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Enerige & Management > Windkraft - Kein Allheilmittel, aber PPAs sind im Kommen
Bild: Ulrich Mertens
WINDKRAFT:
Kein Allheilmittel, aber PPAs sind im Kommen
Im Trend: Power Purchase Agreements gewinnen für den Weiterbetrieb alter Windturbinen und zur Finanzierung neuer Windparks auch hierzulande endlich an Bedeutung.
 
Wenn eine Abkürzung in der heimischen Windbranche in den zurückliegenden Monaten eine steile Karriere gemacht hat, dann sind es die drei Buchstaben PPA. Vor allem als Stromvermarktungsoption für die Windturbinen, die ab Anfang 2021 keine Vergütung mehr nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten, avancierten die Power Purchase Agreements zuletzt für viele zu so etwas wie einem Rettungsanker.

Kurz vor Beginn der Hamburger Windmesse haben gleich zwei Unternehmen Stromlieferverträge als PPA für sogenannte Ü20-Anlagen bekannt gegeben. So einigte sich Greenpeace Energy mit den Betreibern des nordfriesischen Windparks Ellhöft, dessen sechs Anlagen es auf eine Leistung von 7,8 MW bringen, auf einen PPA mit fünfjähriger Laufzeit − und zwar auf Basis eines Fixpreises, der über eine Preisgleitklausel während der Laufzeit noch angepasst werden kann.

Nils Müller, Vorstand von Greenpeace Energy, zeigte sich zufrieden mit der Vereinbarung: „Wir als Ökoenergielieferanten beziehen Windstrom zu einem fixen, auskömmlichen Preis und stärken die direkte Verbindung zwischen unseren sauberen Lieferkraftwerken und unseren Kunden.“ Die Strommengen aus Ellhöft werden helfen, den Windstromanteil bei Greenpeace Energy von derzeit schon rund 50 % zu stützen oder sogar noch zu steigern.

Den Vertrag mit den nordfriesischen Windmüllern wertete Müller außerdem als wichtigen Baustein, der mit zum Erfolg der Energiewende beiträgt: „Windturbinen, die aus der EEG-Förderung fallen, werden ohne solche Verträge vermutlich abgebaut und tragen dann nicht mehr dazu bei, die deutschen CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung zu reduzieren.“

48 Stunden früher hatte Statkraft Markets, hierzulande größter Direktvermarkter, ihren PPA-Deal für gleich sechs Bürgerwindparks mit der Phoenix Energie GmbH verkündet. Die Stromabnahmeverträge mit einer Laufzeit zwischen drei und fünf Jahren umfassen eine Gesamtleistung von 45 MW. Statkraft-Geschäftsführer Carsten Poppinga sprach von einer „neuen Zeitrechnung“ für die hiesige Windbranche:

„Unsere Vereinbarung zeigt, dass in vielen Fällen ein Betrieb von Windturbinen ohne Förderung möglich ist, wenn marktorientiertes Handeln, eine gezielte Vermarktung und ein effizienter Anlagenbetrieb zusammenkommen.“ Abnehmer des Windstroms ist ein Industriebetrieb, über dessen Namen sich Statkraft erst einmal ausschwieg.

„Für den Weiterbetrieb wichtiger Schlüssel bei passender Kostenstruktur“

Immerhin, der Anfang mit grünen PPA ist nun geschafft. Bislang waren solche Stromabnahmeverträge für Windmüller dank der wirtschaftlichen EEG-Vergütung kein Thema. „Gerade für den Weiterbetrieb von Altanlagen könnten PPA mit relativ kurzen Laufzeiten nun zu einem wichtigen Schlüssel werden, sofern die Mühlen über eine passende Kostenstruktur verfügen“, prognostiziert Nicolai Herrmann, Strommarktexperte vom Beratungsunternehmen Enervis Energy Advisors: „PPA werden immer da relevant, wo sie attraktiver sind als andere finanzielle Alternativen zum Weiterbetrieb.“

Diese Stromabnahmeverträge, die im angelsächsischen Raum oder in Skandinavien längst zu den Standardinstrumentarien in der Energiewirtschaft zählen, seien aber „kein Messias für künftige Windparkfinanzierungen bei Neuprojekten“. Dagegen sprächen schon die jüngsten Auktionsergebnisse in Deutschland mit einem durchschnittlichen Zuschlagswert von über 6 Ct/kWh. „Mit einer solch auskömmlichen Förderung ist der Leidensdruck für Investoren und Projektierer nicht vorhanden, um weniger gut dotierte PPA-Verträge abzuschließen, die zudem ein anderes energiewirtschaftliches Risikoprofil aufweisen als die EEG-Vergütung“, sagt Herrmann.

Auch Arndt Christian Engell warnt die Windbranche davor, in den PPA-Verträgen ein „Allheilmittel“ für künftige Finanzierungen von Windparks zu sehen. „Es gibt wirklich keine One-fits-all-Lösung“, sagt der Key Accounter beim Direktvermarkter Neas Energy. Außerdem fehle derzeit die Routine für das komplexe juristische Begleitwerk, das bei PPA-Verträgen üblich ist. PPA, so lautet seine Prognose, werden künftig eine unter einer Reihe von Optionen sein, um bei Banken Kredite für neue Windparks zu bekommen. Neas selbst verhandelt derzeit keinen PPA-Vertrag in Deutschland: „Unser Ziel wird es sein, wenn es soweit ist, den Windstrom für ein Industriekundenportfolio zu nutzen.“

Fakt ist: Die Zahl der grünen PPA wächst, bei denen vor allem Windstrom geliefert wird. Allein für die sogenannten Corporate PPA, bei denen in der Regel ein großes Industrieunternehmen Windstromkunde ist, hatte die HSH Nordbank im Frühjahr für das vergangene Jahr ein abgeschlossenes Rekordvolumen von über 1 400 MW für Europa ermittelt. Dass dabei Unternehmen wie Microsoft oder Google als Abnehmer gewonnen werden konnten, sorgte für (mediale) Aufmerksamkeit. „Die grünen PPA beschränken sich bereits längst nicht mehr auf den IT-Sektor, sondern haben auch andere Branchen wie Stahl, Pharmazie oder Automotive erreicht“, beschreibt Inka Klinger, Abteilung Energie & Logistik sowie Leiterin Vertrieb Deutschland bei dem norddeutschen Bankhaus, die Entwicklung in den vergangenen Monaten.
Im Automobilsektor hat vor wenigen Wochen der Windkraftprojektierer VSB GmbH mit Sitz in Dresden die ersten Windstrom-PPA abgeschlossen – und zwar in Polen.

VSB stemmt ersten Windstrom-PPA in Polen

Als Kunden konnten die Sachsen die Mercedes-Benz Manufacturing Poland gewinnen. Deren neues Produktionswerk im niederschlesischen Jawor wird ab Anfang 2019 komplett mit Windstrom versorgt. Der Grünstrom stammt aus dem rund zehn Kilometer entfernten Windpark Taczalin mit einer Leistung von gut 45 MW, den VSB selbst entwickelt hat und auch seit Ende 2013 betreibt. 

Zufrieden über den Einstieg in den PPA-Markt zeigte sich Marko Lieske, einer der Geschäftsführer der VSB-Gruppe: „Als Projektentwickler leisten wir weit mehr, als ein Windrad auf die grüne Wiese zu setzen. Die Zusammenarbeit mit Mercedes Benz setzt Maßstäbe in der Wind- und Automobilindustrie.“

Wohl noch in diesem Jahr will Vattenfall in Deutschland seine ersten grünen PPA für Firmen präsentieren, deutet Christine Lauber, Director Sales & Origination beim konzerneigenen Energiehandelstochterunternehmen, an: „Das Interesse auf Kundenseite ist bemerkenswert groß.“ Gerade immer mehr Industriebetrieben reiche es nicht mehr aus, ihren Strombezug lediglich mit Zertifikaten „ergrünen“ zu lassen: „Was zählt, ist richtiger Ökostrom.“

Dass Vattenfall auch in Deutschland auf dem an Fahrt gewinnenden PPA-Markt punkten wird, macht Lauber nicht nur an den bereits vorliegenden Erfahrungen mit Auslandsprojekten fest: „Wir haben ein hohes Wissen beim Risikomanagement sowie einen großen Bestand an Großkunden.“ Auch bei der Stromvermarktung von Ü20-Windturbinen will Vattenfall dabei sein. „Das ist ein kleinteiliges Geschäft, das ist uns bewusst“, sagt Lauber, „wir sehen es als unsere Aufgabe an, diese Mengen für unsere Kunden maßgeschneidert zu bündeln.“

Wie Lauber geht auch Dominique Guillou von einem deutlichen Aufschwung beim PPA-Geschäft hierzulande aus. Der Geschäftsleiter von RES Deutschland erwartet sogar, dass erste Abschlüsse bereits vor dem Jahr 2021, also vor Beginn des Post-EEG-Zeitalters, wirksam werden: „Dafür lässt sich die im heutigen EEG vorgesehene Regelung zur sonstigen Direktvermarktung nutzen. Deshalb gibt es rechtlich keine Hürden.“
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 26.09.2018, 16:01 Uhr

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