesäule
  • Umweltminister fordern grünen Aufschwung
  • Viel Sympathie für Eigenstrom vom Dach
  • Corona-Krise als Weckruf für die Wirtschaft verstehen
  • Kommunen sollen Ladesäulenausbau steuern
Enerige & Management > Meinung - Kommentar: Zuviel zu schnell gewollt
Bild: Fotolia.com, Do Ra
MEINUNG:
Kommentar: Zuviel zu schnell gewollt
Es heißt Abschied zu nehmen von einem Pionier der deutschen Offshorewind-Industrie, der Bard-Gruppe.
 
Just in dem Moment, in dem die Geschäftsführung die Fertigstellung des mit 400 MW größten Hochseewindparks hierzulande vermeldete, ist absehbar, dass es das Unternehmen in dieser Form nicht mehr lange geben wird. 120 Mitarbeiter bekommen noch im August die Papiere, wieviele von den noch verbleibenden 540 Beschäftigten gehen müssen, ist derzeit unklar. In Hochzeiten standen bei Bard mehr als 1 200 Leute auf der Lohnliste. Das war zu Zeiten, als das Management um den skurrilen, im russischen Gasgeschäft reich gewordenen Firmengründer Arngolt Bekker glaubte, allein Maßstäbe bei der Energiegewinnung auf See setzen zu können. Bard fertigte nicht nur eigene Windturbinen, Rotorblätter und Fundamente, sondern finanzierte auch ein Errichterschiffe nach eigenen Vorstellungen.

Getrieben war das alles nicht nur von einem enormen Ehrgeiz. Viele Komponenten, die Bard für seine Projekte auf See brauchte, gab es so nicht auf dem Markt. Deshalb gab Bekker, Ex-Aufsichtsrat des Energieriesen Gazprom, die Devise aus: „Wir machen alles selbst“. Nur dieser Weg ging ins Geld. Und zwar so sehr, dass auch dem schwerreichen Bekker das Geld ausging.

Bekker und seine Truppe haben die Dimensionen ihres Abenteuers auf See unterschätzt. Bereits wenige Zahlen lassen die großen Herausforderungen erahnen: Die 80 Windturbinen der 5-MW-Klasse sind draußen auf See verteilt auf einer Gesamtfläche von 60 km2, was der Fläche von mehr als 8 500 Fußballfeldern entspricht. Noch hat niemand ausgerechnet, wieviele Autos sich von dem für die Windturbinen und Fundamente eingesetzten Stahl bauen lassen, zusammen sind das für das Bard-Projekt über 120 000 t.

Eigentümer des Bard-Windparks ist nach wie vor die UniCredit-Bank

Bard hat reichlich Lehrgeld bezahlt. Das erklärt auch, warum die Restarbeiten für das Projekt „Bard Offshore I“ wohl erst im kommenden Frühjahr endgültig abgeschlossen sein werden. Nach den ursprünglichen Plänen hätten die 80 Riesenpropeller und der Windpark, der nach wie vor der UniCredit-Bank gehört, bereits Ende 2010 am Netz sein sollen. Diese gigantische Verzögerung zeigt aber auch, mit welchen großen Herausforderungen es die maritimen Kraftwerksbetreiber zu tun haben – ganz unabhängig von den fehlenden, von TenneT zu verantwortenden Netzanschlüssen.

Allerdings profitiert auch die deutsche Offshore-Windbranche von Bard. Der 2003 aus dem Nichts gründete Newcomer hat gezeigt, dass sich Windturbinen 100 km fern der Küste bauen lassen. Die Nachfolgeprojekte profitieren von den (teils negativen) Erfahrungen, die Bard bei der Schiffs- und Errichtungslogistik, bei der Personalplanung oder vom Ablaufmanagement gemacht hat.

Bard hat Pionierarbeit geleistet, von dem das Unternehmen selbst wirtschaftlich kaum profitieren wird. Die Fertigung für die Fundamente in Cuxhaven und die Rotorblätter in Emden ist bereits eingestellt worden. Bislang hat sich auch kein Investor gefunden, der die Bard-Windturbinentechnologie übernehmen will. Trotz einer rechtsgültigen Genehmigung wird es zu keinem Nachfolgeprojekt kommen, angesichts der aktuell unsicheren politischen Rahmbedingungen wird sich derzeit für solch ein milliardenschweres Projekt kein Investor finden.

Dass sich Bard künftig die Wartung und den Service für Windturbinen auf See und auch an Land übernehmen will, ist ein trauriger Abgesang auf die einst ambitionierten Pläne, Nummer eins bei der Offshore- Windkraftnutzung in Deutschland zu werden. Bard hat zu viel zu schnell gewollt. Da mag es wenig trösten, dass Bard als das Unternehmen in die Geschichtsbücher eingehen wird, dass hierzulande den ersten wirklich großen Hochseewindpark gebaut hat.
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Dienstag, 20.08.2013, 14:24 Uhr

Mehr zum Thema